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Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
The Moral Compass Issue

Guerillamysterium Castor

Obwohl der Atomausstieg von den deutschen Politikern längst beschlossen wurde, pilgerten Umweltaktivisten auch dieses Jahr wieder ins Wendland, um den Castor-Transport zu belagern

von Julius Theis
01 Januar 2012, 12:00am


Die Schotterer versuchen Steine aus dem Gleisbett zu holen, um die Gleise unbrauchbar zu machen. Die Tüte ist gefüllt mit Stroh, um Schlagstöcke abzufedern. Nur kurz nachdem die Gruppe auf den Gleisen war, kam die Polizei und griff zu.

Obwohl der Atomausstieg von den deutschen Politikern längst beschlossen wurde, pilgerten Umweltaktivisten auch dieses Jahr wieder ins Wendland, um den Castor-Transport zu belagern. Dabei kommt es immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen auf beiden Seiten.

An dieser Tradition hat sich in den letzten Jahren nicht viel geändert, außer, dass die Polizisten aggressiver und die Demonstranten organisierter sind als je zuvor. Letztere haben z. B. dieses Jahr bereits Monate zuvor einen Block vorbereitet, an dem sie sich festketten und nur durch besondere Technik wieder entfernt werden konnten.

Grey, ein befreundeter Journalist, und ich wollten die Chance auf ein Großaufgebot der Polizei im Kampf mit wütenden Menschenmengen nicht verpassen und fuhren zur Pressehochburg nach Dannenberg.

Nachdem wir angekommen waren und dem mies gelaunten Polizisten, bei dem wir uns als Pressevertreter auswiesen, den Rücken kehrten, sahen wir die mobilen Büros und Schnittplätze aller bekannten Fernsehsender und Nachrichtenagenturen.

Gelangweilt vom gigantischen Medien- und Polizei-aufgebot, verließen wir die Pressestelle und machten uns auf den Weg nach Metzingen, in eines der sechs Camps, in denen so ziemlich jeder willkommen ist, der sich in irgendeiner Weise gegen den Castor einsetzt.

Dort schien man allerdings zu merken, dass wir eigentlich auch nur das ganze Chaos und die Auseinandersetzungen fotografieren wollten und begegnete uns von vornherein mit Vorsicht. Wir wurden zwar toleriert, aber Freundschaften schlossen wir dort keine. Das lag wahrscheinlich nicht zuletzt daran, dass die Polizei uns in ihrer aufdringlichen Art „Polizei Niedersachsen“-Merchandise Schlüsselbänder untergejubelt hatte, die wir nun durchs Camp spazieren trugen und dabei böse Blicke ernteten.

Weder die Polizisten noch die Demonstranten konnten uns also leiden, und die wenigen Jungs, mit denen wir uns im Camp anfreundeten, mussten eine streng geheime Mission ausführen, bei der wir als potenzielle Spione nicht dabei sein durften.

Die Camps dienen größtenteils der Stationierung der Demonstranten und deren Organisation, bieten aber außerdem kostenlose Verpflegung, Schlafmöglichkeiten und medizinische Versorgung. Durch Live-Ticker, Walkies und Mitfahrgelegenheiten wurde eine sehr gut funktionierende Infrastruktur errichtet, die es allen Aktivisten ermöglicht, ständig vernetzt zu sein, um bei Polizeiangriffen schnell reagieren zu können.

Neben den normalen, friedlichen Demonstranten erkannten wir verschiedene Untergruppen, die auch bei der herkömmlichen Kriegsführung zum Einsatz kommen. Mitglieder eines MCs wurden als Späher eingesetzt.Eine andere Gruppe war allein für die Ablenkung von Polizisten zuständig, damit eine weitere Gruppe leichter ihre Ziele erreichen konnte—welche auch immer das waren. Wir befanden uns zwar mitten in dieser Guerillabasis von Umweltaktivisten, aber sie achteten trotzdem peinlich genau darauf, genauso mysteriös auf uns zu wirken, wie auf die anderen Journalisten im gemütlichen Pressecamp in Dannenberg.
 

Foto von Michael Hübner