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Das Copyright? Fuck it!

Auch in Deutschland gibt es Bestrebungen, das Internet zu zensieren. Wir haben uns mit Ijon, einem Hacker der C-Base Berlin, getroffen, um zu erfahren, wie man seine Freiheit verteidigen kann.

von Florian Schneider
02 April 2012, 12:15pm

Ijon ist der “1. Offizier” — in etwa das Amt eines Pressesprechers — der C-Base in Berlin. Die C-Base ist mittlerweile der Dreh-und Angelpunkt der Berliner Hackerszene, sowie  der deutschen Avantgarde in Sachen Internet- und Netzpolitik. Da wir in Erfahrung bringen wollten, inwiefern wir auch in Deutschland von der Zensur des Netzes bedroht sind, trafen wir uns mit ihm in den dunklen Eingeweiden der C-Base zu einem konspirativen Interview.

VICE: Wie würde das Internet aussehen, wenn ACTA / PIPA / SOPA und dergleichen in Kraft treten? Mal doch mal bitte den Teufel an die Wand.
Ijon: Keine freien Daten mehr. Kontrolle überall, ich kann nirgends mehr surfen, ohne das mir jemand auf die Pfoten schaut. ACTA bedeutet ja auch, dass große Teile der rechtsstaatlichen Prinzipien umgangen werden. Stattdessen bekommen Rechteverwertungsgesellschaften — für mich eines der Unwörter überhaupt —weitgehende Kompetenzen eingeräumt. Diese dürfen jetzt nicht nur das Abschalten von Websites veranlassen sondern auch Zensur von dritten Websites vorantreiben. Dies alles führt dazu, dass wir das Netz in die Hände einiger weniger Medienkonzerne legen, die damit nicht viel Gutes tun werden. Denn diese Firmen sind auf den Profit aus — und zwar ausschließlich auf den Profit. Dabei muss man beachten: Das Geschäft mit Daten, die auf physikalische Datenträger gepresst und dann verkauft werden ist vorbei. Das bezieht sich übrigens auch auf euer Magazin.

Ist das Internet ohne Zensur denn möglich, oder ist es eine Utopie?
Das Netz kann man nicht zensieren. Das wird einfach nicht funktionieren. Man kann es lediglich für diejenigen zensieren, die weder Zeit noch Motivation, noch die nötige Ahnung haben, sich damit auseinander zu setzen. Der Zugang lässt sich an einigen Stellen wohl erschweren. Aber mehr auch nicht. Selbst die “Great Firewall of China” ist nicht undurchdringlich. Es gibt auch genug Leute, die sich um so etwas kümmern, da muss man allerdings aufpassen, dass man solche Aktionen nicht unbedingt im Internetcafé an der nächsten Ecke macht. Aber selbst in repressiven Staaten gibt es Tools, mit denen man solche Einschränkungen umgehen kann. Und gerade in Europa grenzt es nahezu an einen Hohn. Die Grenzen sind nicht nur leicht umgänglich, sie sind sogar sehr leicht umgänglich.

Was bringt dich dazu, diese rechtlichen Grenzen zu missachten?
Es ist eher ein “Mindset” als kriminelle Energie oder Freiheitsliebe. Ich glaube daran, dass Informationen und Daten so frei sein sollten, wie die Luft die ich atme. Ich bin gerne breit, jemanden, der etwas geschaffen hat, Geld dafür zu bezahlen — er soll nämlich weiterhin gute Sachen schaffen. Ich bin weiterhin nicht bereit — und damit spreche ich für viele weitere Hacker — Geld zu bezahlen an Rechteverwertungsgesellschaften. Die machen ja nichts anderes, als Informationen zu verteilen. Das können wir ja viel effizienter, besser und kostengünstiger. Wir brauchen keine Verlage und Druckhäuser, keine Filmverleihe und Firmen die CDs verlegen. Wir brauchen auch keine Medienhäuser und Fernsehsender, das ist alles Bullshit! Das sind alles veraltete Medien — die werden zwar nicht aussterben, genauso wie alle anderen Medien zuvor — aber sie sind veraltet. Und die Art und Weise wie Geschäfte gemacht werden, wird sich grundlegend ändern und die Medienlandschaft wird sich extrem aufklären.
Diese Konglomerate aus großen Firmen und Konzernen, die früher Datenträger produziert und intensiv beworben haben, um daraus Profit zu machen, brechen gerade weg. Und was wir zur Zeit erleben, ist, dass diese Firmen um sich schlagen und verzweifelt dafür kämpfen, weiterhin Geld zu verdienen. Hier geht es auch nicht um Kinderpornografie oder einige wenige Menschenrechtsaktivisten — hier geht es nur darum, dass die Filmindustrie gerne möchte, dass sie weiterhin viel Geld verdient mit NICHTS. Sie leistet nichts, wie vorher.

Aber es wird doch etwas produziert und Leistung erbracht.
Aber schau mal: Es gibt extrem viele schlechte Filme. Für schlechte Filme zahlt niemand Geld. Das ist Marktwirtschaft. Wenn ich der Meinung bin, dass ein bestimmter Film schlecht ist, werde ich dafür kein Geld bezahlen. Wenn der Film für mich brillant ist, gehe ich weiterhin ins Kino. Aber einen schlechten Film schaue ich mir doch kostenlos an, dafür gehe ich doch nicht ins Kino und zahle Geld...

Aber trotzdem haben doch Leute dafür gearbeitet und eine ganze Industrie hängt davon ab.
Sony, Universal, BMG — die alle sind gerade in exakt der selben Situation, wie die Weber 1730 in Frankreich. Damals kamen gerade die Maschinenwebstühle auf mit dem Ergebnis, dass hunderte, tausende von ihnen arbeitslos waren. Die sind auf die Straßen gegangen und haben Aufruhr gemacht, Revolution mit Mistgabeln und Fackeln. Letztendlich sind sie auch verhungert. Genau an diesem Punkt sind wir gerade: In den Straßen laufen die Mistgabeln und Fackeln der Medienkonzerne, in ihrem Todeskampf und verhungern dabei.

Ist das Internet das moderne Flugblatt und somit das neue Medium der Protestkultur?
Es ist viel mehr und lässt sich damit auch nicht vergleichen. Das Netz müssen wir uns wie einen Kommunikationslayer vorstellen, der in Echtzeit zwischen uns beiden liegt, in den wir unsere Gedanken direkt einspeisen können. Sie sind dann verfügbar für alle. Mit diesem Layer haben wir ein Netzwerk erschaffen, das schon fast wie ein Gehirn funktioniert. Es ist noch in einer Organisationsphase und daher noch ein Fötus. Aber alles ist bereits erkennbar — es sind Neuronen da, es sind Notes da. Jeder Mensch, der ans Netz angeschlossen ist funktioniert wie ein Neuron. Und irgendwann wird es so sein, das ist meine Utopie, dass das Netz der Aufgabe dient, alle diese kleinen Gehirne zu einem riesigen Gehirn zusammenzubinden. Mit allen — teils massiven — Implikationen.
Ich vertraue darauf, dass das gesamte Wissen und die Intelligenz der Menschheit ausreicht, um zu wissen und zu entscheiden, was gut ist.


Hat das Internet bereits etwas an den Protestbewegungen der Gegenwart verändert?
Ja, es hat sie erst ermöglicht.

Aber die Leute sind doch auch vor dem Internet schon auf die Straße gegangen.
Ja, aber nicht koordiniert, nicht in dem Maße, nicht in dieser weltweiten Gleichzeitigkeit. Nie so mächtig wie heute. Früher musste deutlich mehr passieren, bis Menschen auf die Strasse gegangen sind. Wenn man sich ansieht, was vor der Oktoberrevolution in Russland passieren musste, bis die Menschen auf die Straße gegangen sind, wird einem auffallen, dass man heute für deutlich weniger bereits protestiert.

Wie schützt man sich gegen Zensur und welche Gegenmaßnahmen kann man ergreifen?
Hängt davon ab, unter welchem Unrechtsregime man leidet. In der BRD zum Beispiel würde ich keine SIM-Karten mehr auf eigenen Namen registrieren lassen. Die Berliner Polizei und auch andere sind mittlerweile so freigiebig mit ihren Überwachungsmethoden, dass es bereits ein Risiko ist, einfach mit einem angeschalteten Mobiltelefon auf einer Demo zu erscheinen. Auf jeden Fall die Verbindungen im Netz verschlüsseln, wohin auch immer, Festplatten sowieso — und zwar effizient. Man braucht grundlegende Kenntnisse über Verschlüsselungstechnologie, einmal zum Verhindern und auch weil das Know-How wirklich sehr sinnvoll ist, auch wenn man nichts zu verbergen hat.

Wer hätte denn ein Interesse daran, die Progressivität des Internets einzuschränken?
Natürlich haben Regierungen ein Interesse daran, weil Regierungen gerne ihre Macht behalten wollen. Wir sehen mit den Piraten und Anonymous dass sich dort einiges bewegt, was dann auch wieder ein Risiko für die Regierungen darstellt. Natürlich die Rechteverwertungsgesellschaften. Die argumentieren zwar immer mit ihren Arbeitsplätzen die sie verlieren, aber im Ernst: Fuck It! Die müssten bereits 95/96 geblickt haben, dass sie mit ihrem Geschäftsmodell auf keinen grünen Zweig mehr kommen — eben weil sie kein Geschäftsmodell mehr haben. Und das war schon immer so, das nennt man Darwinismus.

Was würde ein zu hundert Prozent freies Internet denn bedeuten?
Informationsfreiheit. Keine Zensur. Grundsätze der Versammlungsfreiheit, die wir in der BRD haben — aufs Netz übertragen.

Was bedeutet das Internet für die Protestbewegung im 21. Jahrhundert?
Vielleicht ein Zwischending zwischen Kommunikator und Lehrer. Wir bei der C-Base sind sehr offen mit unserem Wissen. So etwas ist für Proteste wichtig - denn wir können den Leuten, die sich gegen etwas aufregen wollen zeigen wie man sich organisiert, was es zu beachten gibt.

Wie denkst du denn eigentlich über das Urheberrecht?
Es ist veralteter Bullshit, den wir dringend und schnellstens abschaffen sollten. Nur weil jemand etwas geschrieben hat. wird er nicht zum Gott und hat plötzlich mehr Rechte als ein anderer. Das funktioniert so nicht. Wenn jemand ein Buch schreibt und das als eBook verkaufen möchte, dann gebe ich ihm dafür gerne Geld. Aber nicht den Verlagen und sowas — das sehe ich nicht ein. Das Urheberrecht an sich hat ein ganz gutes Ziel — den Wert der Arbeit zu schützen, aber das passiert ja nicht. Über die Jahre hat es sich auf die Partialinteressen von Medienkonzernen konzentriert, und nicht von Autoren und so weiter.
Da werden wir aber etwas ändern. Wir als Digital Natives werden dieses System verändern — und wer da nicht mitzieht hat verloren. Denn es ist ein Prozess, und jeder angestoßene Prozess ist nicht mehr aufzuhalten.

Wenn ihr mehr über unser Recht auf ein freies Internet wissen wollt, dann schaut euch hier unsere Dokumentation Free the Network an!