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Musik

Musikreviews

Hier sind unsere Reviews zu Disappears, Pennywise, Dirty Three und Hooded Fang.

DISAPPEARS
Pre Language
Kranky/Cargo

Die notorisch unterschätzten Noise-Shoegazer Disappears aus Chicago haben mal eben Steve Shelley verpflichtet, seines Zeichens Drummer der inzwischen dysfunktionalen Sonic Youth. Keine schlechte Entscheidung, denn wenn Shelley es schon 1985 schaffte, aus einer viel versprechenden eine legendäre Band zu machen, so hat er auch heute keinerlei Probleme, seine talentierten, aber immer knapp an der Schwelle zum Wahnsinn entlang taumelnden Kollegen in der Spur zu halten. Es ist, als hätte er Stahlringe durch die Nasen einer betrunkenen Gorillahorde gesteckt und anschließend ein Hochspannungskabel hindurch gezogen. Das Ergebnis ist eine dialektische Verschränkung von Schizophrenie und Disziplin, wie man sie eigentlich nur von russischen Folterknechten aus amerikanischen TV-Serien kennt.

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GRIZZLY FLAIR

PENNYWISE
All of Nothing
Epitaph

Die Beweisführung für die Unmöglichkeit von Zeitreisen bleibt bekanntermaßen so lange simpel und stichhaltig, bis jemand aus dem Jahr zweitausendirgendwas mal einen Abstecher in die Gegenwart macht. Möglicherweise bröckelt diese Logik aber schon jetzt. Wie sonst ist es erklärbar, dass Pennywise 2012 diesen Schlag in die Fresse von einem Album veröffentlichen, wenn nicht durch eine Rückkehr in die Mittneunziger-Heydays ihrer eigenen Karriere, von der sie nun dieses All or Nothing als kleines Souvenir mitbringen, das ihnen damals statt in den Posteingang von Epitaph aus Versehen hinter irgendeine Skaterampe gerutscht ist.

STEPHEN HAWKWIND

DIRTY THREE
Toward the Low Sun
Bella Union/Cooperative Music

Jeder, der einmal in einer Band gespielt hat, kennt diese Momente im Proberaum, wenn man keine Lust hat, zum hundertsten Mal das eigene Repertoire durchzugehen und stattdessen alle nur rumsitzen und irgendwas klimpern. Der Gitarrist stimmt seine Gitarre, der Drummer kann mal wieder nicht stillhalten, der Bassist ist bekifft und seit zwei Stunden auf einem monotonen Riff hängen geblieben. Aus dieser geballten Zerstreuung entstehen dann manchmal ganz faszinierende Klagkaskaden, auch wenn es in den wenigsten Fällen jemand registriert. Dirty Three haben diese Art des meditativen Nicht-Musizierens seit Jahrzehnten zum Programm erhoben, und weil ihre Genialität tief in den Strukturen ihres Unbewussten verankert ist, sind die Resultate von ebenso beängstigender wie unerklärlicher Schönheit.

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RUTTGER VERHAUER

HOODED FANG
Tosta Mista
Full Time Hobby/Rough Trade

Hocherfreut stelle ich fest, dass auf dem Cover dieser CD die Köpfe von mexikanischen Wrestlern abgebildet sind. Einer von ihnen schießt sogar bunte Lichtstrahlen aus seinem rechten Auge, oder die Lichtstrahlen schießen in sein Auge, das ist nicht ganz klar. Ich habe auf meinen Reisen um die Welt allerlei spektakuläre Dinge gesehen (heroinsüchtige Mönche, armlose Handtaschendiebe, Kamele, die das kleine 1x1 rechnen können usw.), kann dir aber versichern, dass mexikanische Wrestler, die Lichtstrahlen aus den Augen schießen können, in Sachen epischer Coolness auch im globalen Maßstab ziemlich weit vorne mit dabei sind. Da dies eine Musikrezension ist, sollte ich vielleicht noch etwas über diese Art von modisch aufgepepptem 60er-Surfrock schreiben, die erklingt, wenn man die CD in ein dazugehöriges Abspielgerät steckt. Aber eigentlich darf man eine so hübsche Platte nicht nach ihrem Inhalt bewerten.

ROBERT LEROY RIPLEY