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Wie es ist, mit einem tödlich erkrankten Elternteil aufzuwachsen

"Als ich 14 war, nahm mich meine ältere Schwester immer öfter mit in ihre Lieblings-Bikerbar. Sie wollte nicht, dass ich einsam bin."

von Koty Neelis
26 Oktober 2016, 10:37am

Die Autorin mit ihrem Vater

Ich weiß gar nicht mehr, ob es einen bestimmten Moment gab, in dem ich realisierte, dass mein Vater sterben würde. Ich erinnere mich nur daran, dass mein kurzes Leben mit ihm aus zwei Teilen bestand: der Teil, in dem er gesund war, und der Teil, in dem er nicht mehr gesund war.

Als er zum ersten Mal zusammenbrach, dachten wir, dass das wahrscheinlich der Erschöpfung geschuldet war. Er hatte zuvor täglich 12 Stunden gearbeitet, um unsere Felder für die größte Ernte vorzubereiten, die es in unserer Familie jemals gegeben hat. Die Aussicht auf das zusätzliche Geld trieb ihn immer weiter an. Wenn alles so gelaufen wäre, wie geplant, dann hätten wir vielleicht zum ersten Mal nicht auf Lebensmittelmarken zurückgreifen müssen, um den Winter zu überleben.

Als er zum zweiten Mal zusammenbrach, wussten wir, dass es etwas Ernsteres sein musste. Vielleicht hatte es früher schon Anzeichen gegeben, aber mein Vater hasste Ärzte und Krankenhäuser und mied beides wie die Pest. Nach mehreren Untersuchungen verwandelte sich dann alles in einen verschwommenen Strudel aus Bildern, Emotionen, Worten und Konversationen. Und an diesen Strudel kann ich mich inzwischen nur noch bruchstückhaft erinnern. Viertes Stadium. Non-Hodgkin-Lymphom. Chemo. Bestrahlung. Wie viel Zeit bleibt ihm? Welche Optionen haben wir noch?

Genau so schnell wie wir von der Diagnose meines Vaters erfuhren, veränderte sich auch unser komplettes Leben. Das Fußballtraining wurde auf unbestimmte Zeit gestrichen. Unsere Haustiere mussten gehen. Da sich der Krebs in diesem Stadium schon bis zum Knochenmark vorgearbeitet hatte, war sofort alles vom Tisch, was eine zusätzliche Belastung darstellte oder uns unnötig Zeit raubte.

Die ohrenbetäubende Stille ist mir von dieser Zeit jedoch am stärksten im Gedächtnis geblieben. Ich war ständig alleine, egal ob nun in den Wartezimmern der Krankenhäuser oder auf dem Bauernhof meiner Eltern, fernab jeglicher wirklicher Zivilisation. Niemand erklärte mir, was genau mit meinem Vater passierte, und deswegen ließ ich meiner Fantasie freien Lauf. Anstatt mich jedoch um ihn zu sorgen, fing ich damit an, mir Sorgen und mich selbst zu machen.

Jedes Mal, wenn ich ihn in der Krebsstation besuchte, lief ich an anderen Menschen mit Lymphomen vorbei—genauer gesagt an anderen Kindern. Kinder in meinem Alter, jüngere Kinder, Kinder ohne Haare und Kinder mit Sauerstoffmasken, die in Zimmern mit großen Glasfenstern lagen und mir zuwinkten. Ich beschäftigte mich obsessiv mit dem Thema Tod und wurde von der Vorstellung verfolgt, ebenfalls zu sterben. Als sich diese Angst in immer wiederkehrende Albträume verwandelte, traute ich mich nicht, meiner Mutter davon zu erzählen. Ich wollte ihr nicht noch eine weitere Sache aufdrücken, um die sie sich kümmern musste, und sah mich gezwungen, woanders Trost zu suchen. Ich war damals zwar erst zehn, hatte aber dennoch das Gefühl, dass meine Kindheit bereits an mir vorbeigezogen war.

In diesem Alter lernte ich auch, weniger Platz einzunehmen, stiller zu sein und komplett unbemerkt zu agieren, so als ob ich gar nicht da wäre. Ich erkannte, dass meine Präsenz für meine Mutter nur eine Last war. Eine lästige Pflicht. Einige meiner Mitschüler fingen an, mich als "Geist" zu bezeichnen—und zwar nicht nur wegen meiner Blässe, sondern auch, weil ich so unscheinbar auftrat. Letzte Woche hat meine Mitbewohnerin Folgendes zu mir gesagt: "Wenn du dich immer so leise durch die Wohnung bewegst, dann vergesse ich manchmal, dass du überhaupt da bist." Manche Gewohnheiten legt man wohl nie ab.

Krankheiten und Tod sind Dinge, die Menschen und Familien verändern. Sie zwingen uns dazu, unser Innerstes nach und nach offenzulegen und die Dinge zu enthüllen, die uns zusammenschweißen. Gleichzeitig wird unter solchen Umständen aber auch klar, dass wir auseinanderbrechen können. Genau das ist im Laufe der darauffolgenden Jahre eingetreten: Meine Familie brach auseinander. Meine Mutter vergaß für kurze Zeit, wie man spricht und schreibt. Meine älteren Geschwister rutschen immer weiter in die Sucht ab. Mein Vater war aufgrund seiner verschiedenen Behandlungen und Untersuchungen mehr im Krankenhaus als zu Hause. Und ich steckte inmitten dieses Chaos fest.

Während sich alle meine Freundinnen nur für Jungs und den alltäglichen Schul-Gossip interessierten, versuchte ich verzweifelt, einfach nur mit dem Alltagsrhythmus des Teenagerlebens klarzukommen. Mit der Zeit verschlimmerte sich der Zustand meines Vater immer weiter und ich fühlte mich im Beisein von mich ignorierenden Erwachsenen wohler als im Beisein von Gleichaltrigen. Zumindest war das weniger anstrengend.

Es gab jedoch auch schöne Momente.

Die Mitleidsausflüge ins Einkaufszentrum und zu TGI Friday's, während sich mein Vater einer Knochenmarktransplantation unterzog, machten mir Spaß. Geld auszugeben, ist immer eine gute Ablenkung—vor allem dann, wenn man darauf wartet, dass jemand stirbt. Als ich 14 war, nahm mich meine ältere Schwester auch immer öfter mit in ihre Lieblings-Bikerbar. Sie wollte nicht, dass ich einsam bin. Inmitten der Shots und Bier trinkenden Gäste lernte ich etwas über das wahre Leben außerhalb der Schule und der Krebsstation, wo ich mir immer unsichtbar vorkam. In den Reihen der Arbeiter, Motorradfahrer, Außenseiter und stadtbekannten Alkoholiker hatte jeder eine persönliche Geschichte zu erzählen. Unter ihnen war ich nicht nur eine bemitleidenswerte Jugendliche. Nein, ich war jemand mit eigenen Narben und damit hatte ich mir meinen Platz neben ihnen verdient.

Inzwischen bin ich 31 und habe die Hälfte meines Lebens ohne Vater verbracht. Wenn meine Freunde freudig von ihrer Kindheit erzählen, die von Familienurlauben und außerschulischen Aktivitäten geprägt war, dann kann ich mich nur schwer hineinversetzen. Ich weiß nicht, wie eine typische Kindheit aussieht. Ich weiß nicht, wie es ist, einen normalen Vater oder einen richtigen Familienzusammenhalt zu haben. Und ich weiß nicht, wie es ist, als Erwachsener den eigenen Vater anzurufen und um Rat zu fragen, so wie es viele meiner Freunde oft tun. Ja, das alles ist scheiße, aber ich bin dennoch nicht der Meinung, dass ich deswegen unglaublich viel Mitleid verdient habe. Ich sehe das Ganze eher mit einer "So ist das Leben, Shit happens!"-Attitüde.

Es ist nicht leicht, ein Leben zu vermissen, das man nie gelebt hat. Noch schwerer ist meiner Meinung nach nur, eine Familie zu vermissen, die es nie gab.

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