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Musik

Lynyrd Skynyrd sind alt und konservativ

16.8.10

Während ich mich im Freizeitpark "Six Flags" in New Jersey zum Pissen anstellte, erholte ich mich gerade vom Sean Hannity Freedom Konzert voriges Wochenende - wurde ich Zeuge von Folgendem: Ein braunhäutiges Kind (wahrscheinlich indisch, vielleeeeeiicht auch arabisch) stellte sich hinter mir fürs Klo an. Und hinter dem Kind fingen zwei grauhaarige Typen mit Bandanas, langen Bärten und frisch gekauften "Freedom Tour"- T-Shirts an, sehr laut miteinander zu reden.

“Der kleine Obama Osama sollte es besser nicht mehr lange machen - Ich muss pissen!", sagte der erste laut genug, dass der Vater des Kindes es hörte, es beim Arm griff und (vermutlich) zu einer anderen Toilette zog.

Die Typen lachten selbstgefällig, als das braune Kind weggezerrt wurde. Für die Behauptungen, dass die gegenwärtige Welle der Volkswut vorwiegend lediglich verschleierter Rassismus ist, war das der erste Beweis, den ich mit meinen eigenen Augen bezeugen konnte. Darüber hinaus bekam ich dort eine überwältigende Dosis an "American Exceptionalism" und ein wirklich süßes Ronnie Van Zandt T-Shirt, welches mich dreißig Dollar gekostet hat.

Die Tea-Bagger, die Anhänger der Boston Tea Party-Bewegung, stehen ziemlich auf T-Shirts. Die Leute haben einen Haufen Anti-Obama, Anti-Regierungs und Anti-Einwanderungs-T-Shirts getragen. Am besten hat mir das gefallen, auf dem "Yo quiero papers?" stand und der Hund von Taco Bell drauf war. Ich habe den Typen, der es anhatte gefragt, wo er es herhatte und er erzählte mir, er habe es selbst gemacht und ich könne es auf seiner Website kaufen. Er gab mir seine Karte, doch ich habe sie verloren.

Es gab einen offziellen Merchandising-Stand mit den groß angeschlagenen Lettern "Freedom Gear". Freedom Gear bietet Strickpullis für 35 Dollar, Polos für 23 Dollar und das "Freedom Package" für 50 Dollar, welches ein Käppi, ein Hemd und ein handsigniertes Buch von Sean Hannity enthält, an. Als ich einen Witz riss, kläffte der Verkäufer, dass die "Freiheit sicher nicht gratis ist" (und gab damit den Spruch eines Buttons wieder, der von vielen Anwesenden getragen wurde). Als ich dann versuchte etwas zu kaufen ignorierte er mich und bediente den Nächsten in der Schlange. Autsch.

Ich habe den Opener Charlie Daniels (diesen Penner) verpasst, doch Michael W. Smith, der Megastar des zeitgenössischen Christen-Pops, schlug ein wie eine Bombe. Er stand alleine mit seinem Keyboard auf der Bühne und riss die Leute mit seinem Geplänkel echt mit, besonders, als er darüber redete, mit dem Präsidenten abzuhängen - nicht dem gegenwärtigen Präsidenten, versteht sich - er sang über seine 80-Hektar-Farm, seine Ehefrau und die große Liebe zu seinem Land. Er hat ein unglaublich schmalziges Lied angestimmt, das er den Soldaten widmete, den lebenden sowie den toten, und als er den Höhepunkt des Lieds erreichte, flog ein Schwarm kanadischer Gänse hoheitsvoll über die Köpfe hinweg. Die Leute sind völlig durchgedreht.

Smith leitete dann zu einer ergreifenden Darbietung von "America the Beautiful" über, wobei ich mich davor gefürchtet hätte nicht mitzusingen. Trotzdem vergaß ich meine Kopfbedeckung abzunehmen (wobei ich mir immer noch nicht sicher bin, ob das bei diesem Lied gebräuchlich ist), so dass mich die alte Frau neben mir mit dem Ellenbogen stieß und mir befahl eben dies zu tun. Als Smith fertig war, ging ich nach draußen um mir eine Flasche Wasser zu holen und habe mir die ganzen schwarzen Familien angesehen, die sich einen schönen Aufenthalt machten, während die Weißen damit beschäftigt waren, für alle sichtbar und lauthals auf was auch immer zur Hölle wütend zu sein, worauf man eben wütend ist (Steuern, Waffen, Parkgebühren).

Ich habe noch nie eine Veranstaltung besucht, die mir meine weiße Hautfarbe so bewusst machte. Obwohl ich als Zuschauer da war, wusste ich, dass ich Teil des Problems war. Ich ging zurück zu Sean Hannity, der vor zwei riesigen amerikanischen Flaggen stand und der Menge kleine Rugby-Bälle entgegenwarf.

Von all den großmäuligen konservativen Fachgelehrten ist Sean Hannity wohl der schlimmste. Glenn Beck ist ein schlaffer kleiner Mann, doch zumindest ist er witzig. Rush ist lustig (erst recht, wenn man Pillen geschluckt hat!) und Bill O'Reilly ist im richtigen Leben wahrscheinlich eine totale Pussy. Hannity macht lediglich den Eindruck eines dummen Schlägers, und er schert sich nicht darum das zu vertuschen, was ihn noch rowdyhafter macht. Während der Show kam er auf die Bühne und brabbelte darüber, dass er keine "von Steuern unterstützte Teleprompter" wie Obama brauche und der wahre Wandel bald kommen werde. Es bedankte sich auch bei Gott für den Fernsehsender Fox News, wofür er tobenden, stehenden Beifall erhielt, nur eine Sekunde kürzer als beim Gänseschwarm.

Hannity kam mit seinem verkoksten Auftritt zum Ende und stellte eine Gruppe Kinder vor, deren beim ausüben ihrer Pflicht getötet wurden. Es war wirklich traurig, aber auch ziemlich zehrend. Ein Kerl, der den ganzen Abend "Freebird" gebrüllt hatte, wartete, bis die Kinder alle vorgestellt  worden waren und brüllte gleich wieder, als sie von der Bühne runter waren.

Schließlich fragte Hannity, ob wir für "Sweet Home Alabama" bereit wären. Die Leute jubelten und er forderte uns auf für Lynyrd Skynyrd aufzustehen. Der Kerl brüllte wieder "Freebird".

Ich wusste nicht, was ich von Lynyrd Skynyrd erwarten sollte. Ich assoziiere sie mit großartigem 70er-Rock, es gibt nicht viele Bands, die ihnen in die Augen sehen können. Ich könnte nun fortfahren darüber, wie toll Bands wie Ram Jam und Cactus sind, doch ehrlich gesagt gehen die im Vergleich zu Lynyrd Skynyrd ziemlich unter. Wir sind aus einem Grund damit aufgewachsen auf Konzerten "Freebird" zu brüllen: weil es eine Zeit gab, als Lynyrd Skynyrd verdammt nochmal unberührbar waren.

Doch das war eine Band einer anderen Epoche - mit allem Respekt für die 2010-Auflage von Lynyrd Skynyrd sollten sie sich wohl nicht Lynyrd Skynyrd nennen. Soweit ich weiß spielt kein einziges Originalmitglied in der Band mit und Johnny Van Zandt, der kleine Bruder von Ronnie, klingt und sieht aus wie ein Typ, der dreißig Jahre lang pausenlos gekokst und puren Jack Daniels getrunken hat. Wofür ich ihn um ehrlich zu sein nicht mal rügen würde.

Sie fingen mit "Workin' for MCA" an und die Leute sahen sich irgendwie an und zuckten mit den Achseln. Ich nahm ab sofort an, dass die meisten gewöhnlichen Skynyrd-Fans Sweet Home Alabama kennen, den Freebird-Ruf und so ziemlich nichts außerdem. Die Leute haben die ersten paar Sekunden getanzt, danach gab es ein stilles Meer von gelangweilt schauenden Weißen. Ein Haufen von ihnen machte sich zum Aufbruch bereit. Viele von ihnen waren alt.

Es kam mir so vor, dass Lynyrd Skynyrd ungeachtet meiner miesen Stimmung dem Abend, dem Publikum, meinem Land und der Band selbst gegenüber ein echtes Rock'n'Roll-Statement vollbrachte: Sie vergraulten die Senioren. Bestimmte Dinge verändern sich vermutlich nie und ich bin froh darüber, dass die Lynyrd-Skynyrd-Cover-Band mir an diesem Abend mit den Tea Baggern diese wertvolle Lektion erteilt hat.