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Sex

Eine Kunstkritik über Schwänze

Doktor Charlie Miller macht an der Universität Manchester einen Kurs mit dem Titel (Neo-)Avantgarde in Theorie und Praxis, in dem jeder von George Braques bis hin zu Crass vorkommt.
23.11.10

Doktor Charlie Miller macht an der Universität Manchester einen Kurs mit dem Titel (Neo-)Avantgarde in Theorie und Praxis, in dem jeder von George Braques bis hin zu Crass vorkommt. Im Moment schreibt er gerade ein Buch mit dem Titel The Ambivalent Eye: Picasso and Surrealism, außerdem kuratiert er eine Picasso und Dalí Ausstellung, die in Barcelona, St. Petersburg und Florida gezeigt wird. Wir haben um seine kritische Expertise für unser neues Lieblingskunstbuch gebeten, New York D!@K, eine Sammlung von Kritzeleien und obszönen Zeichnungen auf Werbepostern in New York, das bei Mark Batty Publishers rausgekommen ist.

Das Vermischen verschiedener Körperteile mit Genitalien ist sehr typisch für surrealistische Darstellungen. Künstler wie Miró und Picasso gaben sich der Desorganisation des sexuellen Körpers hin. Aber es ist auch eine alberen Art, die sexuelle Bildsprache zu untergraben. Der Kerl genießt das Bild von dem Mädchen und dann kommt plötzlich der Nabelschnur-Schwanz ins Spiel.

Hier erkennen wir deutlich die Logik des Fetisch, Freud beschrieb ihn als Ersatz für das mütterliche Glied, welches das Kind verzweifelt an ihr gesucht hat. Nach dieser Entdeckung der sexuellen Differenz kann der Junge nur eine Schlussfolgerung ziehen: die Frau wurde kastriert. In Anlehnung an Freud, kam so der Vater zu seiner Macht und er setzte hiermit ein Denkmal für seinen Fetisch des mütterlichen Phallus.

Das ist doch brillant oder nicht? Man könnte es als das Wort Gottes ansehen. Wenn man dieses Wort mit einer primären, väterlichen Präsenz verbindet, könnte man argumentieren, dass es sich um eine phallische Logik handelt. Oder es handelt sich um Phallogozentrismus, d.h. alle Weiblichkeitsentwürfe werden aus der Perspektive des Mannes betrachtet und formuliert. In traditionellen Darstellungen kommt oft ein Schwert aus dem Mund Jesus. Es gibt eine Zeile in der Johannes Offenbarumg darüber, aber hier kommt ein Schwanz.

Ich vermute hier wurde die Werbung einfach falsch verstanden. Man sieht die Vollendung der sexuellen Logik. Eine der wichtigen Schlüsselerlebnisse die Werbung erreichen möchte, ist die Ware mit Sex zu assoziieren. Sexualität als Ware, ist die beherrschende Ordnung in der Wirtschaft. Und viele Kampagnen machen so etwas in sehr offensichtlicher Weise.

Hier sieht man eine sehr vertraute Abbildung, so was gibt es in jedem Schulbuch. Man malt die Zähne aus, zeichnet einen Schnurrbart über die Oberlippe, es gibt noch eine Brille und zum Abschluss einen fliegenden Schwanz daneben. Heute gibt es eine richtige Tradition der fliegenden Schwänze, als eine Art Glücksbringer. In der römischen Kunst steht ein geflügelter Penis für Glück und Fruchtbarkeit. Aber hier sehen wir eine kindliche und anti-autoritäre Darstellung, jedoch durchaus effektiv. Andere sind nur rohe Fantasien eines Soziopathen.

Jean Clair sagte einmal, dass der starre Blick wie eine Erektion für das Auge ist. Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem phallischen Blick des Mannes auf die Frau und der Erektion. In psychoanalytischen Bildern werden Augen mit dem Phallus assoziiert, eine Art Scheuklappen für Kastration. Aber hier kommen Schwänze aus den Augen einer Frau. Es ist eine Art lustige Desorganisation in den hetero-normativen Köpfen, die durch solche Plakate ausgelöst wird.

Die Darstellung des Penis von Christus war sehr typisch für die Renaissance. Es gab eine ganze Theologie darum, sogar Darstellungen von halben Erektionen und es gibt viele Darstellungen, bei denen Maria auf den Schwanz von Baby-Jesus zeigt. Es gibt ein wirklich gutes Buch darüber, The Sexuality of Christ in Renaissance Art and in Modern Oblivion.