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Ich war dabei, als die libysche Küstenwache Flüchtlinge ertrinken ließ

"Es war apokalyptisch, wir fühlten uns völlig hilflos" – Bis zu 30 Menschen ertranken in jener Nacht im Oktober.

von Melanie Glodkiewicz
05 Dezember 2016, 5:00am

Foto: Christian Ditsche

In der Nacht zum 21. Oktober erhielt das private Rettungsschiff Sea Watch 2 einen Notruf von der italienischen Rettungsleitstelle: Rund 14 Seemeilen nördlich der libyschen Küste saßen circa 150 Menschen in einem manövrierunfähigen Boot. Kurz nachdem die Sea Watch 2 bei dem Boot in Seenot angekommen war, traf ein Boot der libyschen Küstenwache ebenfalls an dem Ort ein.

Was danach geschah, ist umstritten: Die Crew der Sea Watch beschuldigt die Libyer, die Migranten angegriffen, die Rettungsarbeiten behindert und so den Tod Dutzender Menschen verursacht zu haben. Die libysche Küstenwache streitet ab, irgendjemanden angegriffen zu haben, man habe lediglich erkunden wollen, warum sich die beiden Schiffe in libyschen Hoheitsgewässern aufhielten. Wie Fotos der Radaranlage und Screenshots des Navigationssystems der Sea Watch belegen, befanden sich die Boote allerdings in internationalen Gewässern, als die Küstenwache dazustieß. Sea Watch hat mittlerweile bei der Staatsanwaltschaft Hamburg Anzeige gegen die libysche Küstenwache erstattet.

Melanie Glodkiewicz ist Praktikantin bei der NGO Human Rights At Sea, die hat sie auf die Sea Watch geschickt, um praktische Erfahrung zu sammeln. Was folgt, ist ihr Augenzeugenbericht von jener Nacht nach einem Interview mit Till Egen.

In der Nacht vom 20. zum 21. Oktober wurden wir geweckt, weil ein Gummiboot gesichtet worden war. Eigentlich war das für uns Routine, nur dass es eben in der Nacht war, was die Rettungsmission viel schwieriger gemacht hat. Mein Job ist es, mit den Migranten zu kommunizieren, deshalb war ich auf dem ersten Schnellboot, das als erstes Kontakt mit dem Boot der Migranten haben sollte. Zuerst ist auch alles glatt gelaufen und ich habe es geschafft, die Leute zu beruhigen. Sie haben mir geglaubt, dass wir sie retten würden. Eigentlich sollte es also ganz einfach sein.

Als wir gerade angefangen hatten, Rettungswesten zu verteilen, tauchte plötzlich ein Schiff der libyschen Küstenwache auf. Sie fingen an, uns zu umkreisen. Dabei verursachten sie so große Wellen, dass uns keine andere Wahl blieb, als etwas Abstand zu nehmen. Wir versprachen den Migranten aber, in der Nähe zu bleiben, weil wir sie nicht mit den Libyern allein lassen wollten.

Normalerweise haben wir gute Beziehungen zu den libyschen Booten, die wir treffen, seien es Fischer oder die Küstenwache. Aber dieses Mal war es anders. Das libysche Boot näherte sich dem Boot der Migranten, und ein Mann an Bord hantierte mit einem Seil. Also dachten wir, dass sie das Boot zurück nach Libyen ziehen, also einen sogenannten "Pushback" machen würden. [Obwohl das Zurückdrängen von Flüchtlingsbooten offiziell gegen EU- und internationales Recht verstößt, erheben Flüchtlinge und Hilfsorganisationen immer wieder den Vorwurf, die libysche Küstenwache führe das routinemäßig durch—und verdiene sogar Geld mit dem "Verkauf" der Migranten an Menschenschmuggler.] Viele der Migranten haben schon Monate oder Jahre in Libyen verbracht. Sie berichten von Versklavungen, Folter und Vergewaltigungen. Die Menschen, die wir ins Boot holen, sind meistens in einer schrecklichen Verfassung—sowohl körperlich als auch seelisch. Als wir dachten, dass die Libyer sie zurückschleppen wollen, war meine einzige Sorge, dass Migranten ins Wasser springen würden. Dass sie lieber ertrinken, als in dieses Land zurückzukehren. Das ist dann auch passiert.

Zuerst sprang nur ein Mann aus dem Boot der Migranten. Die Libyer sahen es nicht oder es war ihnen egal, jedenfalls schwamm er einfach zu unserem Boot. Wir zogen ihn unbemerkt in unser Boot und sagten ihm, er solle sich tot stellen. Wir hatten Angst, dass das noch mehr Leute machen. Dann sprang einer der Libyer auf das Boot der Migranten.

Melanies Boot im Vordergrund, dahinter das Schlauchboot der Migranten und die Küstenwache | Foto: Christian Ditsch

Man muss dazu wissen: Diese Boote sind immer völlig überfüllt, da sind 150 oder mehr Menschen auf einem Schlauchboot zusammengequetscht, auf den Seiten sitzen Menschen mit einem Bein im Wasser. Wenn da also jemand einfach so drauf springt, springt er wahrscheinlich auf die Leute. Der Mann bahnte sich nach den Menschen tretend einen Weg durch das Boot, dabei schlug er ihnen auch brutal mit einem Gegenstand auf den Kopf. Ich hatte Angst, dass er sie so fest schlug, dass sie ins Wasser fallen würden. Als er beim Motor ankam, machte er sich daran zu schaffen—wahrscheinlich, um ihn abzunehmen, wie das die Libyer oft machen. Auf einmal gestikulierte jemand anders auf dem libyschen Boot in unsere Richtung, also zogen wir es vor, uns erstmal hinter der Sea Watch außer Sicht und in Sicherheit zu bringen.

Danach begann die schrecklichste Situation, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe.

Ganz plötzlich drehten die Libyer vom Boot der Migranten ab. Sie löschten ihre Lichter und verschwanden einfach. Wir waren also plötzlich allein mit dem Boot voller verängstigter Migranten. Wir wussten nicht, wo die Libyer waren und ob sie nicht irgendwo darauf warteten, dass wir uns dem Migranten-Boot näherten, um uns dann anzugreifen. Gleichzeitig hatten wir nicht viel Zeit, weil wir sehen konnten, dass das Boot der Migranten Luft verlor, die ersten Menschen sprangen ins Wasser. Also beschlossen wir, unsere Pflicht zu tun und ihnen zu helfen—egal, was passiert.

Als wir näher kamen, waren an die 150 Menschen im Wasser. Meistens können die Leute nicht schwimmen. Wir nahmen also erstmal so viele Menschen wie möglich auf unser Schnellboot und fahren zur Seawatch zurück, um mehr aufblasbare Rettungsausrüstung zu holen. Bei jeder nächsten Tour nahmen wir so viele Leute wie möglich an Bord—bis zu 15 Menschen, eigentlich viel zu viele für unser kleines Schnellboot—und halfen anderen, sich an den aufgeblasenen Rettungsinseln festzuhalten. Es war schrecklich. Überall waren Menschen, die verzweifelt versuchten, ihren Kopf über Wasser zu halten, und um Hilfe riefen. Aber wir waren alleine. Wir hatten ein Mayday abgesetzt, aber keines der vielen europäischen Patrouillenboote kam uns zuhilfe. Viele Menschen sind vor unseren Augen ertrunken.

Ich erinnere mich besonders an einen Mann: Wir versuchten verzweifelt, ihn irgendwie zu halten, seine Hand oder seinen Kopf zu greifen, aber wir schafften es nicht, obwohl wir dabei fast selber ins Wasser fielen. Wir mussten ihn aufgeben und uns auf die anderen konzentrieren, die um ihr Leben kämpften. Zwei Minuten später sahen wir ihn wieder, er trieb leblos an der Oberfläche. Wir holten ihn ins Boot und versuchten, ihn wiederzubeleben, aber es war zu spät. Also hatten wir jetzt einen Toten in unserem engen Boot, und die anderen Geretteten mussten dauernd aufpassen, nicht auf seinen Kopf zu treten. Es war ein Albtraum. Wir kamen zur Sea Watch zurück, auf der schon Verwandte und Freunde des Mannes warteten, denen wir dann sagen mussten, dass er tot ist.

Es war apokalyptisch, wir fühlten uns völlig hilflos. Unsere Team-Kollegen auf der Sea Watch warfen irgendwann einfach Rettungswesten ins Wasser, weil überall Menschen mit dem Ertrinken kämpften. Von allen Seiten klammerten sich Menschen an das Schiff oder versuchten, an den Seiten hochzuklettern, die Crew warf Seile an der Seite herab.

Am Ende konnten wir 120 Leute retten. Als wir danach in das Schlauchboot schauten, trieben zwei Körper in der Mischung aus Salzwasser, Urin und verschüttetem Benzin in dem Boot. Wir bargen die Körper, deren Haut sich wegen der ätzenden Mischung bereits auflöste. Teilweise blieben ihre Hautfetzen an der Oberfläche unseres Bootes kleben.

Insgesamt konnten wir vier Leichen bergen, deshalb taucht in den Medien die Zahl von vier Todesopfern auf, aber die ist viel zu niedrig. Wir wissen nicht, wie viele Menschen ursprünglich auf dem Boot waren, aber normalerweise sind das immer um die 150. Ich habe im Wasser um mich herum Dutzende Tote gesehen.

Foto: Christian Ditsch

Ich bin sehr enttäuscht von allen, die diese Situation verursacht haben. Es sind europäische Militärs, die die Libyer trainieren, Migranten-Boote zurückzudrängen. [Offiziell schult die EU die libysche Küstenwache im Kampf gegen Schleuser, Menschenhandel und in "Such- und Rettungsmaßnahmen". Sea Watch bezweifelt das.] Aber auch, dass niemand geholfen hat. Wie kann es sein, dass so viel Geld ausgegeben wird, und dann ist niemand in der Lage zu helfen? Es ist beschämend, dass im Mittelmeer Kriegsschiffe herumfahren, die sehr einfach helfen könnten—die es aber nicht tun, weil sie das nicht als ihre Aufgabe ansehen.

Hier gibt es mehr Informationen zur Arbeit von Sea Watch.