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Zwei Männer mit Schlagring prügeln Fünfjährigen: Wir haben Fragen

Die Polizei geht davon aus, dass die Täter fremdenfeindliche Motive hatten.
8.10.16

Die Tatverdächtigen sollen mit einem Schlagring auf die Familie losgegangen sein. Symbolbild, nicht die Hand des Tatverdächtigen | Foto: imago | Westend61

In Merseburg, einer 37.000 Einwohner Stadt in Sachsen-Anhalt, verbrachten am Donnerstag ein 44-jähriger Mann, eine 47-jährige Frau und der fünf Jahre alte Enkel der Frau den Abend in der gemeinsamen Wohnung. Es klingelten zwei stark betrunkene Männer und schlugen die drei zusammen. Die Tat, wie sie die Polizei schildert, klingt roh, brutal und sinnlos:

Etwa gegen 19:40 Uhr klingelte es dort. Der Mann öffnete und stand zwei anderen Männern gegenüber. Unmittelbar soll man ihn attackiert haben. (…) Die Lebensgefährtin kam ihrem Partner zu Hilfe und wurde ebenfalls angegriffen. (…) Bei der Tat haben die beiden Angreifer einen Teleskopschlagstock sowie einen Schlagring mitgeführt und diese benutzt. (…)
Alle drei Opfer wurden bei der Tat verletzt und mussten ärztlich versorgt werden. Der Mann konnte noch gestern Abend das Krankenhaus verlassen. Die Frau verließ heute Vormittag die Klinik und das Kind ist derzeit noch dort.

Wir haben Fragen.

Warum?

Die traurige Antwort lautet wahrscheinlich: Rassismus. Der angegriffene Mann kommt aus Liberia. Die Frau und ihr Enkel sind Deutsche. Die beiden Tatverdächtigen sind zwei Männer, die die Polizei stark alkoholisiert aufgriff: ein 47-Jähriger mit zwei Promille und ein 63-Jähriger mit 2,5 Promille. Letzterer soll den Polizisten rassistische Sätze gesagt haben, was genau, wird nicht beschrieben. Allerdings so viel: Es war drastisch genug, dass die Polizei geht von Fremdenfeindlichkeit als Motiv ausgeht.

Warum gibt es so viel fremdenfeindliche Gewalt?

Eine große Recherche der Wochenzeitung DIE ZEIT fasste über 200 Angriffe auf Flüchtlingsheime im Jahr 2015 zusammen. Das zu lesen macht Angst. Die Kälte der Taten macht Angst. Poetry-Slamer Nico Semsrot fasste die Logik von Rassisten in einem Video so zusammen: "Warum geht es mir so schlecht? Hm, vermutlich liegt das an den Leuten, die gerade erst gekommen sind." Eine Antwort auf die Frage, wie aus Stammtischparolen rohe Gewalt wird, haben wir leider nicht.

Was sagt der Bürgermeister der Stadt Merseburg?

Der Oberbürgermeister Merseburgs, Jens Bühligen (CDU) ist schockiert. Der Mitteldeutschen Zeitung sagte er: "Es ist nicht der erste mögliche fremdenfeindliche Übergriff, dadurch steht auch der Ruf der Stadt auf dem Spiel." Und: "Dass man Menschen in ihrer vermeintlich geschützten Wohnung überfällt und sogar auf Kinder einprügelt, das kenne ich so nicht."

Wie kann man auf einen Fünfjährigen einschlagen?

Das Kind lag am Freitagabend noch im Krankenhaus. Erst kürzlich berichteten wir über einen Langzeitarbeitslosen, der aus Überforderung in seinem Ein-Euro-Job einen Erstklässler ohrfeigte. Das Gericht entschied: Der Mann bekommt keine Strafe, die Kinder hätten ihn bedrängt. Schon in dieser Situation fanden wir: Es gibt nie einen Grund, auf Kinder einzuschlagen. Erst recht gibt es keinen Grund, eine Familie zu Hause zu überfallen und ein Kind zu schlagen.

Warum zur Hölle sind die Täter wieder frei?

Wegen des Vorfalls in Merseburg ermittelt der Staatsschutz jetzt unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung, Hausfriedensbruch und Verstoß gegen das Waffengesetz. Aber: Die beiden Tatverdächtigen wurden nicht in Untersuchungshaft genommen. Der Parlamentarische Geschäftsführer und innenpolitische Sprecher der grünen Landtagsfraktion von Sachsen-Anhalt, Sebastian Striegel, kritisierte die Freilassung und kündigte an, den Fall im Rechtsausschuss zu thematisieren. "Man stelle sich den Aufschrei mit umgedrehten Vorzeichen vor", sagte er der in Halle erscheinenden Mitteldeutschen Zeitung, wie die Deutsche Presseagentur zitiert. Da hat er recht. Hätten zwei Flüchtlinge einen fünfjährigen Deutschen mit Schlagring krankenhausreif geschlagen, wären Pegida und Co. längst auf der Straße.

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