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Aushilfsjobs mit Parlovr

Palovr spricht über Nebenjobs und Penner in Kanada.
13 Juni 2012, 12:00am

Von links nach rechts: Louis, Jeremy, and Alex

Parlovr war schon immer eine Band, die nach ihren eigenen Regeln gespielt hat–oder wenigstens hat sie Regeln immer in alle möglichen nicht identifizierbaren Formen gewandelt. Nimm zum Beispiel die Tatsache, dass es keine korrekte Aussprache für ihren Bandnamen gibt. Oder die Tatsache, dass sie einen verrührtes Mischmasch aus Popmusik machen, das im Prinzip ein hörbares Übersprudeln all ihrer unkontrollierbaren Wut und Freude über das Leben, die Liebe und so Zeugs ist. Mit ihrem letzten Release Kook Soul wurden sie sogar noch durchgeknallter als je zuvor. Die Platte ist ein selbsternanntes „Avantgardistisches Lyrisches Minimalismus Rock Album.“ Abgesehen davon, dass das nicht mal annähernd eine passende Beschreibung für das Album ist, gibt es auch wirklich keinen Weg es zu beschreiben, außer vielleicht „eingängig as fuck“. Hör's dir an:

Während dem Interview, man könnte es auch Wort-Erbrochenens nennen, habe ich mit der Band über ihre Heimatstadt Montreal und ihren wichtigsten Exporten und Importen gesprochen: die VICE und schreiende Penner. Wir haben auch über ihre Aushilfsjobs gesprochen, die im Vergleich zu ihren verrückten Traumjobs (Priester, Tim Wallach und Zootier, um nur ein paar zu nennen) wirklich blass aussehen, und über das Konzept und die Bedeutung hinter Kook Soul. Trotzdem fühlte ich mich meistens so, als ob ich nur so durchgezogen werde und jetzt, wo ich das verstanden habe, ist dieses Musikvideo um so besser.

Hey! Ihr kommt aus Montreal, oder?
Alex: Ja.

Lest ihr oft die VICE?
Louis: Du meinst dein Heimatland? Wir haben VICE mal gelesen.
Alex: Damals, als es noch ein haitisches Gemeindeblatt war.
Louis: Damals, als der Sarkasmus noch ehrlich war. (lacht)

Ist VICE schon so durch bei euch daheim?
Nee, es ist immer noch cool.
Alex: Die Ironie ist gestorben und dann in einer anderen Weise wieder auferstanden.

Wie auch immer. Euer neues Album Kook Soul ist echt irre. Erzählt mir mal davon.
Louis: Es geht um das Beste von dem Schlimmsten in Beziehungen, würde ich sagen. Wir haben dieses Mal nicht zu tief in die Trickkiste gefasst, aber es geht um die ganzen schrecklichen Dinge, die in Beziehungen passieren.

Aber nicht in dieser Beziehung, in der Band?
Oh doch, ehrlich gesagt ist es darauf angelehnt. (lacht) Aber dann haben wir mal die Augen auf gemacht und einfach den Frauen die Schuld gegeben, verstehst du? Klassisches Männer-Ding.

Männer! Die ganze Zeit!
Nein, nein, nein.
Alex: Es ist ein Rockalbum, für das wir unseren Wortschatz auf nur 26 Wörter für die ganze Platte beschränkt haben. Es ist ein minimalistisches Rockalbum über Liebe im ökonomischsten Weg wie möglich.

Ah, lyrischer Minimalismus.
Ja, lyrischer Minimalismus. Manche Leute verwechseln das mit billigem Pop, aber tatsächlich ist es sehr sehr avantgardistisch.

Ich gehe gleich nach Hause und zähle die Wörter.
Louis: Ja. Wir haben 15 Wörter für Liebe, also sind 15 schon mal gleich weg.

(Lacht) Und die anderen 11 Wörter?
„Nebenjobs“. Eins mehr.

Ha! Danke für die Vorlage. Was sind eure Nebenjobs?
Ich arbeite als Verkaufsleiter in einer Spielzeugfirma. Ich bekomme also Bestellungen von Schulen und fülle sie dann aus. Das macht richtig viel Spaß. Sie sind berühmt für den Buntstift mit den vielen Farben, den du als Kind gehabt haben musst.
Alex: Ja, wenn man in Kanada aufgewachsen ist. Das war das Window Color der Buntstifte.
Jeremy: (lacht) Ich dachte Window Color war das Window Color der Buntstifte.

Dachte ich auch. Bleibt ihr durch eure Arbeit jung?
Louis: Ich hab erst vor ein paar Monaten angefangen.
Alex: Und seitdem ist er ungefähr 10 Jahre älter geworden.
Louis: Ich bin der erste der in sieben Jahren eingestellt wurde und ich arbeite mit neun anderen Frauen zusammen, die alle über 60 sind.

Ist es schwer mit dem Job, wenn ihr auf Tour gehen wollt?
Es geht. Man sagt einfach, dass man auf Tour geht und wenn sie einen dann feuern, dann feuern sie einen halt. Scheiß drauf.

Rock'n'Roll. Was macht der Rest von euch?
Jeremy: Ich versuche es als Musiker zu schaffen, also hatte ich schon länger keinen Job mehr. Ich bin in dieser Band und in einer anderen und habe auch ab und zu mal einen Studio-Auftritt. Ich mache seltsame Jobs und lebe sehr sehr notdürftig, was in Montreal leichter ist als hier in New York, aber es ist trotzdem nicht leicht.

Was war der seltsamste Aushilfsjob, den du hattest?
Ich habe Garn verkauft und habe ziemlich viel Telefonmarketing gemacht. Es tut wirklich in der Seele weh.

Aus irgendeinem Grund ist mir aufgefallen, dass so einige Bands Telefonmarketing machen.
Louis: Mein Job momentan ist tatsächlich der erste Job seit zehn Jahren, der nichts mit Telefonmarketing zu tun hat,.

Was ist denn da los mit Musikern und Telefonmarketing?
Jeremy: Die Arbeitszeiten sind sehr flexibel. Es ist ihnen auch egal, wenn man nicht kommt.
Alex: Du kannst auch total fertig und verkatert in die Arbeit gehen und für den Kunden macht es keinen Unterschied. In meinem Job muss ich auch viel Telefonmarketing machen, aber es ist keine Telefonmarketingfirma.
Louis: Ist das dein richtiger Job, Kristen?

Naja, irgendwie schon. Halt stopp, hier geht’s nicht um mich.
Und wenn du in einer Band wärst. Du kannst bei uns mitmachen.
Alex: Und dann interviewen wir dich.

Ich wollte schon immer mal auf der anderen Seite des Interviews sein, also ja ok.
Geht doch.

Wie auch immer... Was ist das Verrückteste an Amerika?
Louis: (prustet los)

Was?
Alex: „AMERIKA!“ Du hast das so affektiert gesagt.
Jeremy: New York fühlt sich anders an.

Ja. Ich war in Montreal und habe es geliebt. Aber ziemlich viele Penner gibt es schon.
Alex: (spöttisch) „Ziemlich viele Penner!“

(Lacht) Ich wollte niemanden angreifen. Es ist eine schöne Stadt, aber es gibt wirklich viele Penner, die dich anschreien.
Ja, das ist eine der verrücktesten Dinge an Amerika. Die Penner hier sind viel respektvoller. Penner in Kanada nehmen sich generell ziemlich viel raus. Sie sagen „GIB MIR VERDAMMT NOCH MAL KLEINGELD!“ und man sagt dann „Fick dich!“ und sie dann, „FICK DICH. WAS ZUR HÖLLE. WARUM BESCHIMPFST DU MICH, DU VERDAMMTES ARSCHLOCH!“ Sowas passiert hier nicht. Wenn man kein Kleingeld hat, sagen sie nur „Kein Problem. Vielen Dank trotzdem.“

Ja, hier wird nicht so viel geschrien.
Ich dachte, Kanadier sind eigentlich die freundlicheren.

Überraschung!
(lacht) Vielleicht sind alle amerikanischen Obdachlosen nach Kanada gekommen, weil wir so nett sind und die kanadischen Obdachlosen sind nach Amerika gegangen, weil sie dachten, hier gibt es Jobs.
Louis: Ein kleiner Tausch.

Also sind die Amerikaner doch wieder die Unfreundlichen.
Hm, was ist komisch an Amerika? Wie viel Uhr ist es, 20 Uhr? In Montreal wird es höllisch laut ab 20 Uhr.
Alex: Momentan sind in Montreal viele Studentenproteste. Die Studenten sind ziemlich sauer, weil sie nach ihrem Abschluss schlecht bezahlt werden. Die Regierung will die Studiengebühren erhöhen und das regt die Leute auf–zu Recht. Also wird ab 20 Uhr richtig Krach gemacht. Es klingt wie ein Fußballspiel in der kompletten Stadt.

Verdammt. Seid ihr zur Schule gegangen?
Jeremy: Ja…ein bisschen. Ich bin ein Schulabgänger der Musik wegen.

Naja, es gibt die einen, die raus gehen und Musik machen, also…
Alex: Ich habe Geisteswissenschaften studiert, also hab ich mich viel mit alten spießigen Männern beschäftigt.

Du hast dich mit spießigen alten Männern beschäftigt?
Mit Büchern, die von alten spießigen Männern geschrieben wurden.(lacht) Nicht direkt mit alten spießigen Männern. Das wäre eine sehr spezielle medizinische Fakultät.

Nur in Kanada.
Louis: Ich habe Luftzeugwartung studiert, aber 9/11 passierte direkt nach meinem Abschluss. Also habe ich gesagt, „Drogen, Alkohol und Selbstmitleid!“

Kein gutes Timing. Was wolltet ihr vor der Uni machen, vor der Musik und so weiter?
Als ich noch klein war? Ich wollte Zoowärter oder Priester werden. Ich weiß nicht warum. Ich dachte einfach diese beiden Jobs sind richtig gute Optionen. Ich wollte der Tigertyp sein.
Alex: Ich wollte ein Tier oder ein Messdiener sein.

Wie bitte? Ihr hättet zusammen was machen können. Priester und Messdiener, oder Zoowärter und Tier. Du hättest sein Tiger sein können.
Louis: Kannst du ein kleiner Baby-Tiger sein?
Alex: Das ist im Prinzip das, was ich eh schon mache.
Jeremy: Ich wollte der dritte Malspieler bei den Expos sein. Ich wollte im Prinzip Tim Wallach sein.

Cool. Übrigens, wie spricht man euren Bandnamen aus? Parlour? Par-lover?
Alex: Beides geht. Wir sind absichtlich stur.

Wie seid ihr auf den Namen gekommen?
Louis und ich haben in einem Loft gelebt, das the Parlour hieß und wir wollten nicht noch kreativer werden. Wir haben unsere ganze Kreativität schon in die Musik gesteckt, deswegen…

Und woher kommt Kook Soul?
Es bedeutet weiße Typen faken Soul Musik.
Jeremy: Wir haben alle einen sehr unterschiedlichen Musikgeschmack, aber wir können uns alle auf Soul einigen.
Louis: Das ist die Zukunft der Emos.
Alex: Die Emos des 21. Jahrhunderts.

Wart ihr früher auch alle Emos?
Louis: Um Gottes willen, nein.
Alex: Ist Weezers Pinkerton emo? Weil dann schon. Ich kenne mich nicht mit Musikwissenschaft aus.
Louis: Naja, das ist nur emotional. Er hat die ganze Scheiße mitgemacht.
Alex: Ich habe definitiv nicht meine Haare schwarz gefärbt und so getan als hätte ich mich geritzt.

Da bin ich ja froh. Was bringt die Zukunft für Parlovr?
Louis: Wir gehen jetzt nach Hause zu unseren richtigen Jobs.

Oh nein!
Aber dann gehen wir auf Tour.
Jeremy: Ein Gedichtband.

Ihr schreibt Gedichte?
Louis: Über Poesie. Als Gedicht.

Also ist es eine Kritik an Poesie in Gedichtform.
Ja. Vielleicht schreibst du selber sogar eine Review darüber.
Jeremy: Oh scheiße.

Jeremy, ich glaube du musst nach Hause gehe und dir einen Job suchen.
Alex: (lacht) Oh ja! Louis: Oh scheiße.

Oder du wirst einfach ein schreiender Penner.
Wahrscheinlich würde er in New York enden, weil er ein netter Kerl ist.

Richtig. Weil das alle heimlich Kanadier sind.
Jeremy: Ich werde kreischende Penner nach New York exportieren. Und ich werde hier herum wandern und die Leute anschreien.
Louis: „ICH LIEBE NEW YORK!“
Jeremy: „WO SIND DEINE IGLUS, HE?“

Previously - Will from Lilac

@kristenyoonsoo