MEDELLIN

Pablo Escobars Nilpferde rammeln wie die Karnickel und niemand kann sie stoppen

In Afrika ist das Nilpferd vom Aussterben bedroht, in Kolumbien hingegen vermehren sich Escobars Dickhäuter in der Region um Medellín seit Jahren ungehemmt—eine Gefahr für das empfindliche Ökosystem, die niemand aufhalten kann.

von Sarah Emerson
21 Juli 2016, 4:00am

Pablo Escobar: Wikipedia | Colombian National Police | Public Domain | Nilpferd: Jon Connell | Wikipedia | CC BY 2.0

Als der Drogenkönig Pablo Escobar 1993 von der kolumbianischen Nationalpolizei erschossen wurde, hinterließ er ein ebenso gigantisches wie blutiges Erbe. Der Drogenboss des Medellín-Kartells gilt als einer der erfolgreichsten Verbrecher der Geschichte und ist für sein global operierendes Drogen-Kartell berüchtigt, das er nicht zuletzt durch Tausende von Morden aufbauen konnte und mit dem er jahrelang den weltweiten Drogenhandel kontrollierte.

Doch an El Patrón erinnern nicht nur dunkle Drogen-Geschichten—auch etwa 50 Nilpferde (Hippopotamus amphibius), die zur Zeit in der Nähe seines ehemaligen prunkvollen Anwesens, der Hacienda Nápoles, frei herumlaufen, rufen sein Erbe in Erinnerung. Die damals auf Escobars Wunsch gefangenen Nilpferde waren nie dafür bestimmt, in den Flüssen und Flussmündungen Nordkolumbiens zu leben, doch seit Escobars Tod benehmen sich die Tiere so, wie wilde Tiere es für gewöhnlich tun: Sie pflanzen sich fort und vermehren sich in erschreckend schnellem Tempo. In nur knapp 20 Jahren sind die Tiere zur größten invasiven Art der Welt geworden.

Und auch heute sieht es nicht danach aus, als sollte ihre problematische Herrschaft bald ein Ende finden—denn niemand weiß wirklich, wie man sie stoppen soll.

Eine Herde von Hippos schwmmt im Teich der Hacienda Nápoles. Bild: Flickr/FICG.mx

In den 20 Jahren nach Escobars Tod haben die Nilpferd-Herden Berichten zufolge die Zäune der Anlage durchbrochen und sind in nahegelegene Wasserstraßen wie beispielsweise den Rio Magdalena weitergezogen. Im vergangenen Jahr wurde ein Nilpferd in der Nähe einer örtlichen Grundschule gesichtet. Und obwohl die Regierungsbeamten versichern, dass die Tiere bisher keine Menschen angegriffen oder getötet haben, haben Bauern und Fischer, die in Puerto Triunfo arbeiten, Angst davor, sich den tonnenschweren Flusspferden zu nähern.

Doch die privaten Verwalter, die die Hacienda Nápoles zur Zeit als Themenpark betreiben, machen keinerlei Anstalten, die Dickhäuter zu erlegen oder umzusiedeln. Als 2009 ein Bulle namens „Pepe" von Soldaten der kolumbianischen Armee erschossen wurde, löste dies eine heftige Debatte zwischen zurecht besorgten Ökologen und denjenigen aus, die die sympathische Megafauna als ungefährliche Raritäten ansehen. Wissenschaftler, die die Flüsse in Südamerika untersuchen, befürchten, dass die Hippos dafür sorgen könnten, dass eines Tages die empfindlichen Ökosysteme der Region kippen.

„Das ist zur Zeit reine Spekulationen. Es gibt in der Geschichte eine Menge ökologische Fälle von Tieren, die ursprünglich aus Afrika kamen und späterin die Neue Welt übersiedelten—zum Beispiel der ausgestorbene amerikanische Löwe, oder Verwandte der Elefanten—doch Nilpferde gehören einfach nicht dazu", sagte der Biologieprofessor und Nilpferd-Forscher Douglas McCauley Motherboard.

„Wir sind gerade Zeuge eines beängstigenden natürlichen Experiments, in dem sich zeigen wird, was die größte invasive Tierart der Welt aus ihrer neuen Umgebung machen kann", so der Professor von der University of California in Santa Barbara.

Der Eingang zur Hacienda Nápoles. Bild: Wikimedia Commons

Die Hacienda Nápoles ist ein Beweis für den unglaublich großen Reichtum, den Escobar anhäufte—er war mehrfacher Milliardär und ließ sich 1978 auf einem Stück Land in den abgelegenen Berghängen Puerto Triunfos eine herrschaftliche Villa im spanischen Kolonialstil bauen. Dazu gehörten so extravagante Dinge wie eine Stierkampfarena, eine Kartrennbahn, ein Skulpturengarten und sogar ein eigener Flughafen.

Doch der Drogenbaron sah sich selbst ebenso als gütigen Diktator und wurde von den armen Bewohnern der Stadt Medellín als Held gefeiert, da er mit seinem Drogengeld Sozialwohnungen bauen ließ und sich gesellschaftlich engagierte. Statt also nur in der Hacienda zu leben, ließ er einen öffentlichen Zoo errichten und schuf damit etliche Arbeitsplätze. Die Gehege und Anlagen wurden mit illegal eingeflogenen Tieren wie Elefanten, Giraffen und Zebras gefüllt. Ganze Schulklassen und Besucher aus der Gegend reisten in den kommenden Jahren an, um sich die exotischen Tiere, darunter auch vier Nilpferde, anzuschauen. Die drei weiblichen und das eine männliche Exemplar bewohnten einen kleinen, künstlichen See nahe des Eingangs zum Anwesen.

Nachdem Escobar getötet wurde, wurde der Großteil der Tiere gefangen und auf ander Anlagen verteilt. Nur das kleine Hippo-Quartett wurde zurückgelassen—wahrscheinlich, weil es einfach zu umständlich und auch lebensgefährlich gewesen wäre, zu versuchen, einen vier Tonnen-schweren Bullen einzufangen. Ohne natürliche Fressfeinde und dank eines für sie vorteilhaften Klimas, in dem sie sich eifrig vermehren konnten, wurden aus vier Tieren acht, dann zehn, zwanzig und so weiter.

Wissenschaftler wie McCauley betrachten Escobars entlaufene Hippos als einzigartige, bittersüße Gelegenheit, um zu beobachten, was passiert, wenn man einer Art erlaubt, sich völlig ungehemmt zu vermehren. Vor mehr als einem Jahrtausend konnte man mittlerweile ausgestorbene unterschiedliche Arten der Nilpferde nördlich bis hin zu den Mittelmeerinseln, in Ägypten und sogar in Teilen Europas antreffen. Heute kommt der allgemein bekannte Hippopotamus jedoch nur noch in Afrika vor und ist durch die ungeregelte Jagd, Lebensraumzerstörung und die Elfenbeinwilderei stark gefährdet. Biologen, die die Lebensweise und den Lebensraum der Tiere erforschen, beobachten bereits seit einigen Jahren einen Rückgang der Nilpferd-Bestände und müssen nun schnell voraussehen, welche Konsequenzen ein Ökosystem ganz ohne die Dickhäuter mit sich bringen könnte.

Was die Hippos aus der Hacienda Nápoles angeht, wurde in einer Studie geschätzt, dass sich die Tiere weiterhin jährlich um 6 Prozent vermehren werden, und es wird erwartet, dass jede fruchtbare Nilpferdkuh pro Jahr ein Kalb gebärt. Exemplare des Flusspferds wurden jetzt sogar in fast 150 Kilometern Entfernung von dem ehemaligen Anwesen des Drogenbosses gesichtet.

Die Cessna, mit der Pablo Escobar Drogen in die USA schmuggelte. Bild: Wikimedia Commons

In ihrem natürlichen Lebensraum nehmen die Dickhäuter die Funktion des „Gärtners der Natur" ein. Den Großteil des Tages verbringen sie unter Wasser, wo sie sich vor dem Menschen und vor den für sie gefährlichen UV-Strahlen schützen. Erst nachts verlassen die Hippos ihre schlammigen Sümpfe und gehen an Land, um dort riesige Mengen Gras zu verputzen und in ebenso großen Mengen das Mahl vom Vorabend wieder auszuscheiden. Mehrere Tausend Tonnen Nilpferd-Kot gelangen so pro Jahr in die Flüsse Afrikaseine extrem große Ladung, ohne die es in den Flüssen an lebensnotwendigen Nährstoffen mangeln würde. Wissenschaftler haben anhand von chemischen Markern herausgefunden, dass viele Fische und Insekten sich von dem Kot der Hippos ernähren—eine Praxis, die sich Koprophagie nennt—, was darauf hindeutet, dass die Tierart eine wichtige Funktion bei der Verbindung aquatischer und terrestrischer Ökosysteme spielt.

Andererseits ist aber zu viel des Guten (also des Kots) schädlich. In engen Flusssystemen können die Nilpferde das Wasser tatsächlich mit überschüssigen Nährstoffen fluten. Dies kann dazu führen, dass schädliche Algen wuchern, wodurch wiederum Fische und Wirbellose durch Sauerstoffmangel sterben. Dieser Prozess, der in der Ökologie auch Eutrophierung genannt wird, wurde schon vorher mit den Nilpferden in Verbindung gebracht. Ökologen, die sich mit den Wasserstraßen in Kolumbien auskennen, vermuten, dass das jüngste Wegsterben von Fischen in der Nähe der Hacienda Nápoles ein Nebenprodukt der invasiven tierischen Bewohner sein könnte.

„Nilpferde können außerdem auch das Sediment in Seen und Flüssen so sehr durcheinander wirbeln, dass Ablagerungen wieder in die höheren Wasserschichten gelangen. Dies hat einen erheblichen Einfluss auf die Produktivität und hat unterschiedliche Auswirkungen. Ob die Auswirkungen in Afrika ähnlich oder unterschiedlich sind—Fakt ist, dass alles in der Nähe ihres Lebensraums sich in ihrer Gegenwart verändert hat", so Jonathan Shurin, Biologieprofessor an der University of California, San Diego, der sich mit Fragen der Wasserqualität in Kolumbien beschäftigt.

Bisher gibt es nur sehr wenig wissenschaftliche Literatur über die Auswirkungen von invasiven Nilpferden, und das aus dem einfachen Grund, weil es keinen Präzedenzfall gibt. Shurin fügte hinzu, dass Forscher oft auf eine Vielzahl von Hindernissen treffen, wenn sie in Kolumbien arbeiten möchten, und dass das Problem der entflohenen Nilpferde in der traditionellen Wissenschaftswelt bisher kaum für Aufsehen gesorgt hat. Außerdem schlägt sich das Land bereits mit anderen tiefgreifenden Umweltkrisen wie der illegalen Verklappung, der Abholzung des Regenwalds und mit verunreinigtem Wasser herum. Was machen da schon ein paar Dutzend Nilpferde aus?

„Die Sache ist: Wir wissen aus Erfahrung, dass invasive Tierarten alle Ökosysteme um sich herum zerstören und sie komplett verändern. Nur weil wir Nilpferde für besonders sympathische Tiere halten, sollten wir ihnen keine Sonderbehandlung zukommen lassen", so McCauley.

Ein junges Nilpferd-Kalb auf dem Gelände der Hacienda Nápoles. Bild: Wikimedia Commons

Eine Sonderbehandlung ist tatsächlich keine Lösung, doch mit normalen Mitteln wird man den Hippos wohl auch nicht beikommen: Es gibt nämlich keine wirklich wirksame Methode, um eine unberechenbare Nilpferd-Population zu kontrollieren. Laut dem Zoologen Michael Knight von der South African Parks Unit wäre nur die Erlegung oder die Kastration der Tiere eine realistische Option. Der Zoologe selbst sprach sich in einem Interview mit der Nachrichtenwebsite Colombia Reports für erstere Möglichkeit aus.

Es ist nicht bekannt, wie stark sich die kolumbianische Regierung aktuell im Populationsmanagement engagiert. Da jedoch klar ist, dass Kastration und Eingrenzung die einzigen Methoden sind, um die Anzahl der Nilpferde zu drosseln, hat die örtliche Umweltbehörde Cornare zahlreiche Biologen damit beauftragt, natürliche Barrieren zu errichten, um die Hippo-Population innerhalb des Geländes der Hacienda Nápoles einzugrenzen. Die Initiative arbeitet mit einem Jahresbudget in Höhe von 135.000 US-Dollar, und finanziert sich ausschließlich aus Geld, das in Drogenrazzien beschlagnahmt wurde.

2014 haben die Mitarbeiter der Hacienda laut einem Bericht des Onlineportals Fusion den Anwohner James Torres darum gebeten, junge Nilpferde zu fangen und auf seiner nahegelegenen Farm zu pflegen. Wenn man die Kälber frühzeitig von ihren Herden trennt, sei es später einfacher, sie in Zoos zu verlegen, so Torres.

Zwar scheint die Kastration vielleicht die goldene Mitte in der Problemlösung der erhöhten Nilpferd-Population zu sein, doch selbst für die erfahrensten Wildtierpfleger ist dies eine Herausforderung, der sie nicht gewachsen sind. Erstens sind Nilpferde trotz ihrer Größe überraschend gut darin, unterzutauchen. Am Tag kann man nur ihre kleinen Öhrchen, ihre Augen und Nüstern über der Wasseroberfläche ausmachen. Außerdem sind die Tiere nicht geschlechtsdimorph, was bedeutet, dass es schwierig ist, die Nilpferdbullen von -kühen zu unterscheiden. Die Hoden des Bullen befinden sich in seinem Abdomen, so kann also erst eindeutig festgestellt werden, ob es auch tatsächlich ein männliches Tier ist, wenn es betäubt ist. Der Vorgang der Sedierung des mehrere Tonnen schweren Dickhäuters ist aber oft sehr kompliziert, erklärte McCauley Motherboard. Obwohl die von Tierärzten verwendeten Beruhigungsmittel mittlerweile sehr ausgefeilt sind, kann man nie genau absehen, wie ein Tier auf die Betäubung reagieren wird. Fühlt sich ein Nilpferd bedroht, verzieht es sich ins Wasser. Wurde es bereits betäubt und stürmt dann zurück ins Wasser, läuft es Gefahr, zu ertrinken.

Bisher konnten nur vier Bullen erfolgreich kastriert werden. „Mit dem Großteil der invasiven Arten ist es meist bereits zu spät, zu handeln, wenn man das Problem bemerkt, bei Nilpferden ist das aber wahrscheinlich nicht der Fall. Wenn sie sie wirklich entfernen wollten, könnten sie es tun. Doch anscheinend sind die Nilpferde zu einer Touristenattraktion geworden und haben somit einen wirtschaftlichen Wert. Niemand hier will sie wirklich loswerden", fügte Shurin hinzu.

Fürs Erste bleibt die Zukunft der Nilpferde Kolumbiens wohl ungewiss. Eins ist aber sicher: Selbst nach seinem Tod ist das Erbe Pablo Escobars in Medellín allgegenwärtig.