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So ehrlich wie dieser Redditor hat wohl noch niemand seine Pädophilie gebeichtet

In einem außergewöhnlichen AMA diskutiert ein Pädophiler gerade mit nicht-pädophilen Nutzern über eines der sensibelsten Themen unserer Gesellschaft.
6.7.16

Im Schutze der Online-Anonymität wird auf Reddit immer mal wieder über das sensible Thema Pädophilie gesprochen. Pädophile outen sich hier, offenbaren ihre innere Gefühlswelt und versuchen, anderen Nutzern zu erklären, was es bedeutet mit einer pädophilen Neigung zu leben. Selten war dabei wohl jemand so schonungslos offen wie ein 22-jähriger Student, der letzte Woche eine AMA-Fragerunde in deutscher Sprache startete und euch auch aktuell noch immer Rede und Antwort steht:

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„Ich bin Pädophiler. 22 Jahre alt. Student. Für mich steht außer Frage, dass ich niemals meine Neigung werde ausleben können. Bei Interesse beantworte ich gerne noch zwischendurch mal ein paar Fragen", kündigte er seine ungewöhnliche Beichte auf Reddit an.

Die Hindernisse eines sachlichen Diskurses

Und auch wenn wir nicht verifizieren können, ob es sich bei dem anonymen Nutzer namens Wandtapete93 tatsächlich um einen 22-jährigen, deutschen Studenten handelt, der pädophil ist, bietet das AMA einen interessanten Einblick in die schwierigen Versuche pädophiler und nicht-pädophiler Mitmenschen, einen adäquaten Diskurs über die psychische Störung zu führen. Noch immer ist es angesichts der Schwere der Straftaten, die einige Pädophile begehen und welche bei den Opfern teils lebenslange posttraumatische Belastungsstörungen auslösen, nur selten möglich, einen sachlichen öffentlichen Diskurs über den gesellschaftlichen Umgang mit Pädophilen zu führen. Genau dieser aber ist notwendig, um zu verhindern, dass Pädophile zu Tätern werden und andere Menschen deshalb Zeit ihres Lebens an den psychischen Folgen eines Missbrauchs leiden müssen. Ein solcher Diskurs kann außerdem dazu beitragen, dass Pädophile, die ihre problematische Neigung nicht ausleben, ermutigt werden, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen und nicht Gefahr laufen, in die soziale Isolation und somit weitere psychische Probleme getrieben zu werden.

Auch der Nutzer Wandtapete93 versucht zu schildern, wie schwer das Leben mit seiner psychischen Störung für ihn sei. Er hat sein Konto anscheinend nur für das AMA registriert und erklärt, sich mit 16 Jahren endgültig darüber im Klaren gewesen zu sein, dass er pädophil sei. Seinen aktuellen Gesundheitszustand schätzt er folgendermaßen ein: „Ich bin nicht in Behandlung. Deutschland ist in jener Hinsicht zwar weltweit Vorreiter, aber dennoch konnte ich mich bisher nicht dazu überwinden und sehe auch aktuell keinen Bedarf. Pädophilie ist ja leider nicht heilbar und die Therapie kann einen nur dabei unterstützen, sich selbst zu akzeptieren und kein Täter zu werden. Ich akzeptiere diesen Teil von mir und sehe mich nicht in Gefahr, Täter zu werden. Ich war allerdings und werde zukünftig wieder wegen Depressionen, die teilweise anderen Ursprungs sind, in Behandlung gehen."

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Auch wenn Wandtapete93 sich über das gesamte AMA als Mensch präsentiert, der seine problematische Neigung im Griff zu haben scheint, gilt für ihn wie für jeden anderen Betroffenen einer psychischen Störung, dass diese von ihm nur teilweise„willentlich gesteuert" werden kann.

Er kann seine Neigung also nur akzeptieren und lernen, mit dieser umzugehen. Eine hundertprozentige Sicherheit, dass er seine Handlungen zu jeder Zeit unter Kontrolle hat und nicht straffällig wird, gibt es nicht.

In der Wissenschaft gilt Pädophilie bis heute tatsächlich als nicht heilbar. Therapieprogramme wie Kein Täter werden arbeiten deshalb ausschließlich präventiv und konnten die Rückfallquote von bereits straffällig gewordenen Pädophilien nachweislich senken (trotzdem bleibt sie bei Pädophilen die höchste unter allen Sexualstraftätern).

Trotz Akzeptanz und Selbstreflexion keine Therapie

Wie Wandtapete93 sicherstellen will, dass er seine Pädophilie wirklich so weit unter Kontrolle behält, dass er sie aktuell und auch in Zukunft nicht auslebt, führt er in dem AMA nicht weiter aus. So bleibt auch unklar, warum er glaubt, selbst keine professionelle Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen, obwohl er doch gleichzeitig anerkennt, dass es in Deutschland sehr gute Behandlungseinrichtungen gibt. An einer Stelle erklärt er, dass er auf eine Therapie verzichtet, weil er sich „nicht überwinden könne", an anderer holt er auf Nachfrage eines Nutzers sehr weit aus, warum er der Überzeugung ist, die Erkrankung dank seiner Willensstärke und moralischen Überzeugung voll unter Kontrolle zu haben (was dem medizinischen Konsens widerspricht). Er skizziert einen inneren Entwicklungsprozess, der mit der Selbst-Ablehnung aufgrund seiner psychischen Störung beginnt und schließlich mit der Akzeptanz derselben die Grundlage dafür schafft, sich zumindest im Schutze der Anonymität von Reddit als Pädophiler zu outen und somit auf unkonventionelle Weise Bewusstsein für die komplexe Thematik zu schaffen:

„Es begleitet mich bereits etwa mein halbes Leben lang und noch vor wenigen Jahren dachte ich die einzige Möglichkeit Kinder vor mir zu schützen sei der Freitod. Ich hatte Angst davor, mit meinem kleinen Bruder alleine zu sein. Ich war mir sicher eines Tages die Grenze zu überschreiten und einem Kind Leid anzutun. Ich bin nicht naiv. Ich bin nicht leichtsinnig. Ich habe einen ziemlich langen Weg hinter mir und habe lange gezweifelt. Habe mich verachtet und vor mir selbst gefürchtet. Zu was ich im Stande sein könnte. Nicht, weil ich jemals auch nur entfernt im Begriff war, Grenzen zu überschreiten, sondern weil es mir von der Gesellschaft so eingetrichtert wurde: Pädophile sind Monster. Irgendwann habe ich dieses Mantra geglaubt. Jetzt glaube ich es nicht mehr. Ich kenne mich besser als irgendwer sonst. Ich werde niemals einen Jungen unsittlich anfassen."

Angesichts der schonungslos ehrlichen Selbstreflexion, die Wandtapete93 hier mit den Redditnutzern teilt, bleibt es umso unverständlicher, warum er die Möglichkeit einer Therapie zum jetzigen Zeitpunkt ablehnt—schließlich ist eine reflektierte Eigenwahrnehmung eine hilfreiche Vorraussetzung, um den Schritt zum Beginn einer psychologischen Behandlung zu erleichtern.

Unbequeme Wahrheiten

Nutzer Vreedm äußert schließlich als erster jene Art von Fragen, die sich wohl jeder Nicht-Pädophile stellt, aber wohl selten so direkt loswerden kann wie in einem AMA (einerseits da sich wohl kaum jemand traut, einem Pädophilen diese Fragen so offen zu stellen, andererseits, weil gesellschaftliche Konventionen es nur selten erlauben, über ein so emotionalisiertes Thema sachlich zu reden). Wandtapete93 beantwortet sie alle der Reihe nach und ist dabei so offen, dass er auf schockierende Weise verdeutlicht, welche Gefahren von der psychischen Störung einer Pädophilie ausgehen. So spricht er über sein persönliches, problematische sexuelles Empfinden für Kinder. Gemerkt, dass er pädophil sei, habe er als Jugendlicher: „Ich hoffe das ist nicht zu viel Information, aber ich versuchte als Jugendlicher jahrelang vergeblich Pornos zu „genießen" aber ich habe dabei nichts empfunden. Klares Anzeichen in einem Alter, wo Freunde über nichts anderes reden…" Dass er sich stattdessen von Kindern angezogen fühlt, halte er für eine „Fehlvernetzung im Gehirn."

Von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird Pädophilie offiziell als Störung der Sexualpräferenz definiert und fällt damit in die Kategorie Persönlichkeits- und Verhaltenstörungen. Die hierfür herangezogenen Diagnosekriterien sind durch das international anerkannte Diagnose­klassifikationssystem ICD festgelegt. Sie widersprechen allerdings teilweise den Kriterien, welche die Amerikanische psychiatrische Gesellschaft für die Diagnose von Pädophilie heranzieht und in ihrem Klassifikationssystem DSM definiert, das ebenfalls international Anwendung gefunden hat und auch von deutschen Kliniken und anderen medizinischen Einrichtungen herangezogen wird.

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Das DSM rechnet Pädophilie den Paraphilien zu, einer Untergruppe der psychischen Störungen, bei denen die Betroffenen „von der empirischen ‚Norm' abweichende sexuell erregende Fantasien, dranghafte sexuelle Bedürfnisse oder Verhaltensweisen äußern, die sich auf unbelebte Objekte, Schmerz, Demütigung, nicht einverständnisfähige Personen wie Kinder oder auf Tiere beziehen und in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigung bei der betroffenen Person oder ihren Opfern hervorrufen."

Vreedm hakt weiter nach und erfährt von Wandtapete93 auch unbequeme Wahrheiten: „ Ich vermeide Jungs hinterher zu schauen. Aber ich schaue schon mal in der Ubahn oder wenn mir wer entgegen kommt. Ich fühle mich nicht schlecht dabei und schade ja auch niemandem."

In Therapien, wie sie beispielsweise Kein Täter werden anbietet, lernen Pädophile, mit ihren sexuellen Impulsen so umzugehen, dass sie weder sich noch Kindern schaden. Gegebenenfalls kommt dabei auch eine medikamentöse Behandlung zum Einsatz. Zieht man die Definition des DSM heran, setzt die Diagnose von Pädophilie ein Mindestalter von 16 Jahren des Diagnostizierten voraus.

Klischee und Wirklichkeit

Bei der Lektüre dieses Frage-Antwort-Spiels drängt sich schnell der Gedanke auf, dass es sich bei Wandtapete93 so gar nicht um das typische Klischee des Pädophilen handelt. Stattdessen steht der anonyme Redditor-Nutzer allem Anschein nach voll im Leben, reflektiert die Gefahren, die mit seiner Krankheit einhergehen und hat sich sogar gegenüber seiner Mutter geoutet—ein Schritt, der für ein halbwegs normales Leben mit der Krankheit wohl unerlässlich ist, gleichzeitig aber wohl einer der schwierigsten im Prozess, die Krankheit bei sich selbst zu akzeptieren.

Um Pädophile davor zu bewahren, ihre Neigungen tatsächlich auszuleben und somit straffällig zu werden und anderen Menschen zu schaden, ist es unabdingbar, die Krankheit als Teil des Menschen zu begreifen—sowohl seitens des Pädophilen, der sich selbst als pädophil akzeptiert, als auch seitens der Gesellschaft, die Pädophile als Menschen mit psychischer Störung akzeptiert, denen geholfen werden kann und muss—zumindest soweit, dass sie nicht straffällig werden und den Opfern somit die traumatischen Erlebnisse und das schwere Leid erspart bleiben.

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Nutzer Gyunda erklärt: „Wenn man an Pädophile denkt, denkt man meist an die, die straffällig geworden sind. Aber sicher gibt es noch mehr wie dich, die um ihre Sexualität wissen und wissen, dass sie zu viel Schaden anrichten, wenn sie die ausleben. Man sollte nicht vergessen, dass viele Pädophile auch leiden. Natürlich finde ich, wenn ein Pädophiler sich an einem Kind vergeht, ist das eines der schlimmsten Dinge, die passieren können. Aber ich denke, wenn man Pädophile auch als Menschen sehen würde und nicht nur als Monster, dann könnte man ihnen eher helfen, nicht straffällig zu werden."

Erstmal in's Online-Forum

Einmal mehr wird hier die Wichtigkeit deutlich, gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die es Pädophilen erlauben, ihre Krankheit zu akzeptieren, um anschließend ihre psychische Störung präventiv therapieren zu lassen und so den tatsächlichen Missbrauch von Kindern zu verhindern. Ohne diese Akzeptanz wird es Pädophilen kaum möglich sein, ein halbwegs normales Leben zu führen und ihre Krankheit in den Griff zu bekommen. Zu den schwierigsten Dingen für Pädophile, die ihre problematische Neigung nicht verheimlichen wollen, gehört es wohl, eine Beziehung zu führen. Ein Nutzer schlägt Wandtapete93, der sich eine normale Beziehung mit einem anderen Erwachsenen nur schwer vorstellen kann, vor, er könne möglicherweise eine Beziehung mit einem Asexuellen eingehen. Gedanklicher Austausch wie dieser zwischen pädophilen und nicht-pädophilen Menschen findet außerhalb von Online-Communities wie Reddit wohl nur in den seltensten Fällen statt.

„Mir fallen spontan wenig Themen ein, die mehr tabuisiert und die emotional aufgeladener sind, und wo zeitgleich so viele Vorurteile und Falschinformationen im Umlauf sind", erklärt Wandtapete93 und liefert damit auch gleich die Begründung, warum derartige AMAs wichtig sind und das Potenzial haben, den Umgang mit dem gesellschaftlichen Problem Pädophilie zu verbessern.

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Pädophilen, die nicht den Mut aufbringen, eine therapeutische Behandlung in Anspruch zu nehmen, bleibt tatsächlich nur der Gang in Online-Selbsthilfeforen, wo sich Erkrankte gegenseitig dabei unterstützen, dass sie nicht straffällig werden, dabei aber allein unter Ihresgleichen stets Gefahr laufen, in einen gefährlichen Relativismus zu verfallen, der sie als Opfer umdeutet. Eines der größten Foren dieser Art ist das englischsprachige Virtuous Pedophiles. Auf der Website Schicksal & Herausforderung haben zwei Pädophile 15 Grundsätze verfasst, wie „pädophil empfindende Menschen" durch das Leben gehen können, ohne straffällig zu werden und klären über therapeutische Hilfsangebote auf.

Es gibt Hilfe

Wandtapete93 hat vor, neben seiner Mutter auch Schritt für Schritt andere Familienmitglieder sowie den „engsten Freundeskreis" in seine problematische Erkrankung einzuweihen. Angst davor, es „irgendwann nicht mehr auszuhalten" habe er nicht. Aber auch was den Umgang mit straffällig gewordenen Pädophilen angeht, hat Wandtapete93 eine ganz klare Meinung: „Denkst du das chemische Kastration eine Lösung ist für straffällig gewordene Pädophile?" fragt Nutzer Gumbahumba.

„Für Pädophile, die ihren Trieb nicht unter Kontrolle haben auf jeden Fall. Ich habe mich mit dem Thema ein wenig beschäftigt und denke die Risiken und Nebenwirkungen übertrumpfen den Nutzen für mich bei weitem." Tatsächlich gibt es in Deutschland seit 1969 ein Gesetz, das Sexualstraftätern die chemische Kastration auf freiwilliger Basis ermöglicht. Wie viele Pädophile bisher davon Gebrauch gemacht haben, ist nicht bekannt. In Polen wurde bereits 2009 ein Gesetz zur zwanghaften chemischen Kastration von straffälligen gewordenen Pädophilen verabschiedet. Auch Australien denkt über derartige Zwangsmaßnahmen nach.

Pädophilie ist eine behandelbare psychische Störung. Für Pädophile, die ihre Krankheit therapieren lassen wollen, gibt es verschiedene Hilfseinrichtungen. Kostenlose und anonyme Therapien bietet zum Beispiel das bundesweite Projekt „Kein Täter werden". Eine Übersicht aller Standorte inklusive Kontaktdaten findet sich hier.

[Update, 8.Juli]: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass Pädophile, „die ihre Krankheit besiegen wollen", sich an verschiedene Hilfseinrichtungen wenden können. Tatsächlich kann eine Therapie den Betroffenen ausschließlich dabei helfen, besser mit der pädophilen Neigung umzugehen, diese aber nicht heilen. Wir bedauern diese Ungenauigkeit und haben den Text entsprechend aktualisiert. In einer früheren Version dieses Artikels wurde außerdem fälschlicherweise geschlussfolgert, dass „Wandtapete93s Vermutung, es handle sich um eine angeborene Störung" nicht mit den Kriterien des DSM für die Diagnose einer Pädophilie vereinbar sei, da diese für die Diagnose von Pädophilie ein Mindestalter von 16 Jahren des Diagnostizierten voraussetzen. Die Notwendigkeit eines Mindestalters bei der Diagnose, welche der sexuellen Entwicklung eines Menschen Rechnung trägt, widerspricht allerdings nicht der Theorie, dass eine Pädophilie auch angeboren sein kann.

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