Was wissen wir über Shiny Flakes' mutmaßlichen Mentor?
Am Gerichtsgebäude in Moabit. Bild: Motherboard

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Was wissen wir über Shiny Flakes' mutmaßlichen Mentor?

RedBull zieht als Darknet-Veteran ein wohlorganisiertes Dealer-Geschäft auf—bis er auf einen 18-jährigen Newcomer trifft, der seine Umsätze bald um ein Vielfaches überbieten sollte.
28.10.15

Ende September hat der mutmaßliche Shiny Flakes-Betreiber Maximilian S. überraschend ein Geständnis über seine spektakuläre Karriere als Deepweb-Drogendealer abgelegt. Dabei sagte er auch aus, dass er sein „Projekt" vor zwei Jahren auf Anraten und mit freundlicher Unterstützung eines erfahrenen Darknet-Händlers aufgezogen habe. Sollten hinter Shiny Flakes doch bisher unbekannte Unterstützer stehen—ähnlich wie hinter dem Silk-Road-Betreiber Ross Ulbricht? Und was wissen wir über den mutmaßlichen Shiny Flakes-Mentor mit dem Nutzernamen RedBull?

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Unsere Recherchen zeigen erstens, dass der erfahrene Vendor RedBull nicht ein Mensch ist, sondern sich hinter dem Alias tatsächlich ein Kollektiv aus mindestens zwei Partnern versteckt. Und zweitens, dass auch diese schon seit einem Dreivierteljahr in U-Haft sitzen. Eine eingehendere Untersuchung der Darknet-Karriere von RedBull zeigt, wie sich ein Händler der ersten Stunde aus Deutschland über verschiedene Märkte ein umfassendes und professionelles Dealer-Geschäft aufzog—von eigenes angemieteten Bunkerwohnungen über eine Gruppe von Kurieren bis hin zu gefälschten Briefmarken und Pässen.

Kollektivarbeit Darknet-Dealer

Seit dem 9. Oktober müssen sich vier Männer, die mit RedBull in Verbindung gebracht werden, in Berlin-Moabit wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz und Urkundenfälschung vor dem Strafgericht verantworten. Es sind die Berliner Robert R. (47) und seine drei Helfer Nenad B. (32), Denny A. und Hakan H.: Alle wurden am 29.01.2015 nach einer Durchsuchung in Spandau festgenommen. Dabei fanden die Polizisten 12,5 kg Drogen sowie verschreibungspflichtige Medikamente aller Art.

Die fünf gefälschten österreichischen Ausweise sind auf Tarnnamen wie Ingo oder Olaf ausgestellt.

Kopf der Bande soll der 48-jährige Hauptangeklagte Robert R. aus Berlin-Wilmersdorf sein. Ihm wird vorgeworfen, über einen Zeitraum von fünf Jahren (2010-2015) 830 Mal Drogen im Darknet verkauft zu haben: Erst über Silk Road, dann auf den Märkten Pandora, Agora, Evolution und Hydra. Im Angebot hatte Robert R. außerdem eine umfangreiche Palette an verschreibungspflichtigen Medikamenten. Mit mutmaßlich verkauften Mengen von 5,8 kg Koks, 1,1 kg Hasch, 4 kg Speed,
828 g Meth und 12.097 Ecstasy-Tabletten kommt der Vendor RedBull jedoch nicht mal im Entferntesten an das Handelsvolumen von Maximilian S. heran.

Lest hier die ganze Geschichte von Shiny Flakes: Der Aufstieg und Fall eines 20-jährigen Online-Dealers

Für seine Geschäfte nutzte er eine Bunkerwohnung in der Bayerischen Straße in Berlin-Wilmersdorf, ganz nah an seinem eigenen Wohnort. Dort lagerten weitere Drogen wie Koks, Hasch, Speed, Meth und M-CCP, sowie Tausende weitere Tabletten.

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Doch RedBull soll nicht nur ein Early Adopter unter den Darknet-Drogendealern gewesen sein, ihm wird zudem auch Urkundenfälschung und der Verkauf dieser Fake-IDs über das Internet in insgesamt 780 Fällen zur Last gelegt. Die Beweislast zu diesen Vorwürfen ist ähnlich erdrückend wie der Drogenberg in Maximilian S.'s Zimmer: Die Polizei nahm bei der Verhaftung Robert R.'s „hochwertige Geräte zum Verfälschen und Fälschen von Kreditkarten" mit. Denn Robert R. scheint ein Mann mit vielen Facetten gewesen zu sein.

Suche Bitcoin, biete Fake-ID: Das Geschäft mit Identitäten im Deepweb

Multiple Fake-Persönlichkeiten

Die Ermittler fanden bei ihm ein buntes Sortiment multipler Persönlichkeiten in Form falscher Urkunden, darunter 181 Aufenthaltsgenehmigungen, elf belgische Personalausweise, einen belgischen Pass, 17 bulgarische Personalausweise und 73 deutsche vorläufige Personalausweise.

Um die Portokasse zu schonen, klebt RedBull sogar gefälschte Briefmarken auf die
Drogen-Päckchen.

In der Bunkerwohnung schlummerten weitere 50 verschiedene Ausweise mit acht Nationalitäten unter verschiedenen Namen. Ein paar der falschen Pässe gab RedBull auch an seine Handlanger weiter, so die Anklage. Damit sollen seine Helfer wie Nenad B. Medikamente und Drogen über die Grenze aus Serbien geschmuggelt haben.

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Nenad B. soll in Sachen RedBull beim Portionieren, Verpacken und beim Versand geholfen haben. Die Polizisten fanden bei ihm neben ein paar verschreibungspflichtigen Medikamenten am 29. Januar Versandtaschen mit RedBull-Logo, die zum Teil schon mit gefälschten Briefmarken beklebt waren, dazu fünf österreichische Ausweise—ausgestellt auf Tarnnamen wie Ingo oder Olaf. Die Ausweise nutzten mutmaßlich auch die anderen beiden Angeklagten für Kontoeröffnungen und polizeiliche Verkehrskontrollen.

Die Deepweb-Portokasse

Doch das Fälschergeschäft RedBulls ging wohl noch einen Schritt weiter: Selbst für den eigenen Drogenversand mochte das Kollektiv RedBull wohl kein eigenes Geld aus der Portokasse graben—auf den Drogen-Päckchen klebten auch gefälschte Briefmarken. Recht riskant, wenn man sich überlegt, wie leicht es zu Rückläufern kommen kann, sollte man Pakete versenden, dessen Inhalt lieber nicht länger bei der Post gelagert und möglicherweise untersucht werden sollte. Die Polizei stellte jedenfalls 2450 gefälschte 145-er-Briefmarken sowie 2850 240er-Briefmarken sicher, mit denen sich noch das ein oder andere Paket verschicken ließe.

Die Klarnamen hinter RedBull erfährt auch Maximilian S. erst aus der Ermittlungsakte.

„Welcher Idiot fälscht denn Briefmarken?", fragt ein Redditor in einem Thread über den Bust ungläubig. Doch wenn man sich das Geschäft so anschaut, wird klar, wieso: Bei hunderten Transaktionen und dem Versand kleinerer Mengen geht das Porto schließlich ziemlich ins Geld.

Exklusiv: Das Interview mit dem verhafteten Online-Dealer hinter Shiny Flakes

Mit seinem Angebot schaffte es RedBull sogar bis in einen Darknet-Bericht der CreditSuisse aus dem Jahr 2013 mit dem unheilvollen Titel: „Das Internet—Bedrohung oder Befreiung?" Darin heißt es: „User 'Red Bull' aus Deutschland etwa verkauft 'erstklassiges Kokain'—mit weltweiter Versandgarantie."

Selbstdarstellung und Fremdwahrnehmung

Dabei klaffen offenbar Selbstdarstellung und Fremdwahrnehmung des Vendors etwas auseinander. Die Kundenrezensionen, die man heute noch online findet, sind durchaus gemischt. Sie reichen von passionierten Liebesbekundungen im Forum „Deutschland im Deepweb"…

„Der einzige den man Blind vertrauen konnte war RedBull !!!!!!!!!

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Und den haben leider die dreckigen Bullen gefickt!"

… bis hin zu eher gebremster Begeisterung in einem Subreddit:

„Riecht wie verbranntes Gummi. Ich ziehe eine fette Line, wie ich sie normalerweise bei Koks ziehe, BUMM, ich fühle mich ein bisschen wie auf Speed, mein Schwanz schrumpft auf die Größe eines Scheiß-Golfballs, gefolgt von heftigen Scheiß-Kopfschmerzen und ich fühl immer noch nicht die Euphorie wie bei Koks. Was für ne Scheiß-Droge ist das?"

Online genoss RedBull insgesamt bis zu seinem Bust einen relativ guten Ruf aufgrund seines sauberen Bewertungsprofils—trotz eher mäßigen Laborergebnissen bezüglich verstreckten Kokains, das Redditor ChopSueyX nach seinem Kauf auf Agora einer Analyse unterzogen hatte:

• User: Redbull (Order through Agora - agorahooawayyfoe.onion)

• Date: 07/31/14

• Result: 67% Purity - Traces of Ephedrine, Caffeine

In 30 g RedBull-Kokain und ein paar halluzinogene Pilze investierte auch Maximlian S. erstmalig sein Erspartes aus der Kellnerlehre (2000 Euro), um es testweise weiterzuverkaufen. Zu diesem Zeitpunkt stand der Businessplan für Shiny Flakes bereits: RedBull sollte die Drogen liefern, Maximilian das Shopsystem aufbauen und ein weiterer, früh abgetauchter User mit dem schönen Namen DummesSchwein den Versand übernehmen.

Startkapital: Halluzinogene Pilze und Koks für 2000 Euro

Maximilian S. sagte in Leipzig aus, dass er die Klarnamen hinter RedBull zum ersten Mal in der Ermittlungsakte erfahren habe. Seine Kommunikation mit RedBull hätte sich auf vermittelte Gespräche über den Aufbau seines „Projekts", hauptsächlich im Chat, beschränkt, persönlich gesehen habe er seinen mutmaßlichen Mentor nie. Doch er sei von vornherein fest davon überzeugt gewesen, das Online-Drogengeschäft besser aufziehen zu können als der Mensch (oder die Menschen?), von denen er angab, gelernt zu haben. Erneut zeigt sich, wie sehr Maximilian S. bereit war, sein arbeitsintensives Geschäft alleine durchzuziehen. Der Fall RedBull stützt damit in keiner Weise die immer wieder geäußerte Vermutung, dass Maximilian S. nicht der maßgebliche Betreiber war.

Bis das SEK kommt: Die erste Festnahme eines deutschen Deepweb-Waffenhändlers?

Nachdem RedBull verhaftet wurde, wollte Maximilian den Versand allein weiterführen. Das Volumen wuchs und er wurde unvorsichtig: Ein Mann, der sich als Geschäftspartner RedBulls ausgab, betrog ihn um 60.000 Euro, die Maximilian einem Mittelsmann übergeben hatte. Eine Gegenleistung in Form von Drogen erhielt er nie. Erst nach diesem Vorfall, so gab Maximilian an, habe er letztlich das Online-Dealernetzwerk Dutchmasters in den Niederlanden kontaktiert, um die Lieferungen aufrecht zu erhalten. Aus einem Aktenvermerk geht hervor, dass Maximilian insgesamt Bitcoins im Wert von 1,3 Millionen Euro an die Niederländer zahlte, bevor er am 26. Februar 2015 verhaftet wurde.

Für den Prozess gegen die mutmaßlichen Lieferanten sind noch sechs weitere Termine am Landgericht Berlin angesetzt. Ein Urteil wird frühestens Ende November erwartet.