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Trolle nutzen Anschlag von Nizza aus, um Unbeteiligte zu Opfern zu machen

Die Falschmeldung über den Typen, der bei fast jedem Terroranschlag ums Leben kommt, ist auch nach Nizza aufgetaucht—und wieder sind Journalisten darauf reingefallen.

von Johannes Hausen
15 Juli 2016, 10:11am

Nach dem Anschlag von Nizza, bei dem gestern Abend vermutlich ein 31-Jähriger Franko-Tunesier mit einem LKW in eine Menschenmenge raste und mindestens 84 Menschen tötete, vergingen keine zwei Stunden und neben Trauerbekundungen und Shelter-Hashtags tauchte ein wohl bekanntes „Opfer" auf Twitter auf.

Der Mann auf dem Foto, der dieses Mal als „Roberto" bezeichnet wurde, war bereits nach dem Absturz der Egypt-Air-Maschine, dem Amoklauf im Nachtclub Pulse und dem Terroranschlag auf dem Istanbuler Flughafen Atatürk von vermeintlichen Angehörigen zunächst gesucht worden—und später zum Todesopfer erklärt worden. Meist wurde ihm dabei der Name „Alfonso" verliehen, und verschiedene Bilder des Mannes wurden von überwiegend mexikanischen Twitterkonten in Umlauf gebracht. Einige dieser Konten sind mittlerweile gesperrt.

Während klar ist, dass es sich bei den Nutzern, die „Alfonso" nach fast jedem Terroranschlag dieses Jahres als Todesopfer deklariert haben, um Trolle handelt, bleibt ihr Motiv, ausgerechnet das Foto dieses Mannes zu verwenden, rätselhaft. France24 berichtete, den Mann auf dem Foto ausfindig gemacht zu haben und erklärte, es handele sich bei den gefaketen Vermissten- und Todesanzeigen auf Twitter um eine Racheaktion von Freunden, die von dem Mann um verschieden Gründen um hohe Geldsummen betrogen wurden. Ob die Geschichte tatsächlich auf einer merkwürdigen Art von digitaler Rufmordkampagne basiert oder „Alfonso" komplett der Fantasie von Trollen entstammt, konnte bisher nicht geklärt werden.

Fakt ist, dass deutsche und internationale Medien das Bild von „Alfonso" für die Berichterstattung nach Terroranschlägen über Opfer und deren Angehörige immer wieder aufgreifen und auch erfahrene Journalisten die Falschmeldung weiter verbreiten—das Gesuch nach „Roberto" wurde kurz nach dem Anschlag von Nizza beispielsweise von Bild-Journalist Bela Anda, ehemaliger Chef des Bundespresse, retweetet.

Diesmal wurde das Bild auf Twitter ausgerechnet als Antwort auf einen Tweet der französischen Polizei gepostet, in dem die Gendarmerie darum bittet, in Zusammenhang mit den Ereignissen von Nizza keine Falschmeldungen zu verbreiten. Während viele Nutzer den Tweet teilten, gab es diesmal auch eine hohe Anzahl an Antworten, die auf den Fake und die Trolle hinter „Roberto" hinwiesen.

Ob die Identität des Mannes auf dem Foto jemals abschließend geklärt werden kann, spielt für die Moral von der Geschicht' letztlich eine untergeordnete Rolle. Denn die rasante Verbreitung des „Alfonso"-Bildes mit über 2.000 Retweets zeigt vor allem, wie groß der öffentliche Hunger nach authentischen, persönlichen Bildern nach Unglücken und Terroranschlägen ist—vor allem, um ein schwer fassbares und entferntes Ereignis durch persönliche Geschichten mit Identifikationspotential einfacher begreifbarer zu machen.

Dass durch die sozialen Medien die Notwendigkeit, derartige Bilder möglichst schnell präsentieren zu können, sehr viel größer geworden ist, droht gerade bei News-Geschichten dazu zu führen, dass eine Verifizierung der Bilder oft nur oberflächlich und mangelhaft durchgeführt wird. Im Falle von „Alfonso" konnten die Trolle—welcher Art auch immer sie sein mögen—deshalb so erfolgreich agieren, weil sie genau diesen Bedarf bedienten und es zusätzlich mit ihren öffentlichen Gesuchen und Trauerbekundungen anderen Nutzern einfach machten, durch das Teilen der Tweets nach den tragischen Ereignissen zu „helfen" und so Zugang zu den abstrakten Geschehnissen zu finden.