Ewiges Eis wird wohl schneller und stärker abschmelzen als bisher gedacht

Eine neue Studie widerspricht der bisherigen Auffassung einer stabilen und langsamen Entgletscherung, was einen wesentlich plötzlicheren Anstieg der Meeresspiegel bedeuten könnte.

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29 Mai 2014, 11:34am

Bild: WikiImages / pixabay | CC0 1.0

Hier kommt ein weiterer Grund, warum wir schleunigst damit beginnen sollten uns auf steigende Meeresspiegel vorzubereiten: Neue Studien zeigen, dass die Antarktis anfällig ist für heftige Perioden beschleunigten Abschmelzens, was zum massiven Anstieg des Meeresspiegels führen würde. Die Untersuchung widerspricht damit unserem gegenwärtigen Verständnis der Auflösung des ewigen Eis, die bisher von einem langsamen und kontinuierlichen Schmelzprozess ausgingen—seit die Welt aus der letzten Eiszeit hervorgegangen ist.

Die in Nature veröffentlichte Studie zeigt nun, dass aufgrund schmelzender Gletscher in der Antarktis der Meeresspiegel schon einmal innerhalb eines Zeitraums von 350 Jahren um geschlagene 15 Meter gestiegen ist. Die Studie identifizierte insgesamt acht „Schmelzwasser-Impulse" die seit ihrem Beginn vor 20.000 Jahren zu einem global steigenden Meeresspiegel beigetragen haben. Der oben genannte rasanteste erste Sprung ereignete sich vor 14.500 Jahren, und bedeutet einen 20 mal schnelleren Anstieg des Pegels als im Laufe des 20. Jahrhunderts.

In einem Statement fasste der leitende Autor der Studie, Michael Weber von der Kölner Universität, die Besonderheit seiner Ergebnisse zusammen: 

„Auf Basis bisheriger Studien gingen die Überlegungen stets von einer relativ stabilen Entwicklung der antarktischen Eisschicht seit der letzten Eiszeit aus: relativ später Beginn der Entgletscherung, und langsames, kontinuierliches Abschmelzen bis zum Erreichen der heutigen Größe. Die Aufzeichnungen der Sedimente verraten ein anderes Muster: Eines das episodischer ist, und indem sich Teile der Eisschicht wiederholt destabilisierten im Laufe der zurückliegenden Entgletscherung."

Die Autoren weisen explizit daraufhin, dass diese Entdeckung gerade momentan besondere Aufmerksamkeit verdient, da ein wichtiger 3 Kilometer dicker Eisberg in der westlichen Antarktis beginnt zusammenzubrechen. Die Studien aus der vergangenen Woche, die uns einen Anstieg der Meeresspiegels von mindestens drei Metern garantierten, hatten dabei wenigstens einen gewissen Hoffnungsschimmer zu bieten: Die Folgen des Abschmelzens werden erst innerhalb von mindestens 200 Jahren vollständig eingetreten sein.

Die neueste Studie verändert diese Einschätzung. Laut der Untersuchung können positive Feedback-Schleifen den Prozess wesentlich beschleunigen, in dem größere Mengen von Schmelzwasser in schnellerer Abfolge in das Meer fließen. Die Hyptohese der Forscher besagt bisher, dass sich erwärmende Meere die Strömungen verändert haben könnten, was die Antarktis mit wärmerem Wasser unterspült hätte. Dies könnte durchaus wieder passieren und weitere Eisfelder in sich erwärmende Gewässer treiben lassen.

Im Ergebnis bedeutet dies, dass so „kleine Störungen im Eisfeld nachhaltig verstärkt werden, und möglicherweise einen Mechanismus für einen rapiden Anstieg der Meeresspiegel darstellen", schreiben die Autoren.

Peter Clark ist einer der Mitverfasser der Studie und Paläoklimatologe an der Oregon State Universität. Er gibt zwar zu bedenken, dass sie noch nicht vollständig wüssten, was die Pulse verursachten, aber „unsere neuen Untersuchung deutet eindeutig darauf hin, dass das antarktische Eisfeld instabiler ist als bisher gedacht."

Die große Sorge lautet nun also Instabilität. Die Unvorhersagbarkeit. Ein weiterer Feedback-Mechanismus in der Liste von Beschleunigern einer katastrophalen Entwicklung. Tauendes Methan im dauergefrorenen Boden der Tundra, der die Menge erderwärmender Gase in die Atmosphäre verstärken könnte. Die zurückgehende vereiste Erdoberfläche, die längst weniger Sonnenlicht zurück in den Weltraum reflektiert, etc.

Die neueste Studie ist eine weitere Erinnerung an den möglichen Wandel der Erde in einen immer unvorhersehbareren Planeten, mit dessen Transformationen wir Menschen eines Tages vielleicht schlicht nicht mithalten können.