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Verwirren Akustikkanonen zur Gaserkundung die Schweinswale der Nordsee zu Tode?

Die Firma Hansa Hydrocarbons sucht in der Nordsee mit einer seismologischen 3D-Methode nach Erdgasvorkommen, die eingesetzten Schallkanone stören jedoch den Orientierungssinn der ohnehin bedrohten Schweinswale empfindlich.
15 April 2015, 3:15pm
Die WG Amundsen, das Boot mit der Schallkanone
Die WG Amundsen, das Boot mit der Schallkanone | Bild mit freundlicher Genehmigung von Hansa Hydrocarbons

Die Schweinswale in der Nordsee haben ein Problem. Und der Auslöser dafür ist, wer hätte es gedacht, wohl mal wieder der Mensch. Auf der Suche nach Erdgasvorkommen durch seismologische 3D-Erkundung schickt die Firma Hansa Hydrocarbons ein mit Schallkanonen ausgerüstetes Schiff durch die Gewässer, welches den auf Akustik basierenden Orientierungssinn der Meeressäuger auf existentielle Weise durcheinander bringt.

Sichtungen zufolge, scheint zur Zeit nur noch ein kleiner, gefährdeter Bestand von Schweinswalen in der südlichen Nordsee zu leben, deren Verbreitung sich früher bis zum Ärmelkanal ausdehnte. „Die Tiere finden keine Partner zur Reproduktion, Kälber verlieren ihre Mütter und mit der fehlenden Orientierung finden sie auch nichts mehr zu Fressen.", erklärte mir Dr. Bettina Taylor, Expertin für Meeresschutz beim BUND, in einer E-Mail. „Es gibt zahlreiche Ereignisse von Massenstrandungen von Walen, die mit massiven Unterwasserschallstörungen, wie Militärsonar, Unterwassersprengungen oder sogenannten 'Airguns' oder Schallkanonen, wie sie in diesem Fall eingesetzt werden, zusammenhängen."

Die niederländische Regierung erteilte im Juli diesen Jahres der Firma Hansa Hydrocarbon die Lizenz, mit dem Schiff WG Amundsen in diesem Gebiet nach Erdgas zu suchen. Das Schiff gehört WesternGeco, einer Tochtergesellschaft des weltweit führenden Öl- und Gasanbieters Schlumberger. Die dabei angewandte Taktik mit Schallkanonen ist eine gängige Methode, die standardmäßig auch andernorts auf der Suche nach Öl- und Gasvorkommen eingesetzt wird, allerdings einen ziemlichen Krach verursacht. Mit dem zusätzlichen Lärm durch den Bau von Windkraftanlagen, dem Abbau von Sand und Kies, Militärsonaren und Schiffsmotoren hat die Nordsee inzwischen einen ansehnlichen Lautstärkepegel erreicht.

Die seismologischen 3D-Erkundungen untersuchen Sandsteine in Tiefen von 3.700 bis 4.200 Metern, die mit einer etwa tausend Meter dicken, undurchlässigen Schicht aus Ton und Salz bedeckt sind. Berechnungen zufolge beträgt das potentielle Gasvolumen 60 Milliarden Kubikmeter. Hansa Hydrocarbons geht davon aus, dass im Laufe des Jahres 2015 mögliche Fördergebiete benannt und 2016 die Bohrungen aufgenommen werden können.

Die seismologische 3D-Methode. Pressebild: Hansa Hydrocarbons

Hansa Hydrocarbons beschreibt ihre Technik in einem Presseinfo folgendermaßen: „Zum Zweck der 3D-Seismik werden acht parallele Hydrophonketten mit einer Länge von sechs Kilometern und einem Abstand von 100 Metern zueinander durch ein 88 Meter langes Schiff gezogen. Das Schiff wird in einem rechtwinkligen Areal von 10 x 15 Kilometern ein Muster von Schleifen abfahren – jede Erkundungsspur etwa 500 Meter seitlich versetzt von der vorherigen. Die Untersuchung findet im 24-Stunden- Betrieb statt, sodass pro Tag etwa drei Schleifen abgefahren werden. Die Gesamtdauer der Datenerhebung wird etwa 45 Tage betragen."

Da Unterwasserlärm ein ziemlich neues Problem ist, ist es noch nicht besonders gut geregelt. Die Bundesregierung verabschiedete Ende letzten Jahren zwar ein Schallschutzkonzept für die Nordsee, doch dabei geht es lediglich um den Lärm, der bei der Errichtung von Offshore-Windparks entsteht. Diese Lärmgrenze liegt bei 160 Dezibel bei 750 Metern Entfernung, was immer noch eine enorme Lautstärke ist.

An der Grenze zu den Niederlanden befindet sich in deutschen Gewässern das Naturschutzgebiet Borkum-Riffgrund, wo eine kleine Schweinswalpopulation lebt. Auf der anderen Seite der Grenze ist das Gebiet jedoch nicht geschützt und genau dort verläuft das Gebiet, welches mit den Schallkanonen auf Gasvorkommen erforscht wird.

„Ein Schuss dieser Kanonen leistet in etwa 270 Dezibel und kann noch in 1000 Kilometer Entfernung gemessen werden", so Dr. Bettina Taylor. „Dieser sogenannte Schalldruckpegel, der in Dezibel gemessen wird, ist eine logarithmische Größe, daher kann man nicht von einfacher Addition ausgehen. Eine Steigerung von zum Beispiel 20 Dezibel macht schon sehr viel Lärm aus." Die Schmerzgrenze, bei der der Mensch Hörschäden erleidet, liegt bei rund 120 bis 140 Dezibel.

Die Firma Hansa Hydrocarbons betont auf meine Anfrage, dass die Untersuchungen vollständig im Rahmen der gesetzlichen Regulierungen liegen und die Risiken durch Forschungen für Meeressäuger minimiert werden. Aufgrund der noch unausgereiften Gesetzeslage für die Lärmkulisse in offenen Gewässern ist es leider schwierig diese Aussage realistisch zu beurteilen. Das Unternehmen erklärt jedoch, dass „sichergestellt wird, dass die seismologische Aufnahme nicht beginnt, solange Meeressäugetiere visuell oder durch akustische Horchmethoden ausfindig gemacht werden können."

Der BUND rief nun eine Petition ins Leben, die den niederländischen Umweltminister Henk Kamp dazu auffordern soll, sich gegen das Boot mit den sogenannten „Airguns" einzusetzen.

Taylor fordert eine vorsichtigere und klarere Lösungsmöglichkeit des Interessenkonflikts zwischen Naturschutz, Wirtschaftsinteressen und der Erkundung von Ressourcen: „In den sensiblen Zeiten—wie der Aufzucht der Jungen und während der Paarung—sollten keine Lizenzen für solche massiven Lärmbelastungen in der Meeresumwelt vergeben werden." Außerdem fordert sie, die technischen Möglichkeiten stillerer Schallkanonen oder alternativer Technologien zu intensiveren, um eine schonendere Erkundung durchführen zu können: „Weiterhin gibt es schon seit Jahren Forschungsergebnisse, wie die Schallkanonen leiser gemacht oder gar durch andere Technologien ersetzt werden könnten. Leider wird da sowohl von den Regierungen als auch von den Konzernen wenig Energie reingesteckt."