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Freiheitskampf im Netz: Zensur in China

Die chinesische Strategie der Internet-Kontrolle lautet Zensur. Wir haben mit Sonya yan Song gesprochen, die mit einer großen Datensammlung die Zensur überwacht.
18 Dezember 2013, 5:09pm

Auch die Zensur wird zensiert. Dies galt nicht nur für die britische Überwachung im Brief-Zeitalter—es gilt umso mehr für die allgegenwärtige chinesische Informationskontrolle. Obwohl es kein Geheimnis ist, dass die Netznutzung in China stark eingeschränkt ist, bleibt es ein gut gehütetes Mysterium, wie genau die Kontrolle funktioniert, gegen wen sie sich richtet und welche Themen besonders betroffen sind.

Die Informatikerin Sonya Yan Song hat sich daran gemacht, die Zensur systematisch zu analysieren. In den vergangenen zwei Jahren hat sie Daten zu mehreren tausend zensierten Nachrichtengeschichten gesammelt und ausgewertet und kann nun erstmals ausführlich beweisen, wie die Zensurmaschinerie arbeitet.

Inzwischen lebt Sonya in den USA, forscht an der Michigan State University und unterstützt die Open News Foundation. Unter anderem da sie eine wohltrainierte Wissenschaftlerin ist, wählte sie ihre Worte bei diesem sensiblen Thema äußerst vorsichtig, als sie mir erklärte, welche Strategien sie hinter der Netzzensur in China ausmachen konnte, und wie die Menschen in China damit umgehen.

flickR: SonyaSonya (Benutzung mit freundlicher Genehmigung)

Sonyas Analyse könnte helfen, ein spezifisch chinesisches Paradox zu klären: Trotz der Allgegenwart von Zensur in China ist das Phänomen nicht greifbar—und die Menschen scheinen die Kontrollpraktiken in ihrem Alltag akzeptiert zu haben. „Auch ich bin auf das Thema dadurch aufmerksam geworden, dass meine Freunde mir sagten: ,Schau mal diese Website ist schon wieder gesperrt.' Aus persönlicher Neugierde wollte ich mehr herausfinden."

China beschäftigt über zwei Millionen Menschen, nur um die Meinungsbildung im Internet zu untersuchen und aufzuzeichnen. Laut Angaben der Behörden sind die digitalen Amateur-Kontrolleure „ausschließlich dafür da, Informationen über die öffentliche Meinungen auf Mikro-Blogging-Seiten zu sammeln und zu analysieren und anschließend Berichte für die Entscheidungsträger zusammenzustellen."

Das seltene offizielle Statement zu dem Thema sollte vielleicht beschwichtigend wirken—aber um ehrlich zu sein: Mich würde es kaum beruhigen, dass die Entscheidungen meiner Regierung auf einer detaillierten Datenlage beruhen, wenn der zentrale Entschluss zu lauten scheint, die untersten Plätze in der Rangliste der Pressefreiheit zu abonnieren. Aktuell belegt China Rang 173 auf dem Index der Repoter ohne Grenzen—nur sechs Länder stehen global schlechter da.

Der ideologische Hintergrund für die chinesische Zensur liegt auch heute noch auf der Linie, die Deng Xiaoping im Zuge der wirtschaftlichen Öffnung der frühen 1980er ausgegeben hat:

„Wenn du das Fenster für frische Luft öffnest, dann musst du auch damit rechnen, dass ein paar Fliegen hinein geweht werden." (Deng Xiaoping)

Wie viele potenziell subversive Datensätze durch das Internet fliegen können, war den chinesischen Behörden dennoch lange nicht klar und so war das Netz noch bis Ende der 1990er Jahre in China ein relativ freier unregulierter Raum, in dem die Nutzer auf Websites, die in Hong Kong, Taiwan oder den USA gehostet wurden, frei diskutieren konnten.

Als jedoch die Falun Gong-Sekte eine Demonstration über das Internet organisierte, die den chinesischen Behörden entgangen war, änderte sich die Netzpolitik. Die Polizei erfuhr von dem Protest erst durch lokale Busfahrer, die berichteten, dass besonders viele Menschen am Tiananmen-Platz ausstiegen. Und mit der massenhaften Durchsetzung von Computern und Handys ging so in China auch der intensivierte Aufbau eines beispiellosen Systems einher, welches gerne unter dem Begriff „Great chinese Firewall" zusammengefasst wird: Allein die Vorlaufskosten bis zur Etablierung des Systems mit dem edlen Ausdruck „Golden Shield Project" beliefen sich von 1998 bis 2003 auf knapp 600 Millionen Euro. Die zentralen vollautomatischen Werkzeuge dieses Programms sind: IP-Adressen Blockade, URL-Filter—die Seiten automatisch dank Stichworten sperren—, Paketfilter, 30minütige Verbindungstrennung, wenn ein Filter angeschlagen hat und inzwischen auch automatisch upgedatete Listen, der populärsten Proxy-Server Listen, die zur Umgehung der Sperren genutzt werden.

via flickR: hendry

Die chinesische Strategie des Umgangs mit dem Internet konzentriert sich dabei auf einen anderen Ansatz als massenhafte Überwachung, sondern operiert vor allem mit Zensur. Sonya erklärt mir den taktischen Unterschied: „China verfolgt einen proaktiven Ansatz. Die Regierung versucht Informationen zu verstecken und zu unterdrücken, um die Menschen davon abzuhalten zu reagieren und zur Tat zu schreiten. Die USA dagegen lassen die Daten ihren Lauf nehmen, während sie dich zur gleichen Zeit ausspionieren und genau herausfinden wollen, was du tust."

Informationspolitisch mögen die Taktiken der beiden großen Weltmächte variieren, Sonya findet es trotzdem schwer zu beurteilen, was sie besser oder schlechter findet:

„Die Frage, welche Strategie der Kontrolle ich bevorzugen würde—Überwachung oder Zensur—, klingt für mich so, als ob du mich fragen würdest, ob ich lieber diese oder jene Krankheit hätte."

Heimliche halblegale Trauer um Google nach dem Abzug des Hauptquartiers nach Hong Kong. China setzt auf heimische Internetlösungen—und steht darin den USA in nichts nach. (via Wikimedia)

Es gibt zwar durchaus interessante Werkzeuge, um aus dem Westen etwas über Zensur zu erfahren—wie etwa diesen Blog, der die zensierte Rückseite des chinesischen Internets abbildet. Aber in einem Land mit der größten Anzahl eingesperrter Journalisten und Cyber-Dissidenten glaubt Sonya an die Datensammlung als das entscheidende Mittel, um etwas über die chinesische Netzpolitik zu lernen: „Weißt du, unter Informatikern und Medienwissenschaftlern gibt es die Weisheit: Das erste Wort was, Zensoren zensieren heißt Zensur."

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