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Waren Necropants die Skinny Jeans des 17. Jahrhunderts?

Oder sind sie doch nur der unappetitlichste Anthropologie-Hoax Islands?
21.10.15
Die Necropants im Museum für isländische Zauberei und Hexenkunst. Foto: Sigurður Atlason

Das Häuten von Leichen wird in der heutigen westlichen Kultur höchstens noch im Obduktionssaal praktiziert—oder bei World of Warcraft. Im Island des 17. Jahrhunderts war es dagegen Teil eines obskuren Brauchs, einen Leichnam von der Taille abwärts komplett zu häuten und aus dem menschlichen Leder anschließend eine Hose mit vermeintlich magischen Kräften zu machen.

Das behauptet zumindest das Museum für isländische Zauberei und Hexenkunst, in dem derzeit die wohl weltweit einzige erhaltene Nachbildung der sogenannten Necropants ausgestellt ist. Versteckt im kleinen Fischerdörfchen Hólmavík zeigt das Museum diese Skinny Jeans des prä-industriellen Islands garniert mit der dazugehörigen Legende.

Seitdem das Museum die Necropants vor einigen Jahren in seine Ausstellung aufgenommen hat, brodeln in diversen Internetforen die Diskussionen, ob es den geheimnisvollen Brauch tatsächlich einmal gegeben hat. Fakt ist, dass im 17. Jahrhundert zumindest Bücher aus menschlicher Haut hergestellt wurden. Einige noch erhaltene Exemplare dieses Kunsthandwerks namens anthropodermische Bibliopegie stehen noch immer in den Archiven einiger Universitäten, wie z.B. der Harvard Law School oder der Brown University.

Noch zu Lebzeiten musste man den Spender, mit dem man in der Regel befreundet war, um sein Einverständnis bitten: „Kann ich später mal deine Necropants haben?" oder so in etwa. Vorausgesetzt man hatte die Erlaubnis bekommen, musste der Leichnam dann nach der Bestattung exhumiert und hüftabwärts gehäutet werden.

Die Erzählung beginnt bereits an dieser Stelle an Glaubwürdigkeit zu verlieren, denn der Träger soll sich anschließend die Haut—anstatt einen etwaigen Gerbungsprozess einzuleiten—direkt über die eigenen Beine gestreift haben. „As soon as you step into the pants they will stick to your own skin", schreibt das Museum auf seiner Website, auf welcher das stolze Banner „the home of the Necropants" prangt. Stellt man sich dieses Szenario nun tatsächlich einmal vor, dürfte die menschliche Haut aber wohl eher schleimig sein.

Richtig bizarr wird die Legende der Nábrók (isländische Bezeichnung der Necropants) allerdings erst jetzt. Denn der Träger macht sich nun auf zur Witwe des verstorbenen Freundes, um ihr eine Geldmünze zu stehlen. Diese steckt er zusammen mit einer Zeichnung des magischen Symbols Nábrókarstafur in den Hodensackbereich der Hose. Tatsächlich sind auch diese beiden Gegenstände Bestandteil der Ausstellung in Hólmavík.

Hat man es bis zu diesem Punkt geschafft, garantieren die Nábrók lebenslangen Reichtum, denn der doppelte Hodensack wird sich laut der Legende fortan kontinuierlich mit Geld füllen—so lange die Münze nicht von ihrem Platz entfernt wird. Nun hat der Träger der Necropants nur noch ein klitzekleines Problem. Bevor ihn selbst das Zeitliche segnet, muss er die Hose einem Nachfolger vererben, um den Geldsegen für zukünftige Generationen aufrecht zu erhalten.