Last Call

Dieser Barkeeper macht zwar schreckliche Cocktails, erzählt aber umso bessere Storys

Das Grumpy's ist eine der letzten richtigen Spelunken in Montreal. In den 80ern hingen hier Kanadas Literaturgrößen ab, heute bedient Gern f. Vlchek hier Studenten, Professoren, Musiker und andere Künstler. In seinem früheren Leben war er LKW-Fahrer...

von Nick Rose
13 Juli 2016, 11:00am

Photos by Nick Rose.

Willkommen zu Last Call, wo wir Bars auf der ganzen Welt besuchen, um wertvolle Ratschläge von vertrauenswürdigen Bartendern einzuholen: wie man gebrochene Herzen heilt, welche Drinks man bestellen sollte, um nicht zum Gespött der Barkeeper zu werden, und alles, was sonst noch im Leben wichtig ist.

Das Grumpy's ist eine der letzten authentischen Kneipen in Montreal. Einst hingen hier kanadische Dichter und Denker wie Nick Auf der Maur und Mordechai Richler ab, heute tummeln sich hier Musiker, Intellektuelle und alles mögliche Volk.

In dieser Kellerbar vergisst man auch ein paar Drinks gern mal, welche Tageszeit es überhaupt ist. Sie ist Zufluchtsort für unterschiedlichste Persönlichkeiten, um nach nur ein paar Stufen und einem Drink all ihre Sorgen zu vergessen.

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Der Eingang des Grumpy's. Alle Fotos von Nick Rose

Bartender Gern f. Vlchek kümmert sich um das alkoholische Wohl der gestrandeten Seelen. Außerdem ist er ein begnadeter Geschichtenerzähler. Früher war er LKW-Fahrer, Sänger und hat Schweine kastriert—klar, dass er immer ein paar gute Storys parat hat.

Ich gehe an einem Freitagnachmittag ins Grumpy's, Gern kämpf gerade noch mit einem fürchterlichen Kater nach dem Open-Stage-Abend gestern. Er hält sich an einem roten Drink und einem riesigen Pott Kaffee fest, auf dem Tisch liegt sein neues Buch Turn Right, Turn Left, Repeat, das von seiner verrückten Zeit in seiner Country-Band United Steelworkers of Montreal handelt.

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Eine Karikatur der Barlegende

MUNCHIES: Was trinkst du da, Gern? Gern f. Vlchek: Einen Red Eye, Labatt-Bier mit Clamato-Juice [einem Tomatensaftgetränk]. Das mache ich oft so. Ein bisschen Vitamin C. Eine gute Mischung: zwei Teile Bier, ein Teil Clamato. Damit kann man seinen Körper gut wieder runterfahren, um dann—sind wir mal ehrlich—wieder zu trinken.

Trinkst du viel? Gemessen an anderen nicht viel, wirklich nicht. Im Vergleich dazu bin ich ein Unschuldslamm. Bei mir gibt es keine Runden aufs Haus, wenn ich arbeite. Und teile wahrscheinlich weniger Kurze aus als andere. Ich habe da so meine Tricks.

Was für Tricks meinst du? Als Barkeeper hat man eigentlich einen Job: dich an den Füßen zu packen, hochzuhalten und so lange zu schütteln, bis kein Geld mehr rauskommt. Das ist quasi unser Beruf. Egal ob du am Ende des Abends von links nach rechts taumelst oder noch ganz normal gehen kannst, wir holen uns dein Geld. Aber wir lassen dir noch ein bisschen was fürs Taxi nach Hause übrig, denn dann kommst du eher wieder zu uns.

Wie bist du nach Montreal gekommen? Die offizielle Geschichte geht so: Vor 22 Jahren bin ich als Tourist hierher gekommen und dann einfach nie wieder gegangen. Eines Tages habe ich bei einer Hochzeit eine Frau kennengelernt, die hier gelebt hat, also habe ich sie besucht. Als ich mit meinem Motorrad von der Autobahn kam und ein paar Meter durch die Stadt gefahren bin, hielt ich an, zündete mir eine Zigarette an und meinte nur: „Hier zieh ich hin!"

Wo warst du vorher? Ich kam aus Toronto, eine schreckliche Stadt. Montreal verströmt so eine Einheit, diese Architektur. In Toronto sieht man nur, wie die Menschheit zugrunde geht. Da läuft was falsch, alles irgendwie Fake.

Wann hast du angefangen, in Bars zu arbeiten? Meine Frau, Rachel, hatte es irgendwann satt, dass ich nach Hause kam und mich dann stundenlang nur über meinen Job als LKW-Fahrer beschwert habe. Sie fragte mich, was ich machen wollte, und meine Antwort war: „Musik!"

Durch Bars konntest du also deine Musikkarriere weiter voranbringen? Ja, total. So kam ich mit Musik und Künstlern in Kontakt und konnte mich und andere Leute bekannter machen. Man ist einfach viel näher an der Musikszene dran.

Warum bist du Barkeeper geblieben? Ist das deine Berufung? Nein, ich bin Frontmann. Meine Berufung ist es, immer die Fresse aufzureißen. Aber wenn man das Bier in der Hand hält, dass die Leute wollen, bekommt man leichter ihre Aufmerksamkeit.

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Barkeeper, Frontmann einer Band, LKW-Fahrer… Was für Jobs hattest du noch so? Viele. Fast alle. Ich habe Häuser gebaut, mich durch Scheiße gewühlt oder Schweine kastriert. Das Kastrieren war ziemlich heftig, richtig eklig und komisch. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, da gab es nunmal solche Jobs. Einmal hab ich auch Steine gesammelt, stell dir mal vor, du stehst vor einem vier Hektar großen Feld und dann schreit dich jemand an: „Sammel die Steine auf!" Egal wie viele du einsammelst, es kommen immer wieder neue. Nur bei meinem Bar-Job wache ich morgens auf und freue mich darauf. Vor 1.000 Leuten zu spielen ist cool, aber die Anspannung vorher nicht so.

Bestellen die Leute bei dir viele Cocktails? Einer hat letzte Woche was total Verrücktes bestellt: Einen Gin & Tonic.

Was macht einen guten Barkeeper aus? Einfach immer ein Auge für den Gast und alles haben. Jeder kann bessere Drinks machen als ich, ich bin einfach grottenschlecht und kann nix im Kopf behalten.

Machst du Cocktails? Ja, schreckliche. Und das auch nur, wenn ich mich an das Rezept erinnern kann. Das ist nicht gerade meine Stärke. Am wichtigsten ist für mich, ein gutes Auge für die Dinge zu haben, die kleinen Dinge erkennen. Du musst einen ganzen Raum lesen können und alle Gäste müssen sich wohlfühlen.

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Hier waren in den 80ern Literaturgrößen Kanadas Stammgäste, wie Nick Auf Der Maur und Mordecai Richler. Das war weit vor meiner Zeit. Wie war es damals hier? Das war auch vor meiner Zeit, ich habe erst danach hier angefangen, aber die Bilder an den Wänden sind wie Geister, die einem ständig über die Schulter schauen. Damals war das hier eine richtige Lasterhöhle, mehr als heute. Hier versammelten sich zwielichtige Gestalten, das war ihr kleines Reich. Ehrlich gesagt, wenn sie bei mir aufgetaucht wären, hätte ich sie rausgeworfen. Eine wilde Zeit.

Und jetzt? Jetzt ist das viel entspannter. Wir sind keine trendige Martini-Bar oder eine Cocktail-Lounge. Hier ist es einfach gemütlicher. Wir, also die ganze Crew und die Kunden, haben daraus einen Laden mit Livemusik gemacht. Es kommen Uni-Professoren, aber genauso auch Studenten, Journalisten, Schriftsteller und viele Dichter.

Diesen literarischen Touch gibt es also immer noch? Ja, nur deshalb konnte ich mein Buch veröffentlichen. Jeder kann eins schreiben, aber um es zu veröffentlichen, muss man Barkeeper sein und eine Menge Autoren oder Verleger kennen, die einem dabei helfen können. Als Barkeeper kenn ich einfach viele Leute. Hier treffen Musiker auf Literaten, einfach beeindruckend. Gestern Abend kamen ein paar Musiker aus Montreal und wir haben einfach gut erzählt. Das ist aber auch kein Szenetreff oder ein Club, solche Läden schließen irgendwann.

Was wird im Grumpy's am meisten bestellt? Wir sind ein echter Bierladen, am meisten verkaufen wir Bier, das Pils von Belle Gueulle ist am beliebtesten.

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Hattet ihr schon prominente Gäste? Das Centre Bell [eine Konzerthalle in Montreal] ist zwar ganz in der Nähe, aber nicht viele Stars kommen zu uns, nur die Tour-Crew. Bei mir haben sich schon die Crews von Shania Twain oder Barbara Streisand besoffen, bei der soll es übrigens großartig sein, als Roadie arbeiten zu können, weil es fünf Tage dauert, bis alles aufgebaut ist. Der Traum eines jeden Roadies: Vier Abende in ein und derselben Stadt.

Was war das Komischste, was dir hier passiert ist? Einmal hat ein Typ in einem Youppi-Kostüm [ein Baseballteam-Maskottchen] hier Banjo gespielt, nur ein paar Songs bei der Jam-Session, und ist dann einfach wieder gegangen.

Wirst du bald in Rente gehen? Ich will noch mehr schreiben, noch mehr Auftritte machen, wir sind gerade dabei, eine neue Band zusammenzustellen, The Vlcheks. Wenn du als Barkeeper in Rente gehen willst, musst du entweder sterben oder einen Nachfolger finden. Ich hoffe, ich kann mich da langsam rausziehen, das wäre großartig.

Vielen Dank für das Gespräch.