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Weihnachten

Der ukrainische Weihnachtsabend am 6. Januar wird dir den Rest geben

Du denkst, du hast dich mit deinem Gänsebraten und dem Rotkohl am Weihnachtsabend in ein Food-Koma versetzt? Dann hast du wohl noch nie Weihnachten in der Ukraine verbracht.

von Alexandra Emanuelli
06 Januar 2015, 12:29pm

Stell dir vor, du gehst essen und lässt es dir so richtig gut gehen. Dann bestellst du dir eine Vorspeise oder teilst vielleicht zwei mit einem Freund, eine Hauptspeise, ein Dessert, dazu Cocktails und Wein. Das heißt für dich, richtig ausgiebig essen gehen? Dann halt dich fest: Wir in der Ukraine feiern Weihnachten mit einem 12-Gänge-Menü. Wenn du der Meinung warst, deine gefüllte Gans und das Rotkraut haben dich in ein Food-Koma versetzt, dann hast du falsch gedacht. Der ukrainische Weihnachtsabend am 6. Januar wird dir den Rest geben.

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Wir legen mit kutya los, ein Gericht, das keinem schmeckt, aber dafür den Vorteil hat, dass es das einzige erlaubte Essen ist, das gleichzeitig auch als Geschoss verwendet werden kann.

Traditionell wirft man kutya vor dem Essen gegen die Decke. Wenn es kleben bleibt, prophezeien die Essensgötter ein glückliches und erfolgreiches bevorstehendes Jahr.

Die Begründung dafür lautet, wenn die Familie für die Zubereitung genug Honig hatte, damit es schön klebrig wird, gehen Reichtum und Erfolg damit Hand in Hand. Natürlich hat meine Familie das kutya-Werfen schon lange aufgegeben, nachdem in einem unglücklichen Jahr die gesamte Decke mit besagtem Lebensmittel entfernt werden musste. Die typischen Zutaten für kutya sind Weizenkörner, Honig, Mohnsamen, Zucker und Walnüsse. Obwohl diese Zutaten nicht klingen, als würden man aus ihnen ein widerliches Gericht herstellen, ist es aber so.

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Kutya

Borschtsch ist wahrscheinlich eins der stereotypischsten slawischen Speisen. Wenn jemand absolut keine Ahnung von ukrainischem Essen hat, erwähne einfach Borschtsch und sie nicken mit immer noch geringem, aber immerhin vorhandenem Verständnis—ah, diese osteuropäische violette Suppe. Genau, und es ist schwierig, mit Roter Bete und Knoblauch, den wichtigsten Zutaten einer guten Borschtsch etwas falsch zu machen. Klassisches Bauernessen, um das Überleben zu sichern. Die Gläubigen verzichten am Weihnachtsabend auf Fleisch sowie auf Milchprodukte. Das erzählt uns unsere Großmutter immer stolz, bevor sie uns ohne zu zögern Schlagsahne zur Borschtsch anbietet.

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Borschtsch

Der nächste Gang wird in unserer Familie auf einen einzigen Teller gegeben, zum einen weil es zu wenige Teller gibt und zum anderen um sich das abwaschen zu sparen. Da sind die großen Prominenten der ukrainischen Küche dabei: perogies, holubsti, pidpenky (Pilzsauce), Zuckerschoten und Sauerkraut und ein heimischer weißer Fisch, in unserem Fall Kabeljau. Weitere traditionelle Optionen sind Kompott, pampushky (frittierte Donuts) und zerstampfte Bohnen, die aber in unserer Familie alle auf der Strecke geblieben sind. Ich meine, wer will schon geschmorte Früchte oder zerstampfte Bohnen zu Weihnachten essen? Vielleicht wenn man am Verhungern ist und keine andere Wahl hat, aber wie in aller Welt haben wir die Donuts verloren? Das ganze Fasten vor Weihnachten muss sich doch auszahlen!

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Hefegebäck

Was ist aber eigentlich ein perogie? Es bildet die Basis für alles Gute und Heilige in der ukrainischen Küche. Dabei handelt es sich um eine Teigtasche mit Kartoffeln und Käse oder mit Sauerkraut, je nach dem wo im Land du dich befindest und welche Jahreszeit gerade ist. Ich lud einmal ein paar ukrainische Freunde zu mir ein, um perogies zu machen. Gut sieben Stunden verbrachten wir damit den Teig zu machen, ihn zu kühlen, auszurollen, die Füllung zu machen, die perogies auszuschneiden, die perogies zu füllen und mit Sorgfalt schließlich die Teigenden zusammendrücken. Wir vier (und mehrere Flaschen Wein) schafften nur um die 35 perogies und die waren nicht mal besonders gut. Ich verbeuge mich vor den Königinnen dieser Kunst, zu denen auch meine Urgroßmutter zählt, die diese kostbaren Dinger jeden Freitag Abend zum Abendessen zubereiten, meist mit einer Hand, während sie mit der anderen irgendetwas Komplizierteres machen.

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Perogies/Piroggen

In der ukrainischen Küche spielt Kohl in allen Variationen eine so wichtige Rolle, dass du einer ukrainischen Frau einen Kohlkopf geben könntest und sie würde einen Kuchen daraus machen (und er würde lecker schmecken). Eigentlich sollte die ukrainische Küche den Slogan haben: Wir wickeln alles in komplizierte Kohlpäckchen ein. Holubtsi ist genau das. Wenn es richtig gemacht wird, kann ein Magier der ukrainischen Küche einen Kohlkopf nehmen und mit seinen Faltkünsten und ein bisschen Reis eine Mahlzeit zaubern.

Es ist eine Küche, die sich dem bedient, was der Erdboden bietet und auf die Lagerung bei kühleren Temperaturen angewiesen ist. Kohl, Rote Bete, Kartoffeln, weiße Bohnen, Zwiebeln und Pilze sind wichtige Zutaten. Das Essen erinnert mich an das ukrainische Volk selbst, das es schafft es, aus wenig viel zu machen.