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Die Verhältnisse am Rhein sind wieder geklärt

Unser Autor ist Gladbach-Fan und lebt in Köln. Klingt belastend, ist wegen der bisherigen Kölner Erfolge in dieser Saison nochmal schlimmer. Nach dem Derbysieg der Gladbacher seien die Fronten wieder gerade gerückt worden, meint unser Autor.

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10 April 2017, 9:35am

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Unser Autor ist Gladbach-Fan und lebt in Köln. Klingt belastend, ist wegen der bisherigen Kölner Erfolge in dieser Saison nochmal schlimmer. Nach dem Derbysieg der Gladbacher, seien die Fronten wieder geklärt, meint unser Autor.

Samstag, Köln, Müngersdorfer Stadion, 17.25 Uhr. Die Szene hat Symbolcharakter: An der Ecke Nord-Ost, wo in Köln der Auswärtsblock ist, hüpfen 5.000 Fans siegestrunken mit ihrer Mannschaft um die Wette. Ich, Gladbach-Fan, stehe mittendrin – hüpfe, singe, lache mit meinen Freunden, mit unserer Mannschaft. Die Borussia hat gerade das Rheinderby gewonnen. 3:2 gegen den 1. FC Köln, den großen Rivalen. Es war ein hitziges Derby – mit fast allem, was diese besonderen Spiele ausmacht: Kampf, teilweise auch Krampf, Emotionen, Leidenschaft, Jubel, Tragik. „Derbysieger, Derbysieger" hallt es durch das Stadion. Auf der anderen Seite schleichen die Gegner mit hängenden Köpfen auf ihre Kurve zu. Wilde Gesten der Fans, Pfiffe, Enttäuschung. Die Spieler drehen ab und verschwinden.

Es war aber auch ein Spiel, das verdeutlicht hat, was für mich eigentlich schon klar war: Meine Borussia ist weiterhin die Nummer eins am Rhein. Der Sieg war trotz des knappen Ergebnisses eine Machtdemonstration. Und nein, das ist keinesfalls polemisch gemeint.

Ich wohne in Köln, bekomme fast täglich mit, was sich rund um beide Vereine abspielt. Das Gladbach-Fansein in der Domstadt ist nicht immer ganz einfach. Man arrangiert sich aber mit dem „Effzeh" und seinen schnell zur Über-Euphorie neigenden Anhängern. Besonders in dieser Saison kannte der Jubel der FC-Fans kaum Grenzen. Immer mehr Schals in der Stadt, überdimensionale Modeste-Plakate im Büro, Planung möglicher Europapokal-Touren beim Kölsch am Abend, Spott für die endlich mal schlechtere Borussia.

Ich gebe es gerne zu: Das tut als Gladbacher weh. Eigentlich hatten wir doch in den vergangenen Jahren (vielleicht etwas vermessen) geglaubt, grundsätzlich immer über dem Effzeh zu stehen. Dann kam diese Saison mit einer katastrophalen Hinrunde der Borussia – samt bitterer 1:2-Derby-Niederlage im eigenen Stadion. Das war schon hart. Dazu gab es Verletzungssorgen sowie den Trainer-Wechsel von André Schubert zu Dieter Hecking. Der FC eilte von Sieg zu Sieg. Und schlug die Borussia nebenbei auch neben dem Platz mit den eigenen Waffen: Ruhe, Konstanz, Geschlossenheit.

Zweifelsohne: Die Kölner spielen eine überragende Saison und haben auch insgesamt eine wahnsinnige Entwicklung genommen. Trainer Stöger holt das Maximum aus dem fußballerisch begrenzten Kader heraus. Dennoch hat sich in den vergangenen Wochen gezeigt, dass Köln in der Hinrunde eben auch über dem Limit gespielt hat. Als in der Rückrunde die ersten Leistungsträger ausfielen, verlor der FC immer öfter. Gladbach hingegen spielte stabiler sich und arbeitete sich in der Tabelle nach oben.

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Der 3:2-Sieg im Rückspiel hat die Fronten jetzt wieder geklärt. Die Borussia hatte das Spiel (abgesehen von etwa 15 Minuten im zweiten Durchgang) absolut im Griff. Der Effzeh enttäuschte hingegen auf ganzer Linie. Kaum Feuer, kaum Einstellung. Die Stöger-Truppe bekam ihre Grenzen aufgezeigt. Es war eine Klarstellung der Verhältnisse im für beide Vereine vielleicht wichtigsten Spiel der Rückrunde.

Köln agierte vor allem in der ersten Hälfte zeitweise in einem eigenartigen 8-1-1-System. Kein Tempo, keine Genauigkeit, kein Kampf. Das gefühlte Motto: „Hinten hilft der liebe Gott, vorne Modeste." Zugegeben wurde das im zweiten Durchgang kurzzeitig besser. Der „Effzeh" konnte aber nicht den Eindruck vermitteln, dass er dieses Derby gewinnen könne.

Ganz anders Gladbach: Druck im Spiel nach vorne, Raffinesse am Ball, individuelle Klasse in den entscheidenden Aktionen. Vor allem in Hälfte eins spielte die Borussia den Gegner beinahe an die Wand. Natürlich kann man die Kader der beiden Teams nur schwer vergleichen. Gladbachs Team ist auf die Teilnahme am internationalen Geschäft ausgelegt, Kölns Mannschaft auf die Stabilisation im Tabellenmittelfeld. Bei der starken FC-Saison mit teilweise zeitweise neun Punkten Vorsprung auf Gladbach hätten die Kölner Fans sicher mehr erwarten dürfen. Es blieb ein Traum.

Auch fantechnisch holte der Derbysieg die rheinischen Machtverhältnisse übrigens wieder zurück in die Normalität. Vielleicht sieht man das als Gladbach-Fan etwas parteiisch. Die bereits erwähnten verfrühten europäischen Träumereien der Kölner sind aber doch eher nervig. Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich als Gladbacher verstehe die Europa-Sehnsucht des ewigen Rivalen bestens – abgerechnet wird aber eben erst nach 34 Spieltagen.

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Wir Gladbacher haben in den vergangenen Jahren gelernt, zurückhaltender zu werden. Das liest sich nach einem Derbysieg vielleicht höhnisch und spottend, meint es aber anders: Der Last-Minute-Klassenerhalt 2011 unter Lucien Favre hat viele aktive Gladbach-Fans zu Grundskeptikern werden lassen. Die Devise: Von Spiel zu Spiel denken, es zählt nur die Abschluss-Tabelle. Das werden auch die Kölner lernen müssen.

Der „Effzeh" liegt zwar immer noch einen Punkt vor der Borussia. Durch das direkte Aufeinandertreffen hat sich die Lage allerdings gedreht. Plötzlich nimmt die Borussia den Schwung des Derbysieges mit in den Saisonendspurt. Der Effzeh hadert mit dem schmelzenden Vorsprung, einigen Verletzungen und dem immer größeren Druck.

Das Derby vom Wochenende hat bewiesen, dass Gladbach insgesamt eben doch noch ein gutes Stück voraus ist. Fan-Träumereien, Gegner-Hohn und Modeste-Plakate sind schön, schießen aber eben keine Tore. Klar: beide Vereine sind auf einem sehr guten Weg und haben sich dank ruhiger Personal- und Finanzpolitik in der Liga stabilisiert. Die Borussia hat aufgrund der größeren Erfolge in den vergangenen Jahren aber auch weiterhin die Nase vorn. Die Verhältnisse sind nach diesem Derby deshalb wieder gerade gerückt – zumindest fürs Erste.