Wie Giegling mich zum Techno-Fan bekehrt hat
Thump

Wie Giegling mich zum Techno-Fan bekehrt hat

Techno war eigentlich nie mein Ding, dennoch schleppte ein Kumpel mich zur Planet Giegling World Tour. Am Ende war ich so glücklich wie nie zuvor.
2.5.17

Header: Foto via Flickr | MoreFunkThanYou | CC BY-ND 2.0

Karten auf den Tisch: Es ist nicht allzu lange her, dass ich zum ersten Mal von Giegling gehört habe. Das enigmatische Label aus Weimar hält Fans von sphärischer, "deeper" und minimaler elektronischer Musik, internationale Party- und Festivalgänger, Discogs-Reseller und Menschen, die sich über solche aufregen seit knapp acht Jahren bei der Stange. Außer den leidlichen Preisdiskussionen um Prince-Of-Denmark-Boxen ist das Label aber weitestgehend an mir vorübergezogen.

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Dabei haben sich Gieglings Steckenpferde wie Vril, Traumprinz, Kettenkarussell oder DJ Dustin einen unverwechselbaren Stil erarbeitet, der die von Electro-Heads so verehrten peniblen Genre-Grenzen über den Haufen wirft. Die DJs sind allerdings nicht unbedingt durch Omnipräsenz in umtriebigen Metropolen aufgefallen – zumindest nicht zusammen. Das hat sich in den letzten Monaten geändert, denn der Planet Giegling hat praktisch die ganze Erde (18 Städte) mit Party- und Konzert-Events umrundet.

Planeten üben nunmal eine massive Anziehungskraft aus und so kam es dazu, dass mich ein Leipziger Kumpel am Telefon überzeugte, für die Giegling World Tour in der Messemetropole vorbei zu schauen. Wie wär's, dacht ich mir, wenn ich die Jungs von Noisey anhaue, ob die mir Gästeliste klären können? "Na Klar", schrieb man mir, "aber dann schreibst du auch einen Artikel, oder?" Butter bei die Fische: Das war eigentlich nicht mein Plan, ich wollte lediglich meinen elitären Musikjournalisten-Status für Gästelistenplätze missbrauchen. Doch je näher der Abend rückte, desto überzeugter war ich, dass meine unbefangene Perspektive ein Vorteil werden könnte (Wer lieber einen in-Depth-Liebhaber-Bericht lesen möchte, der klicke hier).

Die Krux, wenn man über ein Event schreibt, auf dem man Spaß haben möchte, ist, dass einem ständig der Text im Nacken sitzt. Man muss sich zusammenreißen, seine Clubbekanntschaften nicht als Kapital zu sehen, jede noch so triviale Beobachtung wird im Kopf zum Teaser oder zur Pointe, die den Artikel trägt. Und will man ein paar Minuten verschnaufen, erscheint der Geist von Hunter S. Thompson – seine Nase blutet, er rasselt mit Leergut und prophezeit: "Du bist noch viel zu klar und hast zu wenig Absurdes erlebt, als dass dieser Text irgendwen interessieren wird."

Vorbei an einer monströsen Schlange, in der so ziemlich alle schwarzen Klamotten aus Sachsen vertreten zu sein scheinen, geht es gegen 1 Uhr auf die Party. Für Berliner Verhältnisse ist das früh, doch Leafar Legov – eine Hälfte von Kettenkarussell, dessen brillianter RA-Podcast bis Dato mein einziger Berührungspunkt mit Giegling war – hatten wir jetzt schon verpasst, Sa Pa auch. Während wir uns durch die Menge Richtung Garderobe schlängeln, brettert uns Ateq die verzerrten 4/4-Kicks um die Ohren. So klingt also dieser Techno, denke ich, der ich noch nie das Berghain von innen gesehen hat, und blicke skeptisch auf die Uhr. Mindestens 8 Stunden noch. Beim nächsten Blick aufs Telefon ist es hell draußen, mein Bus fährt bedrohlich bald und ich bin zu Giegling bekehrt.

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Der Ursprung der Anziehungskraft des Labels ist schwer zu fassen. In einem Thinkpiece mutmaßt jemand, es sei das "Gefühl von Transzendenz", das die facettenreichen Produktionen der Mitglieder eint. Ein anderer schreibt, es sei die Vielfalt, die den Reiz des Labels ausmacht und für einen dritten ist es schlicht Talent, das die Musiker eint. Mein Kumpel beschrieb das Gefühl dieses Abends so: "Es war, als wären die ganzen schwarzgekleideten Eigenbrötler doch wirklich einmal vereint gewesen als eine Art Community."

Übelriechend setze ich mich auf den letzten freien Platz im Bus und schlafe erst einmal bis zum ZOB. Im Traum erscheint mir wieder der Geist von Hunter S. Thompson, den ich aber schnell vergesse. Wenn es 2017 noch so etwas wie ein Love-In gibt, das war es.

Wie Giegling aus dem Conne Island ihr Wohnzimmer und aus der Berlinerisch kühlen Techno-Crowd eine sich in den Armen liegende Familie machten, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Es hat sicherlich auch an Kieferknacken und künstlichen Endorphinen gelegen, dass ich mit einer gefühlten Hundertschaft von Clubgängern redete und mich irgendwann im Garten dabei wiederfand, Verwandten liebevolle Facebook-Nachrichten zu schicken. Doch der ganze Vibe war inklusiver und freier, als ich das bisher kannte. Auch musikalisch. Funktionale Baumarkt-Bretter gingen Hand in Hand mit Jazz-Schnipsel-House, die Grenzen zwischen den Live-Acts verflossen genau wie die musikalische Kleinkariertheit der Techno- und House-Szene.

Man beschwört ja heute immer wieder die elektronische Musik der HipHop-Produzenten. Diese Beschreibung passt bei Giegling nicht ganz so intuitiv wie bei Money $ex Records oder Rhythm Section International, da diese deutlich offensiver Praktiken wie Sampling betreiben und sich auch nicht vor Rhythmen im Stile JDillas scheuen. Gieglings Musik bricht diesen Einfluss auf ein Minimum herunter und zurück bleibt: Scheuklappenfreiheit.

Im Conne Island spielt mittags immer noch die Musik, jetzt natürlich deutlich sphärischer und heller als zuvor. Der harte Kern von Chemie Leipzig (höhö) beendet auf den Dancefloors und Clubtoiletten langsam das Heimspiel. Entgegen der Aufpeppungsversuche meiner Begleiter schwinge ich mich langsam auf mein Fahrrad, um 45 Minuten durch die Stadt zu tuckern. Die Beine sind müde vom Tanzen, die Stimme heiser vom schreien und der Kopf auch langsam Matsch von den unheimlich mitreißenden Beats. Übelriechend setze ich mich auf den letzten freien Platz im Bus und schlafe erst einmal bis zum ZOB. Im Traum erscheint mir wieder der Geist von Hunter S. Thompson, den ich aber schnell vergesse. Wenn es 2017 noch so etwas wie ein Love-In gibt, das war es.

Techno war eigentlich nie mein Ding, also ging ich ohne Erwartungen zur Planet Giegling World Tour nach Leipzig. Am Ende war ich so glücklich wie nie zuvor.

Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP erschienen.

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