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7 Dinge, die Bands im Tonstudio zur Weißglut treiben

"Ich würde den ersten Take nehmen, auch wenn man da im Hintergrund die Klospülung hört, ich hatte in dem Moment einfach so 'nen krassen Schauer im Rücken" – Hannes von Captain Capa lässt Traumblasen platzen.

von Hannes Naumann
28 April 2017, 1:09pm

Fotos: Alle Fotos von Captain Capa

Die schlimmsten Phasen im Leben eines Musikers sind nicht etwa die ausufernden Touren, die finanziell schwierigen Dürreperioden dazwischen oder die deprimierenden Kreativitätslöcher. Die Zeit, in der ihr dringend Abstand von euren Songwriter-Freundinnen und Gitarristen-Kumpels nehmen solltet, ist die Zeit, in der sie eine Platte aufnehmen. Auch wenn uns Rockbands und Popstars gleichermaßen immer wieder vom Spaß berichten, den sie im Studio mit ihren neuen Songs hatten und davon, wie aufregend es ist, ein Album zu produzieren, sieht die Wahrheit viel öfter aus wie Metallicas schrecklicher Dokumentarfilm Some Kind of Monster. Die Bandmitglieder reißen sich die Köpfe ein, der Manager findet die erste Single scheiße, das Geld reicht von vorne bis hinten nicht, der Produzent schmeißt mit seinem Grammy nach dem Sänger. Die meisten eurer Lieblingsplatten sind unter dem Einfluss von kübelweise Frust, Hass und Stress entstanden – auch wenn jeder zweite Track ein Lovesong ist.

Ich spreche dabei wie immer teilweise aus Erfahrung. Ich komme quasi gerade aus dem Studio, in dem meine Band Captain Capa in den letzten Monaten ihre neue Platte This Is Forever aufgenommen hat. Wir sind inzwischen kampferprobt und konnten uns den Aufenthalt im Château Brachial in Leipzig so angenehm wie möglich gestalten, über die Jahre sammelt sich dennoch ein Katalog an kleineren und größeren Katastrophen an, die einem im Tonstudio gut und gerne mal den Tag versauen können.

"Shit, den hab ich nicht aufgenommen"

Im Studio kommt es manchmal, so abgedroschen das auch klingen mag, auf den einen magischen Moment an. Klar kann man jede Zeile elf Mal einsingen und das Gitarrensolo so oft wiederholen, bis es auf Band halbwegs gerade klingt. Nicht selten sind es aber gerade die ersten Versuche ins Mikrofon oder das zögerliche Test-Gezupfe an der Gitarre, die dem Song eine unvorhergesehene Note geben. Das sind sie, die kleinen Zufälle, die den Song zum Hit machen könnten, die nur ein einziges Mal aus Versehen funktionieren und absolut nicht reproduzierbar sind. Wenn einem so ein magischer Moment passiert, muss man ihn greifen, festhalten, ausbauen, explodieren lassen –vorausgesetzt, man hat ihn aufgenommen. "Oh, das war ganz schön geil, ich hab es aber nicht drauf, sorry. Wie hast du das gemacht? Kriegst du das noch mal hin?" Natürlich nicht. Weg ist es.

Ständig geht irgendwas kaputt

Wo früher noch mit Tonbändern und schweren analogen Gerätschaften hantiert wurde, steht heute meist nur noch ein großer Mac und ein Pult mit tausend Schiebereglern. Die Probleme sind trotzdem die gleichen: Ständig funktioniert irgendetwas nicht oder geht schlicht und einfach kaputt. Vom gebrochenen Kabel (nicht so schlimm) über ein missglücktes Software-Update (ziemlich ätzend) bis hin zum totalen Festplattencrash (Vollkatastrophe) ist alles drin. Richtig nervig wird es besonders dann, wenn sich das Problem über Stunden nicht beheben lässt und alle nur mit Warten beschäftigt sind, während einer nach Lösungen googelt. Das macht kein Nervenkleid mit. Da hilft eigentlich nur noch, den Tag abzuhaken und in die Kneipe zu gehen. Oder Kabel rollen für morgen.

Schlecht vorbereitete Musiker

Angenommen, ihr seid Produzent oder Aufnahmeleiter oder Toningenieur in einem kleinen, feinen Studio. Ihr sitzt (wie jeden Morgen) pünktlich 08:00 Uhr am Mischpult. Ihr rollt säuberlich ein paar Kabel auf, prüft die Aufnahmen vom Vortag, checkt ein paar Emails und bereitet die Spuren für den heutigen Tag vor. Inzwischen ist es 09:00 Uhr und der Sänger müsste langsam mal eintrudeln. Egal, noch ein paar Mails checken, noch ein bisschen an den Aufnahmen von gestern schrauben. 09:30 Uhr ist immer noch kein Sänger da, aber so sind sie, die Künstlerschweine, Schwamm drüber! Gegen 10:30 Uhr hast du dein gesamtes Mail-Archiv aufgeräumt, die Aufnahmen von gestern auswendig gelernt und deinen gesamten Kabelsalat sortiert und beschriftet, vom Sänger immer noch keine Spur. Ah, eine SMS: "Bin unterwegs war ne lange nacht gestern ;-))) SORRY" Ärgerlich, aber da kann man jetzt nichts machen. Eine Stunde später trudelt der Typ endlich in deine Tür – hustend und ächzend, in einen dicken Schal gewickelt. "Woah sorry Meister, gestern noch so brutalst gefeiert!" Seid nicht böse auf ihn, er ist Künstler, irgendwo muss die Inspiration ja herkommen. "Hust, röchel, hust!" Da ist jemand heiser, verschnupft und verkatert. Nicht gut, aber er wird schon wissen, was er macht. Also Mikrofon an, Aufnahme läuft, los geht's! Verpeilt und verschnoddert wühlt der Musiker einen Notizblock aus seinem Jutebeutel: "Wollen wir gleich mit einsingen... HUST... loslegen oder wie? Weil mir geht's grad irgendwie nicht so megagut und mit dem Text bin ich hier noch nicht hundert Prozent ... Da müssen wir noch mal drüber schauen, glaub ich. Vielleicht erst mal paar Basslines legen?" 

Spätestens hier hilft nur noch gewaltsames Augenrollen. Schlechter kann man in einen Studiotag kaum einsteigen und die Stimmung jetzt wieder hoch zu kriegen, wird eine heikle Aufgabe, die nur mit übermäßigem Fleiß in den Nachmittagsstunden oder einem guten Mittagessen auf Kosten des Künstlers bewältigt werden kann. Deshalb sage ich jetzt, stellvertretend für alle Musiker, die sich wieder erkennen: Entschuldigung bei allen Produzenten. Wir meinen es nie böse, es liegt in unserer Natur. Wir geloben Besserung und wollen nie mehr eure Zeit verschwenden.

Hoher Besuch im Studio

Ein Plattenvertrag ist eine feine Sache. Du weißt, dass du gerade nicht umsonst in einer Dunkelkammer stehst und Melodien in den Computer hackst, nein! Irgendwo am anderen Ende des Landes sitzt dein Label in einem Büro und wartet sehnsüchtig auf die Hits, die du hoffentlich gerade aufnimmst. Besonders neugieriges Label-Personal oder die Kollegen vom Management können es dann irgendwann nicht mehr erwarten und melden sich zur Stippvisite im Studio an. "Wir wollen euch nur mal besuchen und mal reinhören, damit wir uns ein Bild machen können, macht euch keinen Stress!" Klingt fair. Das Problem ist: Die Songs, an denen Band und Produzent gerade arbeiten, klingen bisher nur in ihren Köpfen geil. Logisch, sie sind immerhin noch nicht fertig und brauchen noch eine Menge Arbeit, bis sie so klingen, wie in der Vision des Künstlers. Darum geht man mit den klapprigen Demo-Aufnahmen ja überhaupt in ein Studio. Aber jetzt steht die Dame von der Plattenfirma vor den Boxen und will unbedingt in die Rough-Mixe hören. Ihr redet euch um Kopf und Kragen: "Das ist jetzt alles noch nicht fertig, da kommt dann hier noch so ein flächiger Synth rein und den Gesang wollen wir hier auch noch mal neu aufnehmen und überhaupt..." Aber zu spät – die Kollegin versucht bereits krampfhaft und erfolglos, ihre Enttäuschung zu verbergen.

Nach drei bis vier angespielten halbfertigen Stücken kommt das vernichtende Urteil: "Joah, gut. Kann man sich schon in etwa vorstellen, was das mal wird. Aber das waren jetzt nicht die besten Nummern, oder? Ich höre da jetzt auch spontan keine Single raus. Aber gut ... Äh, macht mal weiter!" Mit diesem ersten Urteil "von oben" zieht die Label-Mitarbeiterin unbewusst eine blutige Linie in den Sand. Ab hier kann es nur noch bergab gehen. Die mühsam aufgebaute Arbeitsmoral für die nächsten Wochen und Monate, all die kreativen Vibes in der Luft – dahin, dahin!

Unfähige Gastmusiker

Was für ein Drama: Was vor ein paar Wochen auf irgendeiner Aftershow-Party in Leipzig noch nach einer hervorragenden Idee klang ("Ja geil, lass mal 'n Feature machen! Komm einfach rum im Studio, wir machen das spontan!") entpuppt sich am Stichtag als Schreckensszenario. Um deinem Album ein bisschen Vielfalt und Würze zu verleihen, hast du einen flüchtigen Bekannten eingeladen, um Gast-Vocals beizusteuern. Im Studio angekommen, sind auch erst mal alle guter Dinge – bis der erste Ton fällt. Künstler und Produzent tauschen sich einen vielsagenden, geheimen Blick aus: "Oh." So hattest du dir das nicht vorgestellt, so hast du dir das ÜBERHAUPT nicht vorgestellt.

Der Feature-Gast trifft keinen Ton, zieht ulkige Schnörkel in deine kerzengerade Melodie und gibt dir dabei auch noch überzeugt grinsend einen Daumen nach oben. In der Spiegelung des Mac-Monitors siehst du den Produzenten in Zeitlupe den Kopf schütteln, während die brüchige Stimme durch den Raum leiert. Du versuchst, zu retten, was geht: "Du Siggie, das war schon mal nicht schlecht, vielleicht noch mal mit ein bisschen weniger Feeling? Entspann dich einfach und sei ganz du selbst, hehe!" Aber es hilft alles nichts. Mit dem Gejaule wirst du dir deinen Lieblingssong ruinieren. Klopf dem Goldkehlchen auf die Schultern und bedanke dich für die tolle Session. Wirf die Spuren dann in den Mülleimer, schmeiß dein Handy und deinen Ausweis hinterher und flüchte in ein fremdes Land.

Spirituelle Esoterik-Wellen

Jaja, ich weiß, eben hab ich selber noch von Magic Moments und kreativen Vibes gesprochen. Alles richtig, alles gut. Schlimm wird es allerdings dann, wenn Traumfänger am Mikrofonständer baumeln oder sich Rituale in den Aufnahmeprozess schleichen. "Das hier ist mein Prophet Synthesizer, den hab ich 1993 von meinem verstorbenen Großvater geerbt. Der hat so seinen ganz eigenen, warmen Sound – man muss ihn nur vorher ein Mal streicheln und genau sieben Mal an und aus knipsen." Belastend wird es auch für alle Ungläubigen, wenn der Künstler Entscheidungen aufgrund spiritueller Verblendungen trifft: "Ich würd echt einfach mal den ersten Take nehmen, auch wenn man da im Hintergrund die Klospülung hört und ich am Ende kurz rülpse, ich hatte in dem Moment einfach so 'nen krassen Schauer im Rücken – da war iiirgendwas in der Luft, was unbedingt mit auf das Album muss!" So mancher Produzent schaltet deshalb mit gutem Recht schon die Lichter im Studio aus, wenn der erste Bassist seine Socken auszieht, "um sich dem Raum verbunden zu fühlen"s

Das Feierabendbier um 12:30 Uhr

Ihr könnt euch das sicher denken, aber es gehört zum guten Ton (Haha! TON, versteht ihr!?), dass im Studio zum Feierabend mit dem Produzenten ein Bier, ein Kurzer oder eine Crackpfeife auf dem Tisch landet. Das rundet den Tag ab und schließt den Aufnahmeprozess, damit am nächsten Morgen frisch neu gestartet werden kann. Dabei hört man noch mal durch, was man in den letzten zehn Stunden auf Band gebracht hat, formuliert grobe Ideen aus, notiert sich noch ein paar Sachen und lästert über den Traumfänger der Bassistin. Problematisch wird dieser Feierabendbrauch, wenn man ihn ca. sechs Stunden zu früh einleitet und dann angetrunken zurück an die Arbeit geht. Dass in der Kunst alles besser funktioniert, solange ein leichter Rausch im Spiel ist, trifft leider gerade bei kollektiven Arbeiten nicht immer zu. Sämtliche Spuren, die ich in meinen vergangenen Studioaufenthalten angetrunken ins Mikrofon oder in den Vocoder oder in den Synthesizer gebracht habe, mussten am nächsten Tag ernüchtert (Haha! NÜCHTERN, versteht ihr!?) verbrannt werden. Zudem steigert Alkohol immer auch das Konflikt-Potenzial im Raum. Wenn ihr euch ohnehin schon gerne mit dem Produzenten streitet, weil er euch eure heißgeliebten Hi-Hats nehmen will, wird dieser Kampf unter dem Einfluss von zwei-drei Jackie-Cola ein blutiges Ende im virtuellen Papierkorb nehmen.

Es gibt tausend Kleinigkeiten, die den Studioalltag zur Tortur werden lassen können. Gitarristen, die kaputte Instrumente anschleppen und erst mal eine Stunde mit dem Lötkolben beschäftigt sind, Drummer, die nach 120 Takes plötzlich "mal noch was Neues ausprobieren wollen", Keyboarder, die sich sicher sind, dass sie das "bei der Probe immer haargenau so gespielt haben", etc. Manchmal reicht schon eine Fliege im Bier oder eine Hi-Hat zu viel, um ein Feuer des Hasses im Studio zu entfachen, das so schnell nicht mehr erlischt. All das kann nur bewältigt werden, wenn Künstler und Produzent gleichermaßen an einem Strang ziehen, weil sie so etwas ähnliches wie eine Vision, ein festes Ziel, im Kopf haben: Ein Album, das richtig, richtig geil werden muss. Dafür lässt man dann auch den Traumfänger und den Gitarristen und den Gastsänger geschehen. Haltet durch!

This Is Forever ist bei Audiolith erschienen. Du kannst es hier bestellen.

Tour Dates

05.05.17 Leipzig - Werk2 (Support: Chai Khat)
12.05.17 Berlin - Musik & Frieden (Support: Chai Khat)
13.05.17 Hamburg - Molotow (Support: Chai Khat)
19.05.17 Düsseldorf - FFT
20.05.17 Nürnberg - Stereo
26.05.17 Chemnitz - Atomino

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