fußballmärchen

Dalkurd FF: Die kurdische Nationalmannschaft aus der schwedischen Provinz

Dalkurd FF ist ein von Kurden gegründeter Verein in Schweden mit einer Million Facebook-Likes. Der Klub holt Jugendliche von der Straße und sammelt Spenden für Kurdistan—und hätte eigentlich in dem abgestürzten Germanwings-Flieger sitzen sollen.

von Markus Hofmann
06 November 2015, 8:45am

Foto: imago

Am 10. Oktober ging in der nordschwedischen Provinz Västerbotten für Spieler und Anhänger von Dalkurd FF ein lang gehegter Traum in Erfüllung. Nach dem 2:0-Auswärtssieg gegen Umeå FC stand fest, dass die Jungs aus Borlänge ab kommender Saison in der 2. schwedischen Liga (der „Superettan") spielen werden.

„Das hier bedeutet so viel für unglaublich viele Menschen", meinte Mannschaftskapitän Peshraw Azizi direkt nach dem Schlusspfiff. Mit den vielen Menschen meinte Azizi nicht nur die Fans in und um Borlänge, sondern Millionen von Kurden auf der ganzen Welt. Allein auf Facebook hat die Unterstützer-Seite „Dalkurd Supporter" über 1,1 Millionen Follower, Tendenz steigend. Darum gilt Dalkurd auch als inoffizielle Nationalmannschaft der Kurden. Doch um ein Haar hätte das Fußballmärchen ein jähes und furchtbares Ende genommen. Denn die gesamte Mannschaft hätte eigentlich in dem abgestürzten Germanwings-Flieger 4U9525 sitzen sollen.

Nach dem 2:0-Sieg in Umeå, der gleichbedeutend mit dem vorzeitigen Aufstieg war. | Foto: imago/Bildbyrån

Vom sozialen Projekt zum modernen Fußballmärchen

Borlänge ist eine 40.000-Einwohner-Stadt rund 200 Kilometer nordwestlich von Stockholm. Noch vor wenigen Jahren galt sie als gefährliches Pflaster mit hoher Jugendkriminalität. Besonders betroffen von dieser modernen Form der Ghettoisierung waren kurdischstämmige Jugendliche, die mit ihren Eltern Anfang der 90er-Jahre aus dem Osten der Türkei vor Krieg und Verfolgung geflohen waren. Ihre eigenen Kinder jetzt in Gewalt- und Drogenexzesse abrutschen zu sehen—und das im demokratischen und eigentlich so sicheren Schweden—war für viele Eltern und deren Angehörige nur schwer zu ertragen. Einer von ihnen war Ramazan Kizil, der auf die Idee kam, die Jugendlichen von Borlänge mit Fußball von der Straße zu holen. Also gründete er 2004 den Verein Dalkurd FF, der sich aus der regionalen Bezeichnung Dal- für die historische Provinz Dalarna und dem Wort -kurd (Schwedisch für Kurde) zusammensetzt.

„Mein Papa wollte etwas für die Jugendlichen von Borlänge tun und wusste, dass Fußball junge Leute mitreißen kann", so Sportdirektor und Ex-Stammtorwart Adil Kizil in einem Interview mit der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter. Zur Zeit der Vereinsgründung hatte die Gemeinde Borlänge die zweifelhafte Ehre, die höchste Pro-Kopf-Kriminalitätsrate Schwedens zu besitzen.

Hier bekommt man wirklich die Chance, den Jugendlichen ein Vorbild zu sein und etwas für die Gemeinschaft zu tun—Torwart Frank Pettersson

Doch anfangs war es gar nicht so einfach, genügend Spieler zusammenzukriegen. Bis sich Ramazan Kizil an seinen Sohn Adil wandte. Adil war zu dem Zeitpunkt gerade mit seiner Mannschaft IK Brage in die zweite Liga aufgestiegen, eine Profikarriere winkte. „Als er mich fragte, wie er Spieler zu seinem Verein locken soll, wenn er nicht mal seinen eigenen Sohn überzeugen konnte, stand meine Entscheidung fest."

Dalkurd-Anhänger mit Zigarre und Aufstiegsplakat. | Foto: imago/Bildbyrån

Was dann folgte, war ein modernes Fußballmärchen. Mit „Mitspielermagnet" Adil im Tor und fast ausschließlich kurdischen Spielern im Team (die meisten aus der Ortschaft Girmeli in der osttürkischen Provinz Mardin) gelang innerhalb von fünf Jahren der Durchmarsch von der achten in die dritte Liga, jedes Mal als Tabellenerster. Im ersten Jahr ging man mit einem Altersdurchschnitt von 16,4 Jahren in die Saison—und blieb ohne Niederlage. In den beiden darauffolgenden Spielzeiten setzte es jeweils nur eine Niederlage. In ihrer vierten Saison gelangen Dalkurd gar 126 Tore in 22 Spielen—bis heute ein Liga-Bestwert. Auf die Frage, wie eine solche Erfolgsgeschichte zustande kommen konnte, gab es von allen Beteiligten stets dieselbe Antwort: durch gute und extrem motivierte Jugendspieler, eine familiäre Atmosphäre und eine 35 Mann große, engagierte Vereinsführung.

Erst 2010—als man in der Division 1, der dritthöchsten Spielklasse, angekommen war—kam ihr Serienaufstieg ins Stocken, auch wenn man weiterhin für gute bis sehr gute Platzierungen (6., 4., 8., 2. und 3. Platz) sorgte. Bis dann dieses Jahr der große Wurf mit Platz 1 und dem Ticket für die zweite Liga gelang. Wie weit kann es für Dalkurd noch gehen? Nach den Erfahrungen der letzten Jahre sollte man wohl nicht glauben, dass ihre Erfolgsgeschichte schon in der Superettan enden muss. Allein wenn man sich anschaut, wie sie ihre Konkurrenz im letzten Jahr pulverisiert haben. Außerdem haben sie nicht nur große Teile einer Stadt im Rücken, sondern auch die Sympathien von Millionen von Kurden auf ihrer Seite. Das kann ordentlich pushen. Bisher waren es übrigens noch vornehmlich kleinere Sponsoren aus Borlänge, die den Verein finanziell unterstützt haben. Doch wer weiß, vielleicht weckt ihr märchenhafter Aufstieg auch Begehrlichkeiten bei einem finanzstärkeren Partner, der das Image-Potential hinter Dalkurd FF erkannt hat. Zudem steht Dalkurd auch für eine typisch schwedische Erfolgsgeschichte. Eine Geschichte, die in der Form wohl nur im weltoffenen und sozial-fortschrittlichen Schweden Wirklichkeit werden konnte.

Abschlusstabelle der Division 1 Nord | Screenshot von der Website ettanfotboll.se

Ihr großes Herz nie verloren

Während all den von sportlichem Erfolg geprägten Jahren hat der Verein zu keiner Zeit seine Ursprünge vergessen—nämlich die eines vornehmlich sozialen Projektes. Bis heute engagieren sich Verantwortliche und Spieler in Stadt und Gemeinde. Sie gehen in Schulen und betonen in Vorträgen—trotz aller Liebe zum runden Leder—die Wichtigkeit eines Schulabschlusses, andere leisten hingegen Freiwilligenarbeit als unterstützende „Schülerhilfen". Außerdem organisieren sie sogenannte nattvandringar („Nachtwanderungen"), bei denen sie Kids und Jugendliche, die sich zu später Uhrzeit auf der Straße herumtreiben, zum Fußballtraining einladen.

Neben all dem sozialen Engagement für die Jugendlichen von Borlänge besinnt sich Dalkurd aber auch—und vor allem—auf seine Geschichte als ein von Kurden gegründeter Verein. Schon mehrfach wurden Spenden- und Hilfsaktionen für die kurdische Bevölkerung in der Osttürkei, dem Nordirak und Nordsyrien organisiert. So begab sich beispielsweise Mannschaftskapitän Peshraw Azizi nach Abschluss der letzten Saison in seine Geburtsstadt Sulaymaniyha im Norden des Iraks. Die wurde vom Vormarsch der IS-Truppen schwer in Mitleidenschaft gezogen. Wenn er nicht am Wiederaufbau beteiligt war, spielte Azizi Fußball: „Für mich war es etwas ganz Tolles, in der kurdischen Liga spielen zu dürfen. Dank meiner Kapitänsrolle bei Dalkurd wussten alle, wer ich bin. Sie bezeichneten mich sogar als ihren Kapitän, obwohl ich das in Wirklichkeit gar nicht war."

Nur schweren Herzens und viel später als geplant kehrte er nach Schweden zurück. Da steckte seine Mannschaft schon mitten in der Saisonvorbereitung. Von Borlänge aus trommelte er ein paar Monate später fast 20.000 Euro an Spenden zusammen—Geld, das nach Kobanê gehen sollte. Er selbst reiste auch in die Stadt an der syrisch-türkischen Grenze, die im Zuge mehrerer IS-Offensiven schwer verwüstet worden war. Und wurde auf der türkischen Seite fast Opfer eines Bombenanschlags, als er das Kulturzentrum von Suruç besuchen sollte, dieses aber kurz vor seinem Eintreffen von einem Selbstmordattentäter heimgesucht wurde. Auch nach dem schweren Erdbeben 2011 im osttürkischen Van wurde Dalkurd aktiv und veranstaltete gegen eine Auswahl von schwedischen Erstligaspielern und TV-Stars ein Benefizspiel.

Es sind genau solche Aktionen, die in den letzten Jahren immer wieder Spieler, die auch in höherklassigen Ligen hätten spielen können, zu Dalkurd FF gelockt haben. Ein gutes Beispiel dafür ist Torwart Frank Pettersson. „Als ich 2010 herkam, hatten sich vorher auch diverse Zweitligateams bei mir gemeldet. Doch nach dem ersten Probetraining habe ich mich sofort für Dalkurd entschieden. Hier bekommt man wirklich die Chance, den Jugendlichen ein Vorbild zu sein und etwas für die Gemeinschaft zu tun."

Mittlerweile spielt mit Peshraw Azizi nur noch ein gebürtiger Kurde in der Mannschaft. Dass der Verein dennoch seine Rolle als Botschafter Kurdistans nicht verloren hat, hat Azizi beim letzten Trainingslager in der Türkei erneut erfahren dürfen. „Als wir vor der letzten Saison im kurdischen Teil der Türkei im Trainingslager waren, kannten alle unsere Namen. Das motiviert einen natürlich auch noch während der Saison in Schweden."

Kapitän Peshraw Azizi nach dem Sieg in Umeå. | imago/Bildbyrån

Derby-Fieber in Borlänge

Dass der Verein eine solche Erfolgsgeschichte hingelegt hat, ist auch deswegen erstaunlich, weil es in der Kleinstadt Borlänge bereits einen Verein mit fast hundertjähriger Geschichte gibt: den IK Brage. Der langjährige Erstligist feierte in den 80er-Jahren seine größten Erfolge, als man im UEFA-Pokal gegen Mannschaften wie Inter Mailand und Werder Bremen antreten durfte. Auch wenn Brage seit über 15 Jahren nicht mehr Allsvenskan-Luft geschnuppert hat, sind die meisten Einwohner Borlänges noch immer IK-Anhänger. Doch das Blatt scheint sich langsam zu wenden.

„Persönlich glaube ich, dass sie in der Stadt in Zukunft auf noch mehr Akzeptanz stoßen werden. Auch weil sie in den letzten beiden Jahren gezeigt haben, dass sie das bessere Team sind", meint Kristian Bågefeldt von der Lokalzeitung Dalarnas Tidningar.

Lange Zeit—als Dalkurd noch in den Niederungen des schwedischen Fußballs rumdümpelte—war die bloße Aussicht auf ein Derby gegen Brage für viele Dalkurd-Spieler Traum und Motivationsspritze zugleich. Denn beim schwedisch-kurdischen Verein landeten auch viele von solchen Spielern, die bei Brage entweder aussortiert oder von vornherein als nicht gut genug befunden worden waren. Und die es dem großen Rivalen eines Tages—wenn denn der Tag kommen sollte—beweisen wollten. Zum ersten Aufeinandertreffen beider Mannschaften kam es in der Saison 2014, nachdem Brage als Tabellenletzter der Superettan abgestiegen war.

Am 24. Juni 2014 kam es zwischen IK Brage und Dalkurd FF zum lang ersehnten Borlänge-Derby. Und die vermeintlichen Underdogs sollten es den Zweitligaabsteigern so richtig zeigen, indem sie am Ende einen viel umjubelten 4:2-Auswärtssieg feiern konnten. Am Ende der Saison landete Dalkurd mit seinem dritten Platz einen Platz vor Brage. Mission Platzhirschablösung erfüllt. Und dieses Jahr nun die Krönung mit dem Aufstieg in die zweite Liga. Zum ersten Mal in der Geschichte heißt der höchstklassige Verein Borlänges nicht IK Brage. Vielleicht bekommt Dalkurd jetzt endlich auch ein Vereinshaus, bei dessen Bau sich die Stadt wiederholt quer gestellt hat.

Der Zusammenhalt macht's. | imago/Bildbyrån

Die beste Entscheidung ihres Lebens

Dass wir überhaupt noch positiv über den Verein aus Dalarna berichten können, liegt ausschließlich daran, dass Dalkurd FF noch vor der abgelaufenen Saison die beste Entscheidung seit seinem Bestehen getroffen hat. Und eine buchstäblich überlebenswichtige dazu.

Denn die gesamte Mannschaft hätte eigentlich im Schicksalsflug von Barcelona nach Düsseldorf sitzen sollen, in der Germanwings-Maschine also, die vom eigenen Piloten in den sicheren Tod manövriert wurde. In Barcelona hatte Dalkurd ein einwöchiges Trainingslager verbracht, bevor man über Düsseldorf zurück nach Schweden fliegen wollte.

„Wir hätten genau in dem Flieger sitzen sollen. Wir haben mit vielen der Passagiere eingecheckt, es ist so surreal", sagte Adil Kizil in einem Interview mit der schwedischen Tageszeitung Aftonbladet. Doch kurzfristig entschied der Verein, seine Spieler auf andere Flugzeuge zu verteilen, weil ihnen die Aufenthaltszeit in Düsseldorf zu lang gedauert hätte. „Es gab vier Flüge über die Alpen, in drei von ihnen saßen Spieler von uns. In dem einen nicht", so Kizil weiter. „Nachdem wir ausgestiegen waren, mussten wir erst mal unsere Angehörigen beruhigen, die waren total in Sorge", ergänzte Torwart Frank Pettersson.

Es ist gut möglich, dass die Beinahe-Katastrophe—die das Auslöschen der gesamten Mannschaft und vielleicht sogar das (vorübergehende) Ende des Vereins bedeutet hätte—den Spielern von Dalkurd FF in der abgelaufenen Saison die nötige Extrakraft und -motivation gegeben hat, um sich den Traum zweite Liga zu erfüllen. Ein Erfolg, der nicht nur für die Einwohner Borlänges eine ganze Menge bedeutet, sondern auch—und vor allem—für Millionen von Kurden auf der ganzen Welt.