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Kann man als Handballer nur mit Schmerzmitteln überleben?

Handball ist ein brutaler Sport. Körperkontakt, Schläge und harte Zweikämpfe stehen an der Tagesordnung. Wie halten die Jungs das bei einem Turnier, wie der laufenden EM, aus? Über das legale Doping mit Schmerzmitteln und Schlafmedikamenten.

von Katharina Reckers
27 Januar 2016, 4:09pm

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Die Handball EM 2016 ist in vollem Gange. Die deutsche Mannschaft brilliert und hat sich entgegen aller Erwartungen zu einem echten Angstgegner entwickelt. Das Besondere am deutschen Team: Es gab nie eine jüngere, weniger erfahrenere Mannschaft. Doch unerwartet haben die Jungs nach dem letzten Spiel mit Verletzungsausfällen zu kämpfen, jetzt baut sich Druck auf. „Ich habe seit meinem 25. Lebensjahr vor jedem Spiel schon rein prophylaktisch eine Voltaren genommen," erzählt Stefan Kretzschmar, ehemaliger Nationalspieler, auf die Frage nach dem Schmerzmittel-Konsum der deutschen Mannschaft. Und auch der Teamarzt Dr. Kurt Steuer schockiert mit einer Aussage gegenüber Sport1: „Die Jungs sind nach so einem Spiel vollgepumpt mit Adrenalin und kommen nur schwer runter. Denen gebe ich ein Medikament, nach dem sie normalerweise nicht mehr verkehrstüchtig sind."

Das hört sich verdächtig nach Doping an. Das ist es aber nicht.

Die verabreichten Schlafmedikamente und auch Schmerzmittel wie Voltaren gelten im Profisport nicht als Doping. Der Heidelberger Molekularbiologe und Anti-Doping-Kämpfer Werner Franke bestätigt das gegenüber des Hamburger Abendblatts: „Es fällt noch nicht unter Doping, sollte es aber. Eigentlich bewegen wir uns hier in einer Grenzzone." Allerdings gelten nach dem Gesetz nur leistungssteigernde Mittel als Doping. Und leistungssteigernd sind weder Voltaren noch das benannte Schlafmedikament, diese betäuben lediglich den Schmerz und verschaffen einen ruhigen Schlaf.

Doch das ist weniger harmlos, als es sich anhört. Durch die schmerzbetäubenden Medikamente nehmen die Spieler die Warnsignale, die den Körper vor Überlastung schützen, nicht mehr genau wahr. Der 24-jährige Christian Dissinger trat mit leichten Hüftproblemen und zwei in der Vergangenheit gerissenen Kreuzbändern bei der EM an. Es ist utopisch zu vermuten, dass er bei diesen Verletzungen ohne Schmerzmittel zum Turnier fahren konnte. Die Quittung kam im letzten Spiel gegen Russland. Dissinger verletzte sich endgültig an der Hüfte und wird den Rest der EM ausfallen. Ob er seine anfänglichen Hüftprobleme auf Grund der schmerzlindernden Medikamente unterschätzte, steht in den Sternen. Doch es ist klar, dass Schmerzmittel nicht nur die natürlichen Körpersignale stoppen und betäuben, sondern auch nach längerer Einnahme die Gefahr für Magenblutungen oder Nierenbeschwerden entsteht.

Trotz alldem scheint es ohne kaum zu gehen. Welthandballer Nicolas Karabatic sagte gegenüber der Süddeutschen Zeitung: „Sportler werden überall zu austrainierten Maschinen. Im Handball musst du körperlich stark sein, um die Belastung zu überleben, um das auszuhalten und die Schläge einstecken zu können." Die Leistungserwartung beim Handball steigt von Jahr zu Jahr, unter 1,90 Meter Körpergröße gilt man mittlerweile schon als klein und Talent alleine reicht auch schon lange nicht mehr aus. Natürlich kann man Schläge am besten einstecken, wenn man sie kaum spürt. Doch wenn jeder Spieler auf dem Feld unter Einfluss von Schmerzmitteln steht, entsteht schnell die Illusion, dass die Jungs mehr einstecken könnten als sie eigentlich vertragen. Somit wird auch mehr ausgeteilt. Es scheint ein Teufelskreis zu sein.

Der Druck ist für Handballspieler immens hoch. Denn verglichen mit einem Fußballer wie Mesut Özil, beträgt das Einkommen eines Welt-Handballers wie Karabatic nur einen Bruchteil. Umso höher ist der Ehrgeiz beim Handball die Karriere möglichst lange auszuleben. Jedes Turnier und jedes Spiel mitzunehmen, sowie die körperlichen Kapazitäten bis auf das Letzte auszureizen. Zudem kommt noch, dass das Turnierpensum beim Handball wahnsinnig hoch ist. Fast jedes Jahr findet eine EM oder WM statt. Dazu kommen alle vier Jahre die Olympischen Spiele. „Der Rhythmus, den wir haben, ist krank. Pause bekommt man mittlerweile fast nur noch, wenn man sich verletzt", erzählt Handballstar Karabatic der SZ.

Kein Wunder wenn man bei diesem Druckpensum während der Turniere Schlafmittel benötigt—vor allem als junger Spieler.

Doch lebt der Handball auch von den zahlreichen Turnieren, den gewagten Fouls und der wahnsinnigen Schnelligkeit. All das gehört zu diesem dynamischen Sport, der ohne Schmerzmittel und „Mothers little helper" wohl nicht zu wuppen scheint. Profi-Handballer wird nur, wer für genau diesen Sport lebt und alles gibt—auch die Gesundheit.

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