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Wie Gladbach-Fans in Barcelona selber eine Massenpanik verhinderten

Zum CL-Spiel in Barcelona reisten 10.000 Gladbach-Fans. Die Meisten wurden in einen Park von der Polizei eingepfercht und teils mit Schlagstöcken in Schach gehalten. Unser Redakteur war mittendrin und beschreibt, wie fast eine Panik ausbrach.

von Benedikt Niessen
07 Dezember 2016, 10:45am

Foto: Benedikt Niessen

„International, International. Wir versaufen unser Geld, in den Kneipen dieser Welt", schallt es durch Barcelona. Unter bunten Weihnachtsgirlanden und den interessierten Augen katalanischer Bummelgruppen trotten mehrere Tausend Fans von Borussia Mönchengladbach lautstark die Straße entlang. Ziel des Fanmarschs: das altehrwürdige Camp Nou. Doch auf dem Weg dorthin macht die spanische Polizei im Umgang mit Fußballfans mal wieder eine mehr als schlechte Figur.

Mehrere Tausend der geschätzten 10.000 Gladbach-Fans hatten sich am Plaza España zum Fanmarsch eingefunden und stiefeln zum vorerst letzten Champions-League-Spiel der Borussen gegen den FC Barcelona. Trotz mehrerer Dutzend Wagen der berüchtigten katalanischen Polizeieinheit „Mossos d'Esquadra" ist die Stimmung unter den Fans ausgelassen friedlich. Trinkende Borussen-Väter mit Estrella-Bierdosen, filmende spanische Geschäftsinhaber neben der Straße und grölende VfL-Mütter—der Marsch erinnert mehr an Familienausflug als an Auswärtsmob.

Als der hellerleuchtete Betonklotz Camp Nou in all seiner mystischen Hässlichkeit vor den VfL-Fans hervorscheint, steigt die Vorfreude. Es sind nur noch wenige Meter bis zu einem der schönsten Auswärtsspiele im Leben eines Fans. Der Marsch biegt—dirigiert von der Polizei—von der breiten Hauptstraße durch ein kleines Tor auf eine Art Parkgelände. Dann steigt das Gedränge. Autos und Lieferwagen versperren den unzureichend beleuchteten schmalen Weg. Bauzäune fallen um, Fans balancieren durch Gebüsche. Als die tausenden Fans rechts abbiegen, geht nichts mehr.

Dieser Durchgang am Parkeingang sollte für mehrere Tausend Galdbach-Fans ausreichend sein—er wurde wie die Bauzäune überrannt. (Foto: privat)

Zwischen einem meterhohen Eisenzaun und einem Vorkriegsgebäude sind tausende Fans zwischen Bäumen in einem kleinen Park eingepfercht. Stillstand, nur der Polizei-Helikopter dreht über den Köpfen im schwarzen Nachthimmel von Barcelona seine Kreise. Vorne versperrt ein drei Meter breites Tor den Fans den Weg. Wir stehen mittendrin. Niemand weiß, was los ist. Keiner sieht, ob und wie es weitergehen soll. Doch die Stimmung des Marsches bleibt entspannt, man ist schließlich früh genug losgelaufen und hat noch etwa zwei Stunden bis zum Anpfiff. „Wir hätten nicht hinter dem einen Betrunkenen herlaufen sollen", witzelt ein Mitvierziger mit Effenberg-Trikot über die scheinbare Sackgasse im Park.

Nach dreißig Minuten, einigen Zigaretten und VfL-Gesängen werden die ersten Fans nervös. Erste Pfiffe und Buh-Rufe. „Jetzt sag doch mal jemand, wann es hier weitergeht!", ruft der Mitvierziger. Einige Fans lassen das Eisengitter wackeln. Ich schreibe der gerade noch fröhlich aus dem Camp Nou twitternden Borussia via Twitter und bitte um Informationen. Es kommt nichts. Niemand der tausenden Fans hat Informationen, was hier vor sich geht. Dann rücken vorne etwa hundert Fans durch das Tor. Wir gehen zwei Meter nach vorn. Weitere zehn Minuten später noch mal das gleiche Prozedere.

Immer weniger Minuten bis zum Anpfiff. Nach fast einer Stunde im eingepferchten Park kippt ein Mann neben uns um und liegt auf dem Boden. Die Stimmung kippt ebenfalls. „Der wird hier totgetrampelt", kreischt eine der Helferinnen. Die Buh-Rufe werden lauter, der Zaun wackelt stärker. „Ihr scheiß Bullen, wann geht es hier denn weiter?", ruft ein älterer Mann aggressiv nach vorne. Dann geht das Tor wieder auf. Diesmal länger. Schreie. Von hinten wird gedrückt, Gruppen werden getrennt. Männer versuchen ihre Frauen und Kinder zu schützen. „Achtung, hier ist eine Stufe", ruft ein Mann. Unter uns sind Löcher im sandigen Parkweg. „Ruhig bleiben", ruft ein anderer Kerl. „Das ist ja wie in Duisburg", sagt ein Mann zu seiner Frau hinter mir. „Ok, jetzt entsteht Panik", denke ich mir.

Doch dann ein Raunen. Alle Fans rufen nach Ruhe. Aus allen Ecken versuchen Menschen nach hinten die Leute zu beruhigen. „Ruhig, Leute, ruhig", gestikuliert ein Mann mit seinen Armen. Die Masse spült uns durch das Tor in die Arme von sichtlich verunsicherten Polizisten. Einige werden angeschrien, andere Menschen fallen sich erleichternd in die Arme. Erst jetzt wird uns bewusst, wie klein der Durchgang und wie groß unser Glück ist.

Nach einem fünfzig Meter langen Weg dann eine neue Schlange. Unter den Augen einiger Polizisten stehen wir nun vor dem einzigen Tor für die Auswärtsfans. Auch von anderen Seiten kommen Gladbacher Fans, die scheinbar nicht im Park gefangen waren. Dort stehen auch deutschsprachige Ordner, die mit der Borussia nach Spanien gereist sind und engagiert die Fans beruhigen. Die Stimmung ist trotzdem immer noch aufgebracht. „Was ist das für ein Sicherheitskonzept, wir hätten sterben können", fragt ein nervöser junger Brillenträger in die Masse. „Die sind so aggressiv hier, die Polizisten. Die wollen das doch provozieren. Das ist doch krank", brüllt ein erzürnter dickbäuchiger VfL-Fan. „Die sollen froh sein, dass wir hier sind. Die Kölner oder Frankfurter hätten die hier alle platt gemacht—zu Recht!"

Andere Fans berichten ebenfalls von einer katastrophalen Organisation vor dem Stadion. Die immer wieder von deutschen Auswärtsfans kritisierte spanische Polizei soll jedoch nicht nur tatenlos gewesen sein, sondern auch Fans „ein paar mit dem Schlagstock" mitgegeben haben, wie das Fanzine Fohlen-hautnah.de berichtet. Nach Information von VICE Sports lag die unpassende Wegführung in der Verantwortung des FC Barcelona und der spanischen Polizei. Wie wir erfahren haben, soll der Leiter des Ordnungsdienstes der Borussia nach „intensivem Drängen"—kurz nachdem unsere Gruppe aus dem Park herauskam—mit einem Megaphon zu den Fans gesprochen und sie beruhigt haben.

Immer wieder hörte man auch die faule Ausrede, dass es in Spanien wenig Auswärtsfahrer gibt und man deshalb überfordert sei. Dass es vor dem 0:4 der Gladbacher in Barcelona nicht zu Panik oder Ausschreitungen gekommen ist, haben sich die tausenden, besonnenen Gladbacher Fans selbst zu verdanken. Fragt sich nur, ob der friedliche Ausgang einer Massenveranstaltung immer in die Hand von tausenden teilweise alkoholisierten Fußballfans gelegt werden sollte.

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