Antisemitismus

Der „Judenklub" FC Bayern München hatte einen Arierparagrafen

Bislang galt der FCB als Verein, der vor dem NS-Regime nicht eingeknickt ist. Doch schon 1935 vermeldeten die Bayern, dass „sämtliche Nichtarier" ausgeschlossen wurden.
23.5.16
Kurt Landauer, der jüdische Präsident des FC Bayern, trat erst zurück, als der Hitler-treue Karl Fiehler zum Oberbürgermeister Münchens gewählt wurde: Foto: Imago

Neue Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass der FC Bayern München während der NS-Zeit eine weniger weiße Weste hatte, als man bisher angenommen hat. Der Sporthistoriker Dr. Markwart Herzog von der Forschungs- und Bildungseinrichtung Schwabenakademie Irsee hat sich intensiv mit Sitzungsprotokollen und Originalsatzungen der Bayern zwischen 1933 bis 1945 beschäftigt. Dabei kam heraus, dass auch die Bayern ihre jüdischen Mitglieder konsequent aus dem Verein schmissen.

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Schon 1935 hatte der FCB einen sogenannten „Arierparagrafen" in seiner Vereinssatzung. Demzufolge konnte niemand mehr Bayern-Mitglied sein, der "von nichtarischen Eltern oder Grosseltern abstammt. Es genügt, wenn ein Eltern- oder Grosselternteil nichtarisch ist" Dabei gab es laut Spiegel-Informationen zu der Zeit noch gar keine NS-Anweisungen, „den Ausschluss von Juden per Satzungsänderung zu betreiben". Nur wenige Monate nach Einführung des Paragrafen meldeten die Bayern dem Münchener Amtsgericht, dass „sämtliche Nichtarier" aus dem Verein ausgeschieden seien.

Bisher hatte der FCB den Ruf eines Vereins, der zum NS-Regime auf Distanz gegangen war—vor allem im Vergleich zum Münchner Stadtrivalen 1860. Die neuen Erkenntnisse zeigen, dass auch die Bayern gegenüber dem weit verbreiteten Antisemitismus eingeknickt sind. Gleichwohl waren die Bayern ein Verein, die sich dem Nationalsozialismus nicht komplett unterwarfen—und in den Augen der Nazis als „Judenklub" galten. So hatten die Bayern mit Kurt Landauer von 1913 bis 1914 und von 1919 bis 1933 einen jüdischen Präsidenten, der erst zurücktrat, als der Hitler-treue Karl Fiehler zum Oberbürgermeister Münchens gewählt wurde. Auch der Meistertrainer Richard Dombi sowie der Jugendleiter Otto Beer waren Juden.

Und während beim Lokalrivalen TSV 1860 München fast zeitgleich mit der „Machtergreifung" altgediente Nationalsozialisten die wichtigsten Positionen im Verein übernahmen, ging die Bayern-Führungsspitze nicht in NS-Hand über. Nachfolger von Landauer wurde nämlich Siegfried Herrmann, ein langjähriger Mitarbeiter Landauers und kein Freund der Nazis. Und als die Bayern 1944 südbayerischer Meister wurden, wurden sie nicht von Oberbürgermeister Fiehler ins Rathaus eingeladen—im Gegensatz zu den Löwen ein Jahr zuvor.

Trotzdem zeigen Herzogs Forschungserkenntnisse: Der FCB war zwar kein Nazi-Verein, hat aber auch eine Vergangenheit, die nicht frei von Antisemitismus ist.

Update:

Dietrich Schulze-Marmeling, Autor des Buchs Der FC Bayern und seine Juden, widerspricht der von VICE Sports und anderen Medien verbreiteten Berichterstattung: Zum einen seien Herzogs Erkenntnisse „asbach-uralt". Zum anderen seien die Bayern „nicht so schlimm wie andere Vereine" gewesen. Man müsse zwischen der bloßen Existenz eines solchen Paragrafen und seiner tatsächlichen Umsetzung differenzieren. Was das betreffe, „waren sie unter den Letzten, vielleicht waren sie sogar die Letzten", so Schulze-Marmeling in einem SZ-Interview_. Auch Dirk Kämper hat auf Werkstatt Blog Herzogs Sichtweise widersprochen. Er unterstreicht die schwierige Rolle des als „Judenklub" _verschrienen FC Bayern München, dessen Führungsetage zudem von NS-kritischen Funktionären durchsetzt gewesen sei. So hätten die Bayern_ zur eigenen Existenzsicherung nach außen das Bild eines gleichgeschalteten Vereins abgeben müssen. In Wirklichkeit, so betont auch Kämper, habe man die Umsetzung des Arierparagrafen „so weit als irgend möglich auszuhebeln" versucht._