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Als Löwen-Fan hilft es nur noch, vom Aufstieg zu träumen

Als Fan von 1860 München hat man es nicht leicht. Hasan Ismaik passt zum Arbeiterverein wie Ketchup zu Weißwurst. Doch warum nicht die versprochenen 50 bis 100 Millionen nehmen und schauen, wo das hinführt?
23.12.16
Foto: Imago

„Mei hast' mitbekommen, was bei den Löwen schon wieder los ist", so endet jedes Telefonat mit meinem Papa. Der wohnt in München, ich mittlerweile in Berlin. Er war es, der mich mit dem Löwen-Virus infizierte. Auf den Tag genau am 28. Januar 2005 passierte es. Bei -15 Grad saß ich mit ihm auf der Haupttribüne des Grünwalder Stadions, schlürfte Tee aus unserer Thermoskanne und sah eine Schneeschlacht gegen Erzgebirge Aue—mit dem glücklicheren Ende für Sechzig. 1:0-Sieg, das Spiel und einen neuen Fan gewonnen. Lange bevor ich das Wort „Romantik" buchstabieren konnte, verliebte ich mich als Elfjähriger in das Stadion, die Atmosphäre und die Mannschaft.

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Vergessen, dass ich bis zum Anpfiff noch Bayern-Fan gewesen war. Vergessen, dass bei mir im Schrank ein Giovane-Elber-Trikot lag. Vergessen, dass meine Lieblings-CD „Der FC Bayern und Andrew White singen die Number One Hits der Charts" hieß. Von da an wünschte ich mir ein Trikot von Patrick Milchraum oder Daniel Baier und summte auf dem Weg in die Schule die Löwen-Hymne „Weiß-Blau TSV". Aus heutiger Sicht kann man mir fast vorwerfen, Erfolgsfan gewesen zu sein. Nein, nicht wegen meiner roten Vergangenheit, sondern weil es bei den Löwen tatsächlich ziemlich gut lief.

In ihrer ersten Zweitligasaison 2004/05 spielten die Sechziger stark—verpassten den direkten Wiederaufstieg um nur vier Punkte. Auf dem Rasen standen noch Kicker mit Namen wie Karlheinz oder Harald.

Das Stadion an der Grünwalder Straße in 2004; Foto: Imago

In den folgenden Jahren ging es beständig bergab. Kamen anfänglich noch über 40.000 Zuschauer zu Heimspielen in die Arroganz Arena, waren es einige Spielzeiten später schon weniger als die Hälfte. Trainer und Sportchefs wechselten so häufig wie ich in der Pubertät die Mädchen, in die ich mich verliebte. Aber vielleicht ist ja gerade das der Grund, warum meine Beziehung zum TSV immer intensiver wurde. Während ich mit Pickeln, der Schule und meiner ersten Zigarette kämpfte, rangen die Löwen mit der Fast-Insolvenz, einem dubiosen Investor und unfähigen Sportchefs. Wir fielen beide Woche für Woche auf die Schnauze, nur um am nächsten Tag einfach wieder von vorne anzufangen.

Wir sind zusammen (auf)gewachsen und wir warten beide immer noch auf unser Happy End. Wo wir wieder bei der Frage nach dem Sinn des Lebens wären. Wie mein Happy End aussieht, weiß ich nicht. Wie das der Löwen aussieht, schon: Aufstieg. Oder vielleicht doch Abstieg?

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Seit 2011 ist 1860 München der erste „Scheich-Klub" Deutschlands und Spielball eines jordanischen Geschäftsmanns. Hasan Ismaik, dessen Vermögen laut dem Forbes-Magazin auf rund 1,8 Milliarden Dollar geschätzt wird, kaufte sich für läppische 18 Millionen beim Giesinger Arbeiterverein ein. Doch der TSV und Glamour, das ist so stimmig wie Wladimir Putin und ein eigener Wagen auf dem Christopher Street Day.

Luxus und Reichtum, das war es doch gerade, was uns Löwen vom FC Bayern unterschied. Wenn Sechzger in der „Boazn" sitzen und Fußball schauen, dann weil wir kein teures Sky-Abo haben. Oder zumindest weil wir das Arbeiterverein-Image gerne pflegen. Wir sind keine Bonzen. Wir sind keine Gewinner. Mal wieder rettete man sich in Sarkasmus.

„Warum wollte Ismaik bei 1860 einsteigen?"—„Wollte er eigentlich gar nicht. Man sagte ihm nur, ein Münchner Fußballverein stünde zum Verkauf."

Was tun als Löwe? Von der Champions League träumen und die Werte und die Tradition des Vereins verleugnen? Viele sprachen sich 2011 gegen den Einstieg Ismaiks aus und plädierten für einen Neuanfang in der fünftklassigen Bayernliga und der damit verbundenen Rückkehr ins Grünwalder Stadion. Dem Ort, an dem der TSV 1966 die deutsche Meisterschaft feierte.

Und während RB Leipzig—beim Ismaik-Einstieg noch in der Regionalliga—heute ein ernsthafter Meisterkandidat ist, dümpeln die Löwen trotz Millioneninvestitionen weiter durch das deutsche Unterhaus. Der Investor spricht von einem eigenen Stadion mit 52.000 Plätzen und einem angrenzenden Wildpark, in dem alle Löwenrassen der Welt beheimatet sind. Wenn Ismaik vergangene Spielzeit den Weg ins Stadion fand, dann in einem 1.200 PS und über zwei Millionen Euro teuren Bugatti Veyron. Das alles passt zum TSV 1860 München ungefähr genauso gut wie Ketchup zur Weißwurst.

Hassan, der Heiland, fährt vor; Foto: Imago

Warum ich die Löwen trotzdem liebe? Weil ich durch sie gelernt habe, dass Gewinnen nicht alles ist. Weil sie mir gezeigt haben, wie viele Emotionen in einem Spiel stecken können. Weil ich von meiner alten Wohnung aus die Flutlichtmasten des Grünwalder Stadions gesehen habe. Und weil ich heute noch mit meinem Papa telefoniere und über die Löwen fachsimple. Meistens stellen wir dann eine Mannschaft aus den Sechzig-Talenten der letzten Jahre auf: Die Bender-Zwillinge, Julian Weigl, Daniel Baier, Matze Lehmann, Marcel Schäfer, Bobby Wood, Fabian Johnson, Kevin Volland, Moritz Leitner, Christian Träsch, Julian Baumgartlinger, Tobias Strobl. „Mensch, stell dir vor, die würden noch bei uns spielen", sagen wir dann immer.

Seit kurzem steht fest, wer ab der Rückrunde den Löwen-Dompteur spielen darf: Vitor Pereira heißt der neue Mann an der Seitenlinie. Vitor wer? Der Portugiese coachte bis zum vergangenen Sommer Fenerbahce Istanbul und davor unter anderem den FC Porto. In seiner Vita stehen jeweils drei Meisterschaften und Pokalsiege. So weit so gut, aber kennt der neue Startrainer des Unterhauses auch gegen Gegner wie Sandhausen und Erzgebirge Aue probate Mittel?

Ich glaube nach wie vor: Mit Zauberfußball steigt kein Team in die Bundesliga auf. Kampfgeist und Wille werden entscheidend sein. Und ob Pereira, der noch kein Deutsch spricht, dafür der Richtige ist? Immerhin hat der zukünftige Coach schon einmal in bester Löwen-Manier vom Aufstieg gesprochen. Dieser solle nächste Saison in Angriff genommen werden. Mit tatkräftiger Unterstützung von Investor Ismaik, der bereits jetzt versprach, weitere 50-100 Millionen Euro in den Kader zu pumpen. Eines muss man den beiden Herren ja lassen: Immerhin haben sie eingesehen, dass ein Aufstieg in dieser Saison nicht mehr machbar ist. So viel Realismus hätte ich dem neuen Dreamteam Giesings überhaupt nicht zugetraut.

Und so wartet der TSV weiter auf sein Happy End. Und ich mit ihm. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich eines Tages nicht mehr so weit ausholen muss, wenn ich in einer Berliner Kneipe erkläre, warum ich Löwen-Fan bin. Auch wenn man mir dann ganz schnell vorwerfen wird, Erfolgsfan zu sein. Noch so eine Sache, die mir der TSV beigebracht hat: Träumen darf man immer. Und: „Einmal Löwe – immer Löwe".