Boxen

Ein Neuköllner Boxtrainer hat uns erklärt, womit seine Jugendlichen wirklich zu kämpfen haben

Thomas Jansen trainiert seit Jahren sozialbenachteiligte Jugendliche aus Berlin-Neukölln. Ihre Herkunft ist für ihn das kleinste Problem.

von Lukas Krombholz
14 Februar 2017, 12:50pm

Alle Fotos: Lisa Ziegler

17 Minuten Fahrzeit und elf Zwischenstopps liegen zwischen den U-Bahnhöfen Rosenthaler Platz und Hermannstraße. Eine Viertelstunde trennen Berlins „kreatives Epizentrum" und das gerne als asozial verschriene Nord-Neukölln. Teehäuser, die in kaltem Neonlicht erstrahlen, 2-Euro-Falafel-Buden, in denen Großfamilien zu Mittag essen, und abgefackelte Silvesterböller, die teilweise auch noch Mitte Februar auf der Straße liegen. Das ist ehrlich.

Hier im Kiez arbeitet Thomas Jansen, den alle nur „Teddy" nennen. Und obwohl Teddy eine raue Stimme, einige Narben und eine nicht mehr ganz gerade Nase hat, passt sein Spitzname ziemlich gut zu dem stämmigen Mitfünfziger. Ernster Blick, aber immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Thomas Jansen ist Boxtrainer. Boxtrainer, Nachhilfelehrer, Pädagoge, Kumpel und Sozialarbeiter in einem. Teddy ist Leiter des mit dem „Bambi für Integration" ausgezeichneten Projekts „KICK im Boxring". Heute ist mal wieder Schirmherr und Boxlegende Axel Schulz zu Gast beim Training. Und mit ihm ein ganzes Team der Laureus-Stiftung.

Seit 2007 machen es sich Jansen und sein kleines Team zur Aufgabe, Kindern und Jugendlichen eine Anlaufstelle zu bieten. Ihnen den Raum und vor allem den Rahmen zu geben, um sich auszupowern. Es klingt zunächst absurd: Boxtraining als integratives Mittel für „Problemkinder". Doch Teddy hat eine Philosophie. Er nutzt den Sport, um ihnen Werte wie Respekt, Interesse und Disziplin zu vermitteln. Konflikte sollen nicht gesucht, sondern vermieden werden. Hier in Neukölln gibt es diesbezüglich eine Menge zu tun. Hohe Arbeitslosigkeit und Kriminalität – gerade unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Bei Teddy stehen sie sich im Ring gegenüber, nicht als Feinde, sondern als Freunde. „Wir wissen, dass wir alle füreinander einstehen. Wir kämpfen nur im Training gegeneinander", erklärt einer der Jungen.

Wir haben „KICK im Boxring" besucht und wollten von Thomas Jansen wissen, wie sehr sich die Jugendlichen und der Kiez in den letzten Jahren verändert haben.

Aufmerksam lauschen die Kids ihrem Trainer. Fairness, Toleranz und Respekt sind die wichtigsten Werte beim Boxen (Foto: Lisa Ziegler)

VICE Sports: Seit 2007 betreust du das Projekt hier, was hast du vorher gemacht?
Thomas Jansen: 1993 habe ich als Trainer angefangen, damals für Profis. Aber nach sieben Jahren habe ich gemerkt, dass mir das auf dem hohen Level nicht so viel gibt. Ich konnte nicht mehr in die Entwicklung eingreifen ...

Einer der Jungs, so um die zehn Jahre alt, steht plötzlich vor Thomas, fragt, was jetzt noch gemacht wird: Teddy mustert den Knirps und sagt. „Feierabend für heute, geh dich umziehen. Hör mal, ich möchte, dass du jetzt regelmäßig kommst, ja? Sonst wird das nie was. Du hast heute einige Leute hier ziemlich beeindruckt. Aber von nichts kommt nichts." Als er sieht, wie eingeschüchtert der Junge ist, lacht Jansen warm und wendet sich mir wieder zu.

... ich glaube, jetzt weiß ich genau, was du mit „in die Entwicklung eingreifen" meinst.
Ja, deswegen habe ich angefangen, im Jugendbereich zu arbeiten. Da kann ich noch was bewegen. Wenn man mit den großen Boxern wie den Rocchigianis zusammengearbeitet hat, kommt über kurz oder lang der Moment, wo man sich das nicht mehr geben will. Als Trainer beißt man bei „Stars" oft nur auf Granit.

Der Schweiß fließt in der kleinen Boxhalle in Strömen. Auch wenn er nicht angenehm ist: Ein Mundschutz gehört dazu. (Foto: Lisa Ziegler)

Wie haben sich die Jugendlichen in den letzten Jahren verändert?
Ich habe eine 14-jährige Tochter, da merke ich selber jeden Tag, was für einen Einfluss Smartphones, Internet und Co. haben ...

Jansen blickt auf und sieht, wie einer seiner Schützlinge sich aufmacht, die Halle zu verlassen. „Markes, Markes! Du wolltest doch tschüss sagen, oder? Und am Freitag ist Abschlusstraining, das weißt du, ja?" „Tut mir leid, aber ich wollte nicht stören", erklärt der 12-Jährige und verschwindet. Jansen hält kurz inne.

Entschuldigung, jetzt habe ich den Faden verloren ... Ach so, wir waren bei der Jugend. Fernseher hier, Internet da. Da ist so viel am Start. Ich habe das Gefühl, die schießen sich damit selbst aus der Umlaufbahn. Die haben keine Muse mehr, keine Atempausen. Man muss dafür kämpfen, dass sie sich wirklich einmal voll und ganz einer Sache widmen. Aber es bringt nichts zu sagen, dass sie mal ein Buch in die Hand nehmen sollen. Dabei sind die Bilder, die dir deine Fantasie schenkt, so viel wertvoller als jeder Film. Es ist so schade, wie viel sich die Jugend selbst raubt.

Markes (12): „Die Trainer brüllen schon mal, wenn ihnen was nicht passt. Aber das ist ja auch normal. Boxen ist ein strenger Sport." (Foto: Lisa Ziegler)

Ist es nicht manchmal anstrengend, auf das „Projekt für Problemkinder" reduziert zu werden?
Nein, dafür sind wir schließlich angetreten. Für Kids, die nicht die besten Voraussetzungen haben. Für Kinder aus einem anderen Umfeld. Deren Horizont wollen wir ein bisschen erweitern. Gegen die Stagnation in ihrem Mikrokosmos. Ich hab hier 14-Jährige, die mich bei einem Ausflug zum Olympiastadion fragen, ob wir noch in Berlin seien. Viele kommen einfach nicht aus ihrem Kiez raus.

Du kommst selber aus Neukölln, oder?
Ich habe lange hier gelebt, bin aber immer schon viel umgezogen. Vor der Wende habe ich in Kreuzberg, Neukölln, Schöneberg und Wedding gelebt. Dann nach dem Mauerfall auch in Friedrichshain und Lichtenberg. Ich habe überall mal reingeschnuppert. Ick bin ein Berliner.

Das Kamerateam und die Laureus-Sportler ziehen ab und verabschieden sich. Auch von Thomas Jansen. „Tschüss und danke". Teddy steht auf, schüttelt noch einmal Hände. „Wir haben zu danken. Ich hoffe, ihr hattet ein bisschen Spaß?" „Klar. Wenn ihr ein Schwimmtrainer sucht, ruft an", scherzt Triathlet Timo Bracht. „Bleierne Ente, du", kontert Jansen und setzt sich wieder an seinen Schreibtisch.

Wie hat sich denn Neukölln in den letzten Jahren so verändert? Ist es noch immer der Inbegriff für einen Problemkiez?
Neukölln hat sich insofern verändert, dass jetzt hier auch eine Gentrifizierung stattfindet. Wir haben hier inzwischen extrem viele Studenten und Hipster. Hier, direkt bei uns in der Straße, hast du inzwischen eine Kaltmiete von zehn Euro pro Quadratmeter. Es wird viel luxussaniert. Und wie überall werden die Leute dann verdrängt. Nicht aber die Probleme derer, die schon immer hier waren. Du hast hier natürlich immer noch eine große arabische Community, die teilweise in einer Parallelgesellschaft lebt. Trotzdem zählt das alles natürlich nicht als Ausrede, Mist zu bauen.

Darf ich kurz stören?" Axel Schulz verabschiedet sich mit einem lauten Handschlag von Teddy Jansen. „Danke Axel und bis bald". Die Männer nicken sich zu, Schulz verschwindet.

Man ist für sein Handeln immer selbst verantwortlich. Welche Kinder treffen sich heutzutage schon noch in Jugendtreffs? Die hängen doch größtenteils alleine vor ihren Konsolen, Smartphones und Computern. Ich bin ja nicht dumm, ich sehe doch, wenn die bis spät in die Nacht bei Facebook online sind. Nur viele Eltern interessiert das nicht. Ich glaube, deswegen gefällt es so vielen auch bei uns so gut. Wir geben ihnen klare Regeln und Strukturen. Die Kids müssen ihre Energie nicht in Ausreden, Lügen und Tricks stecken, sondern können sich voll und ganz beim Sport auspowern.

Passend dazu: Wir haben Axel Schulz gefragt, wovor er Angst hat

Hast du das Gefühl, dass Boxen ein missverstandener Sport ist?
Ja, absolut. Boxen hat so viel mit dem richtigen Leben zu tun. Man kann so viele Situationen aus einem Training aufs Leben übertragen. Was macht man, wenn zwei Kids im Ring eng ineinander verhakt sind und keiner mehr den Überblick hat? Auseinandergehen, die Situation von außen betrachten. Das sind alles Dinge, die einem das Boxen lehrt. Wie es ist, wenn die Aggressivität die Überhand gewinnt? Dann bekommt man auf die Nase. Habe ich meine Emotionen und Ängste im Griff? Angst ist lebenswichtig. Mach sie zu deinem Freund und du bist stärker als zuvor.