Wie das Verbot von Zigarettenwerbung die Formel 1 kaputt gemacht hat
Scuderia Ferrari

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nur noch schall und rauch

Wie das Verbot von Zigarettenwerbung die Formel 1 kaputt gemacht hat

Die Welt ist durch das Verbot von Zigarettenwerbung auf Formel-1-Boliden etwas gesünder geworden. Doch besonders kleineren Teams hat es das Genick gebrochen.
29.4.15

Mitte der 90er-Jahre war Tabakwerbung in der Formel 1 allgegenwärtig. Von den 10 besten Fahrern in der Gesamtwertung der Saison 1995 sind neun mit Logos von Tabakkonzernen auf ihren PS-Boliden um die Wette gefahren. Und auf ihren Rennanzügen. Und wer weiß, vielleicht waren auch ihre Höschen mit Marlboro-Aufdrucken geschmückt.

Zwei Jahrzehnte später ist von der Tabakindustrie in der Formel 1 (fast) nichts mehr zu sehen. Grund dafür ist die von der EU verabschiedete Tabak-Werberichtlinie (2003/33/EG), die Tabakwerbung streng reguliert. Und es gibt Grund zur Annahme, dass genau diese Richtlinie der Gesundheit der Formel 1 ziemlich geschadet hat.

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Bevor die Hater in die Tasten hauen: Nein, ich werde hier nicht in Frage stellen, dass das Werbeverbot aus ethischer Sicht eine wunderbare und notwenige Sache ist. Ich hab weder Lust auf Herzerkrankungen noch auf ein ausgewachsenes Lungenemphysem, und auch die zugeteerten Lungen auf den abschreckenden Fotos auf Zigarettenpackungen sind nicht wirklich cool.

Zudem ist mir klar, dass Tabakwerbung sehr gut funktioniert. Ich würde vielleicht nicht so weit gehen und behaupten, dass Leute nur aufgrund von Tabakwerbung anfangen zu rauchen, aber sie beeinflusst definitiv die Auswahl bei der Zigarettenmarke. Ich habe während meiner Kindheit unglaublich gerne Formel 1 geschaut und als ich dann als Teenager mit dem Rauchen anfing, habe ich als Erstes Rothmans, Benson & Hedges und Silk Cut probiert, weil die all diese schnittigen und erfolgreichen Rennautos sponserten. Als ich in Frankreich Urlaub machte, fiel meine Wahl instinktiv auf Gitanes. Und jedes Mal, wenn ich in Deutschland bin, wird West gequarzt. Und bis heute ärgert es mich, dass ich nie eine Packung Mild Seven mein Eigen nennen konnte. Ihr wisst schon, die Marke aus Japan, die auf Alonsos Wagen Werbung gemacht hat, als er sich 2005 und 2006 zum Weltmeister krönte. Sogar noch heute, wo ich nicht mehr rauche, empfinde ich noch immer eine gefährliche Zuneigung für diese Marken. Die Formel 1 hat sich erst in die Arme von Big Tobacco geworfen, um sich dann mit aller Kraft davon loszueisen—also ganz so wie ich.

Mein Faible für die angesprochenen Marken lag wohl auch an all den starken Lackierungen, bei denen Tabaksponsoren ihre Finger mit im Spiel hatten. Alleine der Jordan aus der Saison 1997 mit der Schlange auf der Nase war ein echter Hingucker. Oder das knallige Weiß-Rot der fast unschlagbaren McLaren-Hondas. Oder der Camel-farbene Gelbton auf Nigel Mansells Weltmeisterboliden. Ich könnte noch ewig weitermachen.

Doch am Ende sind das für echte Motorsportfans natürlich nur rein „kosmetische" Nebenaspekte, schließlich gibt's für die beste Lackierung keine WM-Punkte. Und wenn man für die Tabaklobby eine Lanze brechen will, tut man gut daran, das Thema Kosmetik (Stichwort: Haut!) besser nicht anzurühren.

Was aber niemand abstreiten kann, ist die Tatsache, dass Zigarettenfirmen das wohl dringendste Problem in der Formel 1 lösen konnten: die Bezahlung von talentierten Fahrern. Als sie dann aber dem Motorsport den Rücken kehren mussten, entstand ein klaffendes Loch, das keiner zu füllen wusste. Oder anders ausgedrückt: Sie haben dem Sport die Kippen weggenommen, aber nicht mal für 'ne E-Zigi gesorgt. Übrigens war Werbung für Tabakprodukte auch noch nach dem Verbot in Ordnung, solange diese die Sucht bekämpfen würden. Darum hat auch die Firma NiQuitin—Hersteller von Nikotinpflastern und Ähnlichem—für kurze Zeit das Williams-Team gesponsert.

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Jeder, der nur ein bisschen Ahnung von der Formel 1 hat, weiß, dass Geld der entscheidende Faktor für das Fortbestehen des Sports ist. Es ist der Lebenssaft von Herrn Ecclestone. Nicht nur für die glamourösen Renntermine in Monaco und Singapur werden Unsummen von Geld nötig, schließlich dauert der verrückte Zirkus neun ganze Monate. Wie man es dreht und wendet: Die Formel 1 ist ein wahnsinnig teures Unterfangen. Entwirf und bau mal ein supermodernes Rennfahrzeug und transportier es quer über den Globus, während du die ganze Zeit unter Druck stehst, den Boliden weiterzuentwickeln, um im Motor-Wettrüsten für den WM-Titel nicht das Nachsehen zu haben. Und das jedes Jahr aufs Neue! Günstig sieht anders aus.

Zigarettenfirmen—auch wenn sie für manche der Inbegriff des Bösen sind—haben genau das ermöglicht. Sie haben Millionen in den Sport gesteckt und als Gegenleistung nur gefordert, dass ihre Logos auf den Autos prangen (und ihre Bosse hier und da bei Laune gehalten werden). Aufgrund des Geldsegens hatten die Teams die Möglichkeit, so ziemlich jeden Fahrer auf dem Markt zu verpflichten—was natürlich dazu führte, dass nur die Schnellsten der Schnellsten gegeneinander angetreten sind.

Marlboro hat Unsummen von Geld dafür ausgegeben, Michael Schumacher zu Ferrari zu locken, wo er am Ende fünf Titel gewann. Ziemlich gute Marketing-Strategie. Foto: Scuderia Ferrari

Denn Big Tobacco ging es immer nur um Siege. Es war ihnen egal, welcher Fahrer auf dem Podium stand, solange er von Kopf bis Fuß in ihren Farben geschmückt war. Da war es auch egal, wie viel der Spaß gekostet hatte. Mitte der 90er-Jahre hat Marlboro mit Ferrari und McLaren zwei der größten Formel-1-Rennställe finanziert. Zudem hat man Fahrer bei der Rally-WM und im Motorradrennsport gesponsert—und keinen Cent seines Investments bereut. Allein Michael Schumacher wurde fünfmal Weltmeister in einem Auto mit riesigem Marlboro-Logo.

Ein konkretes Beispiel dafür, wie sich die Präsenz der Tabakkonzerne auf die Formel 1 ausgewirkt hat, ist das ehemalige Jordan-Team, die einen langjährigen Sponsoringvertrag mit Benson & Hedges hatten. Obwohl Jordan nie zu den absoluten Topteams gehörte, war es ihnen dank der B&H-Millionen dennoch möglich, talentierte Fahrer wie Damon Hill, Heinz-Harald Frentzen und Giancarlo Fisichella unter Vertrag zu nehmen. Und alle drei haben es geschafft, trotz der übermächtigen Konkurrenz von Ferrari, McLaren-Mercedes und Co. Rennen in den knallgelben Jordan-Flitzern für sich zu entscheiden. Ergebnisse dieser Art haben die Formel 1 gesund gehalten, auch wenn die Geldgeber nicht unbedingt für Gesundheit standen.

Mittlerweile sehen sich Mittelklasseteams gezwungen, ihre Fahrer nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten auszuwählen. Darum fährt im Lotus ein Pastor Maldonado, der eine Menge Kohle von einer bedeutenden ?–lgesellschaft aus Venezuela mitbringt, und im Force India ein Sergio Perez, der für viele Millionen aus Mexiko sorgt. Beide sind sie zwar schnelle Fahrer, aber auch furchtbar unberechenbar. Soll heißen: Sie sind immer für einen unnötigen Auffahrunfall gut. In einem Jordan hätten sie bestimmt nicht Platz nehmen dürfen. Zur gleichen Zeit müssen weitaus talentiertere Fahrer das Feld räumen, weil es ihnen schlichtweg an kapitalkräftigen Sponsoren im Hintergrund fehlt.

Und das ist ungefähr genauso gesund für den Sport wie 40 Lucky Strikes für deine Lunge. Ja, die Formel 1 hatte schon immer sogenannte Pay-Driver oder Bezahlfahrer. Und daran wird sich auch nichts ändern, was auch in Ordnung ist. Aber: Mittlerweile sind fast die Hälfte der Fahrer Pay-Driver, weswegen die Formel 1 statt „Königsklasse des Motorsports" eher wie eine Farce-Veranstaltung rüberkommt. Schließlich sollten hier doch die Besten der Besten gegeneinander antreten—was haben also all diese mittelmäßigen Fahrer in Formel-1-Boliden zu suchen?

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Entwicklungen dieser Art schaden natürlich der öffentlichen Wahrnehmung, was sich wiederum negativ auf die Zuschauerzahlen auswirkt, was wiederum weniger Sponsorengelder bedeutet und die Abhängigkeit von Bezahlfahrern erhöht. Mit einem Wort: Teufelskreis.

Nach mehreren Verkäufen wurde aus Jordan Force India, für die aktuell Sergio Perez fährt. Er ist zwar talentiert, würde aber ohne seine Millionen aus Mexiko kaum in der Formel 1 fahren. Foto: Sahara Force India

Stichwort Sponsoren. Oder besser gesagt: Gesucht werden Sponsoren. McLaren ist einer der ganz großen Namen in der Formel 1, trotzdem haben sie dieses Jahr keinen Titelsponsor mehr. Und bei einigen Teams kann man die Sponsoren, die nicht mit dem Fahrer verbunden sind, an einer Hand abzählen. Uns Formel-1-Fans wurde damals erzählt, dass der erzwungene Rückzug der Tabakkonzerne vom Einstieg finanzstarker Unternehmen wie Coca-Cola, McDonalds und Adidas abgefedert werden würde. Doch das ist leider nie geschehen.

Auch deswegen wird der Rennzirkus Formel 1 kleiner und kleiner. Mittlerweile gehen nur noch 10 Rennställe an den Start, wovon einer—nachdem man letztes Jahr Insolvenz anmelden musste—eher nur im Weg steht, als ein wirklich wettbewerbsfähiges Auto auf die Strecke zu bringen (Manor Marussia F1 Team). Und noch drei weitere Teams haben mit erheblichen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen.

Doch die Probleme der Formel 1 liegen wohl im Grunde noch viel tiefer und lassen sich deswegen auch nicht mit einem nachdenklichen Beitrag abdecken. Vielleicht würden manche sogar so weit gehen und behaupten, dass es sie eigentlich schon immer gegeben hat und dass die ganzen Tabak-Millionen sie nur gut zu verschleiern vermochten. Vielleicht. Aber eine Sache ist sicher: Seitdem die Formel 1 Zigarettenwerbung fast vollständig verbannen musste, ging es mit ihrer Gesundheit stetig bergab.