"In manchen Songs hörst du mich rülpsen oder furzen" – Zu Besuch beim Genie Thundercat

Wir haben den musikalischen Magier zu Hause besucht, um mit ihm über sein bizarres und brillantes neues Album 'Drunk' zu sprechen.

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02 März 2017, 12:20pm

Es ist ruhig im Hause Thundercat. Sein Apartment in Nordhollywood ist spärlich eingerichtet – von den Comic-Sammelobjekten abgesehen. Hauptsächlich sind es Sachen von Marvel, weil Marvel die menschliche Hälfte der Geschichte immer am besten hinbekommen hat. Es gibt ein Captain America-Schild, eine alte Gitarre, die es fast nicht von der Tour mit Erykah Badu zurückgeschafft hätte, und einen 78-Zoll-Fernseher, dessen Ton ausgeschaltet ist.

"Du musst dem keine Aufmerksamkeit schenken", sagt Thundercat und macht eine Geste in Richtung Fernseher, während er nach einem Feuerzeug sucht. "Du hast ein Mittel zur Flucht. Oft sagen Leute: 'Genau das können wir gerade nicht gebrauchen!' und ich denk mir dann nur, die sollen die Klappe halten. Diese Scheiße ist furchtbar gewesen." Er zündet eine Räucherkerze an und dreht ein paar Runden um dem Kaffeetisch, bevor er den richtigen Ort dafür gefunden hat. "Ich sage nicht, dass jetzt nicht die Zeit zu kämpfen ist, aber du brauchst die entsprechende Verfassung, um kämpfen zu wollen. Du musst es tun, indem du nicht deinen Verstand verlierst."

Seit über zehn Jahren tourt, musiziert und veröffentlicht der 32-jährige Stephen Bruner, wie Thundercat mit bürgerlichem Namen heißt, mit einigen der größten Namen im Musikgeschäft: Erykah Badu, Kendrick Lamar, Flying Lotus, Ty Dolla $ign und so weiter. In den letzten paar Jahren hat er sich aber vor allem als außergewöhnlicher Solokünstler einen Namen gemacht. Apocalypse, sein 2013 erschienenes zweites Album, war ein Jazz-Fusion-Meisterwerk; The Beyond / Where the Giants Roam, ein 16-minütiges Werk von 2015, war in etwa so spartanisch wie sein Wohnzimmer. Sein drittes Album, Drunk, dürfte dem Bass-Virtuosen und exzentrischen Lyriker nun die größte Hörerschaft bescheren. Im Moment versucht er aber, das zu ignorieren.

"Ich versuche, mich nicht zu sehr mit solchen Sachen zu beschäftigen. Damit machst du dich nur verrückt", sagt er, als ich ihn nach seinen kommerziellen Ansprüchen an das Album frage. Stattdessen zeigt er mir ein kleines Notizbuch, in das er dutzende Gesichter gezeichnet hat. Manche sind Freunde, andere bekannte Musiker – oft sind sie beides. Die Zeichnung sind so gut, dass du ihrem Erschaffer sofort sagen würdest, er solle seinen Brotjob kündigen – hätte er nicht eh schon einen der besten Jobs der Welt. 

In gewisser Weise wurde Thundercat schon in dieses Umfeld hineingeboren. Sein Vater, Ronald Bruner, war unter anderem Schlagzeuger bei Gladys Knight, Diana Ross und den Temptations. 1979 veröffentlichte er mit seiner Band Chameleon ein "Disco Fusion"-Album auf Elektra. Ronald und seine Frau Pam haben drei Söhne; jeder von ihnen wurde bereits für einen Grammy nominiert. Thundercats älterer Bruder, Ronald Jr., gewann als Drummer der Stanley Clarke Band den Award für Best Contemporary Jazz Album; Jameel, der jüngste, spielte auf Ego Death von The Internet Schlagzeug, das für Best Urban Contemporary nominiert war. Thundercats Preis für Best Rap/Sung Collaboration für "These Walls" von Kendrick steht im Regal neben einer unfassbar realistisch aussehenden Deadpool-Puppe. Stephen und Ronald Jr. haben außerdem mehrere Jahre zusammen bei Suicidal Tendencies gespielt und sind beide in den Liner Notes von Kamasi Washingtons The Epic zu finden.

Alle Fotos von The1point8

Thundercats Zeit als professioneller Musiker hat nicht nur seine technische Feinheiten geschliffen, sondern ihn auch für ein Leben in der Öffentlichkeit gestärkt, mit all den dazugehörigen Ängsten. "Ich wurde schon mit Bierflaschen beworfen", sagt er. "Ich habe mit Menschen zu tun gehabt, die [während meines Konzerts] geredet haben und rausgegangen sind. Das hat mich aber nie gekratzt oder mir ein komisches Gefühl gegeben." Ihm gibt nur zu denken, was diejenigen, über die er schreibt, vielleicht fühlen, wenn sie die Verbindung spüren. Das und seine Eltern.

"Ich hatte viel mehr Angst vor meinen Eltern als vor anderen Menschen", sagt er lächelnd. "Ich hatte Angst, was meine Eltern wohl denken, wenn sie mitbekommen, dass ich den "DMT Song" geschrieben habe, und wissen wollen, was DMT ist: 'Es ist eine psychedelische Droge, Mama! Es ist quasi, als ob du stirbst!'", lacht er. "Das kommt bei deinen christlichen Eltern nicht gerade gut an."

Aber auch diese Hürde hat Thundercat genommen. Die Arbeit, die er in die Welt entlassen hat, ist unfassbar bewegend – und das gilt besonders für Drunk. Auch wenn seine Texte manchmal ziemlich kryptisch sind (er scherzt drüber, dass die Songs, die er für seine Katze Tron geschrieben hat, oft als Metapher für romantische Liebe fehlinterpretiert werden), ist offensichtlich, dass er sich mit ein paar schweren und verstörenden Themen befasst. "Es gibt ein paar Momente auf dem Album, bei denen ich Probleme hatte, sie zu Ende zu bringen", gibt er zu. "Die Sachen, die ich zu der Zeit erlebt habe, waren unglaublich intensiv."

Drunk ist fragmentarisch strukturiert. Die 51 Minuten Spielzeit sind auf 23 Songs verteilt, die oft genau dann aufhören, wenn du den Groove gefunden oder das Thema erkannt hast. "Nur weil du eine kurze Aufmerksamkeitsspanne hast, bedeutet das nicht, dass du nicht schlau bist", sagt er. In Wahrheit hatte das Ausbrechen aus dem rigiden Dreieinhalb-Minuten-Rahmen formale Vorteile, die es Thundercats Songs erlauben, zu atmen, wo es nötig ist, und schnell voranzuschreiten, wo es dem Album als Ganzes nützt. Das Format spiegelt aber auch wieder, wie wir Informationen konsumieren, wie die meisten von uns arbeiten und sogar wie ein innerer Monolog aussehen würde, wenn man ihn niederschreibt. 

Das Album beginnt leicht ("Wenn du anfängst zu trinken, hast du für gewöhnlich Spaß, richtig?"), schleift dich jedoch durch einige gequälte Orte ("Und dann landest du im Gefängnis", so Thundercat gackernd). "Tokyo" ist frenetisch, bis an den Punkt der Konfusion; "Where I'm Going" ist auf eine Weise Unheil verkündend, die dich dazu bringt, deiner Mutter eine Email zu schreiben, um ihr zu sagen, dass es dir gut geht. Es gibt ruhige Stücke ("The Turn Down", bei dem Pharrell dabei ist), farbenfrohe, heitere Stellen ("Blackkk") sowie hypnotische Grooves ("Jethro"). Es ist die bislang dynamischste Arbeit von Thundercat und es ist schwer, ein Album der letzten paar Jahre hervorzuzaubern, das sich ähnlich umfangreich und einzigartig persönlich anfühlt.

Die Songs wurden in verschiedenen Zeiträumen zwischen und direkt nach den Sessions für Apocalypse und Kendrick Lamars To Pimp a Butterfly geschrieben und aufgenommen. Thundercat war bei Letzterem einer der Hauptverantwortlichen. Er spricht ehrfürchtig über Kendricks monatelangen "schwelenden" Aufnahmeprozess, bei dem verschiedene Phasen und Stile aus dem Rapper "strömen", bevor er sich auf eine endgültige Richtung festlegt. Für Bruner kann es jedoch schwer sein, sein Leben in einfach definierte Segmente einzufassen oder seinen kreativen Prozess an irgendeine Art von Zeitplan anzupassen.

"Ich habe das Gefühl, es unterbricht dein Leben", sagt er. "Manche Leute brauchen einen Zeitplan. Aber als Musiker, als Songwriter ist es mit deinem Alltag verflochten." Er zeigt auf den Fernseher, auf dem Legends of Chamberlain Heights läuft, ein Comedy-Central-Cartoon, der von Carl Jones erschaffen wurde, dem Executive Producer von Boondocks und Partner von Badu. "Ich sehe und höre [Fernsehen] anders, denke ich. Der Fokus ist Musik; ein Teil davon ist immer noch Musik für mich."

Falls Musik das Leben unterbricht, so ist auch das Gegenteil manchmal der Fall. "In manchen Songs hörst du mich rülpsen oder furzen oder mein Telefon klingeln", so Thundercat. "So wurde es wirklich aufgenommen. Ich denke, es ist wichtig für Leute, Unvollkommenheiten zu hören, um zu zeigen, dass ein Teil davon immer noch menschlich ist." Wie von jemandem zu erwarten ist, der in der Traditionen von Jazz und Improvisation steht, misst er dem Instinkt einen großen Wert bei. "Dein erster Instinkt ist häufig richtig. Es wird dir anders gesagt. Instinkt ist alles, egal, ob da Wissen hinter steckt oder nicht. Ich versuche es direkt zu machen, ohne zu viel zu bearbeiten." Er drückt es noch einfacher aus: "Wir haben die letzten 20 Jahre lang improvisiert." Auf dem Pharrell-Song "The Turn Down" kannst du den Regen im Hintergrund hören, während Thundercat singt. "Es klingt, als würde ich einen Knopf drücken", sagt er. "Aber es hat einfach geregnet."

Vielleicht ist dieser Hang zur Spontaneität der Grund dafür, dass Thundercat trotz Beiträgen von Pharrell, Kendrick und Wiz Khalifa am angeregtesten über die Kollaboration "Show You the Way" redet, den Song, mit dem er Kenny Loggins und Michael McDonald wieder vereint hat. Auslöser dafür war eine Radiointerview, in dem Thundercat gefragt wurde, wen er mitnehmen würde, wenn er auf dem Meer festsitzen würde. Er antwortete: McDonald und Loggins. "Der Witz war, dass sie alles erlebt haben", sagt er, auch wenn seine Bewunderung für beide aufrichtig war und ist ("Sie sind der Inbegriff dessen, was Songwriter meiner Meinung nach sein sollen: Wenn du die Stimme deines Sängers nicht erkennen kannst, was zur Hölle hörst du dir dann an?").

Wie sich herausstellte, hatte Loggins einen Sohn, der Thundercat-Fan ist. Der berühmte Sänger war Anfangs skeptisch und unsicher, ob der anfängliche Radiokommentar ein Witz auf seine Kosten war. Doch die beiden freundeten sich durch gemeinsame musikalische Interessen an – besonders das Mahavishnu Orchestra – und Loggins lud McDonald zur Studio-Session ein. Die beiden alten Freunde hatten seit zwei Jahrzehnten nicht mehr zusammengearbeitet. Als McDonald im Studio auftauchte, trugen Loggins und er beinahe die gleichen Flanellhemden; ein Moment, den Thundercat glücklicherweise mit seiner iPhone-Kamera festhielt. "Es war, als hätte Mel Brooks den Moment geschrieben, Mann."

Von dort driftet unsere Unterhaltung ab: Wie Marvin Gaye bei "Inner City Blues" zugibt, seine Steuern nicht bezahlen zu können; wie die inneren Machtkämpfe bei Motown ihren Weg in die Öffentlichkeit gefunden hätten, wenn es in den 60ern und 70ern Twitter gegeben hätte. Dann schließen wir den Kreis zurück zum heutigen Sturm an Informationen, der niemals zu enden scheint. "Du versuchst zu priorisieren, was Sinn für dich ergibt, während die Leute dich einfach nur zuscheißen", sagt er. "Du sollst all diesen Mist machen und dann immer noch diese kreative Person sein und eine Perspektive haben, die nicht zu bescheuert ist." Was machst du also? "Du kaufst einen 78-Zoll-Fernseher, der übertönt alles", lacht er. "Du sitzt dort, starrst auf den Bildschirm. Flying Lotus und ich haben diesen Witz: Wenn du lange genug auf den Bildschirm starrst, verändert sich das Ganze."

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