Eine russische Fotografin zeigt, wie sie die junge Schweiz erlebt
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Eine russische Fotografin zeigt, wie sie die junge Schweiz erlebt

"Dafür können die Schweizer etwas, was man uns Russen völlig zu Unrecht zuschreibt: trinken."
Kamil Biedermann
aufgeschrieben von Kamil Biedermann
11.12.16

Das erste deutsche Wort, dessen Bedeutung ich in der Schweiz lernen musste, war "Geld". Seitdem ich hier lebe, muss ich ständig Geld für Dinge ausgeben, für die ich es nicht gewohnt bin, zu bezahlen. Als ich das erste Mal beim Schwarzfahren erwischt wurde und über 100 Franken bezahlen musste, wartete ich ängstlich tagelang nur darauf, bis jemand von meiner Türe steht und mich ins Gefängnis steckt. Wenn du in Russland beim Schwarzfahren erwischt wirst, hält dir eine Babuschka höchstens eine Standpauke, dass du ein böses Mädchen bist und wirft dich aus dem Bus. Wenigstens seien die Schweizer Gefängnisse ganz OK und das Essen darin kostenlos, erzählte mir ein Schweizer Freund.

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Einmal, in einer langweiligen Nacht in meiner Wohnung in St. Gallen, begannen ich und meine russische Freundin darüber zu scherzen, dass wenigstens die Luft zum Atmen in der Schweiz kostenlos sei. Wir fingen an, Schweizer Banknoten auszudrucken und auszuschneiden und ich fotografierte meine Freundin dabei, wie sie in Geld badet, während wir uns über die teure Schweiz lustig machten.

Aufgewachsen bin ich in der sibirischen Grossstadt Krasnojarsk und zog für mein Studium der Internationalen Beziehungen fünf Flugstunden westwärts nach St. Petersburg. Nach einem Semester in Genf im Jahr 2015 zog es mich nach Paris und aktuell nochmals in die Schweiz nach St. Gallen. Seitdem ich 13 bin fotografiere ich ab und an auf 35mm-Film. Spätestens nachdem mir mal mein Handy mit all meinen Fotos gestohlen wurde, beschloss ich, meine Erlebnisse bevorzugt auf einer alten Filmkamera festzuhalten, die mir mein Vater für einige wenige Rubel auf einem russischen Flohmarkt gekauft hat.

Bevor ich in die Schweiz kam, hätte ich mir niemals ein Land vorstellen können, in dem so viele junge Leute ihre Wurzeln irgendwo anders haben und dieser Umstand auch noch als eine Bereicherung angesehen wird. Dass Rechtspopulisten in der Schweiz die Stimmenmehrheit haben, deckt sich überhaupt nicht mit meinen Erfahrungen mit jungen Menschen in der Schweiz. Vielleicht ist das aber auch der Grund, warum ich bis heute "den Schweizer" nicht ausmachen konnte, weil es ihn einfach nicht gibt. In der Uni sagte man mir, die Schweiz bezeichne sich wegen der fehlenden ethnischen Homogenität als "Willensnation". Ich denke eher, dass die jeweiligen Landesteile einfach nicht zu Frankreich, Italien oder Deutschland gehören wollten—und so entstand diese "Nichtwillensnation" der Schweiz. Oder anders gesagt: Du nimmst das Beste aus den umliegenden Ländern, mixt es zusammen, gibst noch viel mehr Wohlstand dazu und raus kommt dann die Schweiz.

Obwohl die jungen Leute, die ich kennengelernt habe, für russische Standards sehr liberal und freiheitsliebend sind, tanzt kaum jemand aus der Reihe. Die Schweiz ist für mich ein extrem egalitäres Land, das spiegelt sich auch in der Kleidung der jungen Schweizer wider. Die Leute möchten aus Prinzip nicht mit ihrem Äusseren auffallen und kleiden sich zwar meist geschmackvoll, aber sehr basic. Sogar in den Technoclubs hier—Orte, an denen sich selbst in Russland Leute frei ausdrücken können—tragen fast alle das Gleiche. Auch wenn ich in der Uni meinen russischen Humor auspacke, reagieren die meisten Studenten entweder verstört oder ignorieren ihn ganz. Ich kann schon nachvollziehen, dass talentierte und kreative Leute sich in der Schweiz eingeengt fühlen und das Land verlassen.

Im Gegensatz zu Russland ist das Fotografieren hier für mich manchmal eine Qual. Wenn ich in Russland meine Kamera auf Leute richte, freuen sie sich in der Regel und posieren für mich. In der Schweiz muss ich die Leute zuerst mal darum bitten und kriege meistens ein Nein zu hören. Irgendwann erschien es mir am einfachsten, die Leute ungefragt zu fotografieren und dann einfach wegzurennen. Möchte ich mich mit jemandem am Wochenende für ein Shooting verabreden, muss ich das in aller Regel schon anfangs der Woche anmelden, weil die Schweizer immer alles genau planen und viel zu pünktlich sind. Zudem lachen Schweizer meistens, wenn man sie fotografiert, auch wenn ich ihnen sage, sie sollen das lassen. Ich glaube, die Schweizer haben dieses arrogante Posen, wie ich es eigentlich am liebsten mag, einfach nicht in ihren Genen.

Dafür können die Schweizer etwas, was man uns Russen völlig zu Unrecht zuschreibt: trinken. Würde jemand in Russland so viel trinken, wie es ein durchschnittlicher Schweizer an den Wochenenden macht, würde er glatt als Alkoholiker durchgehen. Andererseits ist am Sonntag sowieso alles zu, da bleibt einem nichts Anderes übrig, als möglichst lange Party zu machen, um diesen todlangweiligen Schweizer Sonntag einfach zu verschlafen.

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