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Dieser wahnsinnig dumme Smart-Juicer ist gerade noch dümmer geworden

Ihr könntet 400 US-Dollar für eine gehypte Maschine ausgeben, die mit vier Tonnen Druck proprietäre Saftbeutel auspresst. Oder ihr nutzt einfach eure Hände.
21 April 2017, 9:36am
Bild: Juicero

Es sind Geschichten wie diese, die den Ruf des Silicon Valley als hoffnungslos realitätsfernen Tech-Zirkel immer wieder zementieren. Von all den bislang gelieferten Antworten auf Fragen, die nie jemand gestellt hat, ist diese die mit Abstand absurdeste; sie muss es einfach sein. Wo sonst käme jemand auf die Idee, einen 700 US-Dollar teuren Wifi-Entsafter produzieren zu wollen – und wo sonst würde er Investoren damit 120 Millionen US-Dollar aus den Rippen leiern und zu einem der erfolgreichsten Hardware-Startups 2016 aufsteigen? Doug Evans hat es geschafft. Wie auch immer er das angestellt hat.

Juicero heißt sein Baby und der Name ist tatsächlich noch das Pfiffigste an einem Gerät, das seit seiner Einführung im vergangenen Jahr mehr Spott als Saft produziert hat. Angriffsfläche dafür liefert der weltweit erste (und voraussichtlich letzte) „smarte" Entsafter jedenfalls reichlich. Die vielleicht größte steckt bereits im „smart juicer"-Begriff selbst, denn bis heute ist nicht so ganz genau geklärt, wofür Evans' Maschine überhaupt mit dem Internet verbunden sein muss. Oder konkreter: Unklar ist, welche Vorteile sich daraus ergeben – an Nachteilen fehlt es nämlich nicht. Keine Wifi-Verbindung? Kein Saft. Das via QR-Code gescannte Verfallsdatum der Plastik-Fruchtbeutel (das übrigens auch in Klarschrift direkt neben dem Code steht) ist auch nur um einen Tag überschritten? Kein Saft. Keine exklusiven Juicero-Fruchtbeutel? Kein Saft.

Der große Plot Twist: Wie das Wirtschaftsmagazin Bloomberg diese Woche in einem Glanzstück des investigativen Journalismus' herausfand, braucht es die Maschine gar nicht, um den zwischen fünf und acht US-Dollar teuren und ausschließlich online erwerbbaren Beuteln mit geshreddertem Obst und Gemüse ihren schmackhaften Inhalt zu entlocken. Mehr als ein Paar Hände ist dafür nicht nötig, und diese gibt es bei der Geburt bekanntermaßen gratis dazu.

Aber was genau tut der Juicero dann überhaupt? Dass diese Frage erst im vierten Absatz dieses Artikels geklärt wird, liegt auch daran, dass es nicht mehr als zwei Worte braucht, um die hochkomplexen Abläufe im Inneren der High-Tech-Maschine zu beschreiben: Sie presst. Sie presst sehr hart. Mit vier Tonnen Druck oder „der Kraft, zwei Tesla-Wagen zu heben", wie es das Unternehmen selbst außerordentlich subtil auf der eigenen Webseite beschreibt. Trotz dieser Leistung dauert ein durchschnittlicher Pressvorgang rund zwei Minuten und ist laut. Die manuelle Bloomberg-Variante ist zwar etwas weniger gründlich, insgesamt aber schneller und, je nach Person, deutlich geräuschärmer.

Es ist der wohl größte Dämpfer für den Rohkost-Veganer Evans, der jahrelange Erfahrung in der Saftbranche gesammelt hat. Bereits als Mitgründer von Organic Avenue, einer 2002 gestarteten Saftbarkette, konnte er sich letztlich nicht durchsetzen: Er wurde von Investoren aus dem Unternehmen gekegelt, das auch nach seinem Weggang unaufhaltsam dem Bankrott entgegentaumelte. Ein ähnliches Schicksal könnte ihm nun erneut blühen.

Was Evans in all den Jahren nicht gelernt (oder geflissentlich übersehen) hat: Fruchtsäfte werden ihrem guten Ruf keinesfalls gerecht. Längst spricht sich die Wissenschaft dafür aus, Obst zu essen, statt es zu zerquetschen. Mehrheitlich belegen Studien die positiven Effekte: Das Diabetes-Risiko sinkt, die Zufuhr von wichtigen Ballaststoffen steigt und auch das Sättigungsgefühl ist beim normalen Verzehr deutlich ausgeprägter. Säfte sind eher eine Notlösung als eine langfristige Alternative, doch von alldem will der Juicero-Gründer nichts wissen. Sein Vokabular ist ebenso von Weltverbesserungsfloskeln durchzogen wie die Werbesprache seiner Firma.

All das führt zu einer aktuellen äußerst angespannten Lage. Zwar hat Juicero bislang keine offiziellen Geschäftszahlen veröffentlicht. Bereits im Januar dieses Jahres senkte der Hersteller den Preis seines Geräts jedoch von 700 auf 400 US-Dollar. Die neuerlichen Berichte haben die Lage ebenfalls nicht verbessert: Als Reaktion kündigte das Unternehmen nun an, innerhalb der nächsten 30 Tagen allen Kunden ihr Geld zurückzuerstatten, die mit dem Juicero nicht zufrieden sind. Aber wie viele Käufer können das schon sein?