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Wir haben die Rauchgewohnheiten von Fußballern analysiert

Wir wissen, dass Cruyff, Maradona und Basler gequalmt haben. Doch auch im durchprofessionalisierten Fußball haben Stars wir Özil, Buffon oder Nesta zur Kippe gegriffen. Warum hält sich die Kippe so hartnäckig im modernen Fußball?

von Will Magee
05 April 2017, 10:35am

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Letzten Sommer gab es großes Aufsehen, als herauskam, dass einer der Stars der belgischen Nationalmannschaft, Radja Nainggolan, Raucher ist. So schrieb die österreichische Kronen Zeitung: „Belgien-Star ist Raucher und kriegt Balkon-Zimmer!". Dass das Laster von Abermillionen von Menschen einem Fußballer als absolutes No-Go vorgehalten wird, hat natürlich damit zu tun, dass der Fußball mittlerweile völlig durchprofessionalisiert ist. Das bedeutet auch, dass die Gesundheit eines Spielers längst nicht mehr nur dessen Privatangelegenheit ist. Schließlich ist bewiesen, dass Rauchen dem menschlichen Körper schadet, und der ist im Falle eines Profis häufig mehrere Millionen Euro wert. Trotzdem gibt es sie noch, die rauchenden Spieler und Trainer im modernen Fußball. Denen – sowie berühmten Ex-Protagonisten der Szene – haben wir uns gewidmet und ihre Rauchgewohnheiten analysiert.

Johan Cruyff ist bzw. war der wohl bekannteste Connoisseur der Zigarette in der weiten Welt des Fußballs. Sowohl als Spieler als auch als Trainer griff er regelmäßig zum Glimmstängel. Er wuchs im Großraum Amsterdam der 60er-Jahre auf, zu einer Zeit, in der die Zigarette einerseits ein Luxusgut für Erwachsene war, andererseits ein Zeichen der Rebellion einer stetig wachsenden Jugendkultur. Cruyff wurde assoziiert – und assoziierte sich selbst – mit der Liberalisierung der niederländischen Kultur und dem Anti-Establishment. Darum überrascht es auch nicht, dass die Zigarette schnell zu einem seiner Markenzeichen wurde, gepaart mit seiner berüchtigten Ästhetik und seiner Angewohnheit, den Konservativen im Lande durch seine nervige Nonchalance zu ärgern.

Auch wenn die Zigarette in Cruyffs jüngeren Jahren wohl vor allem ein Statement war, wurde er von der regelmäßigen Dosis Nikotin schon bald abhängig. In Barcelona hält sich bis heute das Gerücht, dass Cruyff nach seinem ersten Match als Spieler noch in der Umkleide eine Zigarette geraucht haben soll, dann geduscht hat und sich im Anschluss noch eine angezündet hat. Da wir wissen, dass sich Rauchen negativ auf Kondition und Regeneration auswirkt, zeigen Cruyffs 16 Ligatore und Meisterschaftsgewinn gleich im ersten Jahr bei Barça, was für ein unfassbar großes Talent er war.

Als Cruyff 1985 Ajax-Trainer wurde, nahm er seine Rauchgewohnheiten natürlich mit. Der Anblick von Cruyff, wie er mit in den Mundwinkel geklemmter Zigarette an der Seitenlinie saß, wurde legendär. Cruyff rauchte das ganze Spiel über, um seine Nerven zu beruhigen, so wie so viele andere Menschen auch. Das Laster gab er 1991 aber auf, als er mittlerweile als Trainer beim FC Barcelona arbeitete. Der Grund dafür war eine doppelte Bypass-OP sowie die Warnung von Ärzteseite, dass Weiterrauchen seine Lebenszeit drastisch verkürzen würde. Bekanntermaßen stieg der Holländer ab diesem Moment auf Lutscher um.

Dass er das Rauchen aufgab, wirkte sich nicht negativ auf seine Effektivität als Trainer und Fußballphilosoph aus, Cruyff gewann ein Jahr später die Champions League und in der Folgezeit noch drei Meisterschaften mit den Blaugrana. Doch es konnte ihn auch nicht vor dem Schicksal bewahren, am Ende frühzeitig aus dem Leben zu scheiden. Nach einer weiteren Herz-OP Ende der 90er nahm er 1996 seinen Hut in Barcelona. In einer katalanischen Anti-Raucher-Werbung schoss Cruyff eine Packung in den Himmel und meint dazu: „Ich war in meinem Leben von zwei Dingen abhängig: vom Rauchen und vom Fußball. Fußball hat mir alles gegeben, während Rauchen mir fast alles wieder genommen hat." Diese Worte klingen nach seinem Tod an Lungenkrebs im Jahr 2016 fast schon nach einer Prophezeiung.

Obwohl das Elsass in den 60ern allen Berichten nach ein relativ konservatives Fleckchen Erde war, gönnte sich der junge Arsène Wenger trotzdem die ein oder andere Kippe. Das wissen wir spätestens seit 2015, als der damalige Arsenal-Keeper Wojciech Szczesny für Rauchen in der Kabine mit einer Geldstrafe von 20.000 Pfund belegt wurde und Wenger das wie folgt kommentierte: „Ich wuchs in einem Pub auf, die Fenster konnte man vor lauter Rauch nicht sehen und in meiner Jugend habe ich massenweise Zigaretten verkauft. Ich wuchs zu einer Zeit auf, als man noch Militärdienst leisten musste. Am Ende des Monats wurden wir mit Zigaretten bezahlt. Das verführte uns zum Rauchen. Als kleiner Junge wuchs ich umringt von Rauchern auf und ich rauchte auch noch selbst, als ich Trainer wurde."

Auch Wenger assoziierte sein Rauchen mit Stress, obwohl es interessant ist, dass Rauchen für ihn ein Ausdruck von Konformität darstellte. Während Cruyffs Holland stark vom konservativen, protestantischen Establishment geprägt war, wo christliche Strenge, Enthaltsamkeit und traditionelle Werte im Vordergrund standen, scheint Wengers Kindheit im irdischen Elsass dem Rauchen gegenüber deutlich offener eingestellt gewesen zu sein. Und trotzdem hatte sein Laster auch etwas Rebellisches. Denn Wenger war ein Mann, der sich für Sportwissenschaft, Medizin und Physiologie interessierte, er hat also ganz genau gewusst, dass er sich mit seinem Verhalten schadet.

In gewisser Weise war Rauchen wohl auch charakteristisch für den mutigen und unbekümmerten Arsène Wenger früherer Tage. Wir reden schließlich über einen Mann, der vielen Schwierigkeiten zum Trotz mit Monaco sofort die Meisterschaft holte, danach nach Japan ging, um eine neue Kultur kennenzulernen, und schließlich nach Europa zurückkehrte, wo er Arsenal und die Premier League revolutionieren sollte. Wir reden von einem Mann, der es mit der englischen Saufkultur, Manchester United und dem mächtigen Alex Ferguson aufnahm und keinen Pfifferling darauf gab, dass er für die englischen Medien nur ein verfluchter Franzose war. Er hatte die abgehobene Sorglosigkeit, Gefahren und Risiken mit einem Hohnlächeln zu begegnen – also definitiv eine Eigenschaft, die auch Raucher verinnerlicht haben.

Lippi zieht an einer Zigarre, als er noch ein paar Falten weniger hatte // PA Images

Während Arsène mit dem Rauchen aufgehört haben soll, als er in England ankam, ist Marcello Lippi noch heute dafür bekannt, genüsslich eine Zigarre oder einen Zigarillo zu qualmen. Das ist schließlich auch verdammt italienisch – und Italien ist nun mal das Land, das mit Giuseppe Garibaldi von einem der stylischsten Raucher aller Zeiten gegründet wurde. Ebenfalls ein bekannter Raucher aus Italien ist Bayern-Coach Carlo Ancelotti. Der hat während seiner Zeit bei Real Madrid mehr als einmal in der Halbzeitpause gequarzt. Auch die Fußballer Vincenzo Iaquinta, Alessandro Nesta und Torwartlegende Gianluigi Buffon gönnen sich bekanntermaßen gerne mal einen tiefen Zug.

Doch auch hierzulande gibt es einige (Ex-)Profis und Trainer, die vom Glimmstängel nicht die Finger lassen können. Einer der bekanntesten deutschen Raucher in der Fußballszene war Mario Basler. Der meinte mal über den EM-Gewinn 1996, dass das Geheimrezept folgende Zutaten hatte: Alkohol, Sex und Zigaretten. Und das passt zu Basler: Der Edeltechniker war jemand, der sich nichts vorschrieben ließ und gerne mal aneckte, sehr zur Freude der Fans auf dem Betzenberg. Unvergessen ist noch heute die Szene, als sich Super-Mario vor einem Eckstoß einen Tiroler Hut aufsetzte. Auch bei Basler schreit es förmlich danach, sein Rauchen als rebellische Unangepasstheit auszulegen. Andere deutsche Kippen-Kicker waren – neben dem stimmlich unübertrefflichen Walter Frosch – Bernd Schneider und Stefan Effenberg. Auch Mesut Özil wurde schon rauchend gesehen (weil er angeblich eine Wette verloren hatte). Und natürlich auch der bekennende Genussraucher Jogi Löw, der sich bei der EM 2008 im Viertelfinale zwischen Deutschland und Portugal erstmal ein Kippchen angezündet hat.

Auch südamerikanischen Fußball-Stars scheint das Rauchen im Blut gelegen zu haben. Sócrates ist das wohl bekannteste Beispiel dafür. Der hatte ein sehr spezielles Verhältnis zum Tabak. Denn das Ausnahmetalent am Ball war außerdem noch studierter Mediziner – und hat also wider besseren Wissens zur Zigarette gegriffen. Als gebildeter Brasilianer, der in den frühen 70er-Jahren erwachsen wurde und sich für Philosophie interessierte, war er wahrscheinlich von der existentialistischen Schule geprägt. Deren Vertreter rauchten nur allzu gerne. Außerdem war Sócrates ein glühender Bewunderer von Che Guevara und Fidel Castro, so dass die ständige Rauchwolke um Sócrates herum vielleicht auch eine Hommage an seine intellektuellen Vorbilder war.

Vielleicht hatte das Rauchen auch für Maradona eine politische Bedeutungsebene. Denn der Argentinier trug Tattoos von eben jenen zwei Revolutionären auf seiner Haut. Doch während Sócrates täglich ein paar Dutzend Zigaretten rauchte, war Maradona bekannt dafür, auf einer großen Zigarre rumzukauen. Und während Sócrates ein Star der Gegenkultur wurde (so wie auch Cruyff), konnte man die Zigarre beim mit Panzerketten geschmückten, skandalumwitterten Maradona im Laufe der Jahre immer weniger als Ausdruck politischer Opposition interpretieren. Was durch seine Flirts mit dem Establishment noch untermauert wurde.

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Wenn Fußballer und Trainer rauchen, kann das also etwas hinsichtlich ihrer Identität, Kultur oder auch Selbstwahrnehmung aussagen. Es kann aber auch komplett bedeutungslos sein. Wenn sich Cruyff oder Sócrates eine Zigarette angezündet haben, war das für viele ein Zeichen von Auflehnung – nicht nur in ihrer Rolle als Sportler, sondern auch als Denker. Als sich Paul Gascoigne nach einem Tag unter der Mittelmeersonne einst zwei Zigaretten in die Nase schob, war es vielleicht ein triviales Auflehnen gegen soziale Normen und Konventionen. Aber auch das fühlt sich irgendwie nach Überinterpretation an. Andererseits, indem es Gascoigne geschafft hat, Zigaretten bedeutungslos zu machen, hat er unbewusst auch existenzielle Gleichgültigkeit bewiesen. Und das ist es wohl, worum es beim Rauchen in erster Linie geht.