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Football

US Palermo: Mehr Trainer gefeuert als Spiele gewonnen

Schuld daran hat ein allmächtiger Präsident, der seinen Trainer auch schon mal als „verrückt gewordenen Idioten” bezeichnet—im Radio.
24.3.16
EPA

Für Palermos bisherige Saison kann es nur ein beschreibendes Adjektiv geben: chaotisch. Und das ist noch milde ausgedrückt. Das Team aus Sizilien ist mittlerweile auf den 18. Rang und damit auf den Relegationsplatz abgerutscht. Das Torverhältnis von minus 23 ist das drittschlechteste der Liga, während man—mit durchschnittlich nicht mal einem Tor pro Spiel—auch vorne nicht gerade zu brillieren weiß. Doch in einer anderen Statistik kommen die Rosanero auf ein noch viel alarmierenderes Ergebnis: In dieser Saison hat man schon achtmal den Trainer gewechselt.

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Ja, das klingt eigentlich unmöglich, darum wollen wir das Ganze chronologisch aufarbeiten. Eigentlich ging die Saison für Palermo ziemlich geschmeidig los. Unter Giuseppe Iachini, Trainer seit 2013, holte man aus den ersten drei Spielen satte sieben Punkte. Das war's dann aber auch schon mit eitel Sonnenschein. Von den folgenden acht Spielen wurden sechs verloren. Vereinspräsident Maurizio Zamparini hatte die Faxen dicke und machte das nächste Spiel gegen das mittelmäßige Team Chievo Verona zum Schicksalsspiel für den Trainer. Trainer und Mannschaft lieferten ab und gewannen durch ein Kopfballtor in der 71. Minute mit 1:0. Der Trainersessel schien für mindestens eine weitere Woche sicher zu sein.

Falsch gedacht. Nur zwei Tage später, am 10. November, wurde Iachini entlassen und durch Davide Ballardini ersetzt. Denn, so Zamparini, „die Chemie stimmte nicht mehr." Das unglaubliche Trainerkarussell setzte sich in Gang.

Ballardini—der Palermo bereits in der Saison 2008/09 relativ erfolgreich trainiert hatte, aber trotzdem von Zamparini rausgeschmissen worden war—holte in seinem ersten Spiel ein 1:1 gegen Lazio Rom. Dann verlor die Mannschaft drei der nächsten vier Spiele. Der einzige Erfolg wollte nur gegen den Sensationsaufsteiger Frosinone Calcio glücken (4:1), die in der aktuellen Tabelle einen Platz hinter Palermo stehen. Trotzdem sah es so aus, als ob der Trainer auch noch nach Weihnachten auf der Bank Platz nehmen würde. Stimmte, aber nur knapp.

Die „Assis" kommen—Frosinones Durchmarsch in die Serie A

Nach einem Sieg gegen Verona am 10. Januar verkündete Palermos Kapitän, Stefano Sorrentino, dass sein Trainer Ballardini nicht mehr mit seinen Spielern sprechen würde und dass er die Ansprache vor, während und nach dem Match übernehmen musste. Am nächsten Tag stellte Zamparini Guillermo Barros Schelotto als neuen Trainer vor. Und wie ihr euch denken könnt, war das Ganze gar nicht mal so eine Erfolgsgeschichte.

Denn obwohl Schelotto schon in seiner Heimat Argentinien als Coach gearbeitet hatte, musste er erst noch eine europäische Trainerlizenz erwerben. Darum ernannte Palermo Fabio Vivani—einen Assistenten des geschassten Iachini—zum Interimscoach, bis Schelotto seinen Papierkram in Ordnung gebracht hätte.

Palermos starker Mann und Trainerverschleißer-in-Chief, Maurizio Zamparini. Foto: EPA.

Vivani durfte nach einer 0:4-Klatsche gegen Genua nur für ein Spiel bleiben und musste für einen weiteren Interimstrainer—Palermo-Jugendcoach Giovanni Bosi—das Feld räumen. Der schien das Ruder umreißen zu können, nachdem Udinese mit 4:1 abgefertigt wurde. Doch der Premierensieg wurde nicht belohnt, Bosi wurde wieder degradiert und von Giovanni Tedesco abgelöst. Der ist gebürtiger Palermer und hat früher selbst bei den Rosanero gespielt, weswegen er seine Berufung als „so schön, wie im Derby zu treffen" beschrieb.

Rund einen Monat, nachdem Schelotto als neuer Trainer (in Spe) vorgestellt worden war, wurde ihm schließlich von UEFA-Seite die Trainerlizenz verwehrt. Schelotto zog den Hut und Präsident Zamparini beschloss daraufhin, erneut auf Bosi (ja, wir kommen auch durcheinander: der Jugendtrainer) zu setzen, dieses Mal aber als Cheftrainer. Tedesco wurde sein Assistent. Dieses Arrangement sollte genau ein Spiel lang Bestand haben.

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Am Valentinstag verloren die Rosanero mit 1:3 gegen Turin, Bosi wurde zum zweiten Mal von der Trainerbank gejagt und—das ist jetzt kein Witz—von keinem Geringeren als Giuseppe Iachini ersetzt. Zur Erinnerung: Mit Iachini war man in die Saison gestartet, bis die große Rochade begann.

Doch auch seine zweite Amtszeit in der laufenden Saison verlief alles andere als ideal. Gegen den AS Rom ging man sang- und klanglos mit 0:5 unter, bevor es gegen Bologna auch nur zu einem torlosen Unentschieden reichte. Am 6. März verlor man dann gegen Inter mit 1:3. Zwei Tage später meinte il presidente über sein Team, es würde mit einer „Losereinstellung" auftreten. Außerdem solle Coach Iachini bitte seine Taktik ändern. Noch am selben Tag trafen sich die beiden, Iachini bat um seine Entlassung. Das lag übrigens auch daran, dass bereits Gerüchte um einen Nachfolger die Runde machten.

Am selben Abend trat Zamparini in einer Radioshow auf und nannte seinen Coach einen „verrückt gewordenen Idioten". Am nächsten Morgen fehlte der Idiot beim Training und trat kurze Zeit später zurück. Innerhalb weniger Stunden meldete sich Walter Novellino—der zuvor bereits den SSC Neapel, Sampdoria Genua und ein Dutzend anderer Vereine gecoacht hatte—in einer Radioshow zu Wort und meinte, dass er sich den Trainerjob in Palermo gut vorstellen könne. Daraufhin wurde er sofort eingestellt. Das war am 10. März. Zur aktuellen Stunde ist er (überraschenderweise) noch immer Trainer bei den Süditalienern.

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Wenn du jetzt fleißig mitgezählt hat, waren das ingesamt acht Trainerwechsel. Da in der Serie A noch zwei Monate zu spielen sind, erscheint eine zweistellige Zahl bis zum Saisonende alles andere als aus der Luft gegriffen. Auch wegen der folgenden Zahl: In seinen rund 13 Jahren als Palermos Präsident gab es über 30 Trainerwechsel.

Walter Novellino bekam den Job, nachdem er im Radio sein Interesse verkündet hatte. Foto: EPA

Und wie lässt sich dieser Irrsinn nun erklären? Laut Mark Doidge—Soziologe von der University at Brighton und Autor eines Buches über italienische Fußballkultur—sei Unbeständigkeit auf dem Trainersessel in Italien absolut keine Seltenheit. Palermo mitsamt seinem Präsidenten Zamparini diene einfach nur als ein extremes Beispiel. „Das eigentliche Versagen liegt im Eigentumsmodell des italienischen Fußballs", erklärt Doidge. Denn in Italien gehören die meisten Vereine wohlhabenden, politisch vernetzten Patronen mit Morbus Control Freak. „Es ist immer ein Mann und er hat die komplette Kontrolle über den Verein."

Ein solcher Patron ist Silvio Berlusconi, der frühere italienische Premierminister. Ihm gehört seit 1986 der AC Mailand. Trotz seines bewegten Lebenswandels—Stichwort: Bunga-Bunga und Rubygate—hat er Milan in all den Jahren mit relativer Stabilität geführt. Unter dem Patron gibt es dann immer noch einen Fußballdirektor, verantwortlich für das Wirtschaftliche und Spielertransfers, erklärt uns Doidge. Und darunter kommt dann der Trainer. Das Ganze sei durchaus hierarchisch zu verstehen, denn viel zu sagen—auch was die Kaderplanung betrifft—haben Trainer in Italien nicht. Darum ist er in der Regel auch der Sündenbock, den man leicht entlassen kann.

Dieses Modell hat in Italien jahrzehntelange Tradition. Nehmen wir als weiteres Beispiel Juventus. Die alte Dame gehört seit 1923 ein und derselben Familie, die auch den FIAT-Konzern ihr Eigen nennt: die Agnellis. Zur gleichen Zeit haben die Fans in Italien fast gar nichts zu sagen. Vor allem wenn man die Situation mit Deutschland vergleicht. Hierzulande gilt die „50-plus-1-Regel", die verhindert, dass ein Investor die Stimmenmehrheit an sich reißt (auch wenn diese Regelung zunehmend aufgeweicht wird).

Novellinos erstes Spiel als Palermo-Trainer ging fast schon selbstverständlich verloren. Mit 0:1 mussten sich die Rosanero Titelanwärter Napoli geschlagen geben. Das Stadio Renzo Barbero war dabei erschreckend leer. Kein Wunder, findet Palermo-Anhängerin Martina Lo Cascio, schließlich hätten viele Fans den Glauben an ihren Präsidenten—und damit indirekt auch an den Verein—verloren. Während des Spiels schallte es aus der Ultrakurve wiederholt „Keine Würde, keine Würde!" in Richtung Zamparini.

Die Worte—und die letzten slapstickreifen Monate—scheinen gewirkt zu haben. „Ich habe noch zwei Monate im italienischen Fußball vor mir, dann höre ich auf", kündigte Zamparini italienischen Medienberichten zufolge am Montag an.

Vielleicht die beste Lösung für den US Palermo.