Popkultur

Die Wiener Linien verdienen möglicherweise einen Oscar

Ein Dosenwurf, ein Handgemenge, ein unerschrockener Held: Der spektakuläre Kurzfilm unseres städtischen Verkehrsbetriebs.
23 Oktober 2017, 1:00pm

Vorweg: Die Wiener Linien haben die Sache mit dem Internet eigentlich immer schon ganz gut verstanden. Vom eigens produzierten Video über den Busfahrer aus Berlin bis hin zu einem Social-Media-Management, das immer mal wieder viral geht: Die Verantwortlichen geben sich, im Vergleich zu anderen Unternehmen, sichtlich Mühe. Aber, liebe Fahrgäste, wow – mit ihrem neuen Sicherheitsvideo haben die Wiener Linien vielleicht endgültig ihren digitalen Zenit erreicht.

Der Halbminüter eröffnet mit einer Einstellung, wie man sie tagtäglich in Wiener Straßenbahnen miterlebt:

Unbesonnen und nichts Böses denkend (weil generell eher sparsam mit Gedanken) sehen wir einen Manspreader-Archetypen in seinem natürlichen Lebensraum. Er blickt gerade verträumt aus dem Fenster, als plötzlich ein gefährlicher Rabauke – einfach zu erkennen am charakteristischsten aller Rowdy-Outfits, dem Hoodie –, eine leergetrunkene Bierdose über die Sitzgarnitur, naja, wirft. Es ist mehr ein unmotiviertes Tätscheln als ein Werfen, ähnlich lieb- und kraftlos wie Donald Trumps Küchenrollen-Basketball-Fiasko in Puerto Rico.

"Bist du deppert? Du kannst ja die Dose nit wegschmeißen?", entgegnet der aus seinem Tagtraum aufgewachte Manspreader prompt. Er ist sichtlich erzürnt – woraufhin die Situation eskaliert. Es kommt zu einem hitzigen Gerangel. Ungefähr so, geschätzte Hetero-Gemeinde, fangen übrigens Schwulen-Pornos an.

Als Retter in der Not gibt sich schließlich ein bebrillter Herr im Polo-Shirt zu erkennen, der wirklich überhaupt keine Zeit für diesen Scheiß hat und demnach das einzig Richtige tut: Er betätigt ohne mit der Wimper zu zucken den Alarm und macht einen Abgang von nahezu majestätischer Anmut, wie wir ihn zuletzt im "Bittersweet Symphony"-Video von The Verve gesehen haben – was nebenbei bemerkt der ideale Soundtrack für diese spektakuläre Öffi-Episode wäre.

Unter Beobachtung eines geheimnisvollen Passanten in weiß, der für den Bruchteil einer Sekunde die vierte Wand durchbricht, indem er direkt durch die Kamera hindurch UNS ansieht, blickt unser Held verbissen ins Ungewisse – und entfernt sich unter betäubendem Sirenen-Geheule vom Schauplatz des Gefechts. Sein Ziel? Ungewiss. Sein Gewissen? Rein. Seine Botschaft? Im Zweifelsfall ist es ein Notfall. Der Oscar für den besten Öffi-Kurzfilm geht an die Wiener Linien.

Franz auf Twitter: @FranzLicht

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