Diese Aktivisten wollen skrupellosen Vermietern den Schlaf rauben

Die Wohnungsbesitzer haben ihre Mieter mit unangenehmen Tricks auf die Straße gesetzt. Jetzt kommt die Rache per Anruf-Bot.

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Nov. 27 2017, 10:31am

Fotos: Lars Bösch

Stell dir vor, dein Telefon klingelt mitten in der Nacht. Du nimmst den Hörer ab und hörst die Stimme einer fremden Person. Sie sagt: "Sie haben das Haus verwahrlosen lassen, uns Mieter terrorisiert mit Anrufen zur Unzeit, mit Spontanbesuchen, haltlosen Drohungen und Wohnungsverwüstungen."

So geht es seit letzter Nacht einer Handvoll Immobilienbesitzern in mehreren deutschen Großstädten. Eine Gruppe von Polit-Aktivisten will sie eine Woche lang "terrorisieren". Was die Hausbesitzer gemeinsam haben: Sie alle sollen ihre Mieter mit skrupellosen und nervenaufreibenden Tricks auf die Straße gesetzt haben.


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Statt ihren Aufgaben als Vermieter nachzukommen, sollen sie ihre Häuser aus Profitinteressen "entmietet" haben. Die Aktionskünstler vom Berliner Peng!-Kollektiv wollen jetzt die "Rückkehr der Entmieteten" organisieren. Ein dafür programmierter Bot ruft die Hausbesitzer zu allen Tages- und Nachtzeiten immer wieder an und spielt ihnen die Klagen ihrer ehemaligen Mieter vom Band vor. Diese Statements kann nun jeder auf der Kampagnenseite "Haunted Landlord" anhören. Die Website ist im Gruselfilm-Stil gehalten. Ein Gespenst schwebt auf und ab, darunter stehen politische Forderungen.

"Haunted Landlord – Die Rückkehr der Entmieteten"

Ronny Sommer ist einer der Peng!-Aktivisten und hat so eine "Entmietung" in Berlin am eigenen Leib erlebt. Das Haus, in dem er gewohnt hat, wurde vor mehreren Jahren zwangsversteigert. "Der Typ, der das gekauft hat, hat extrem viel Geld dafür bezahlt", sagt Ronny Sommer. "Das war das Doppelte vom geschätzten Marktwert. Da haben wir uns schon gewundert." Nach der Versteigerung habe der Ärger schnell angefangen. Zuerst flatterten Mieterhöhungen ins Haus. Ronny und seine Nachbarn legten Einspruch dagegen ein. Es folgte ein ständiger Briefwechsel. "Die Hausverwaltung hat Briefe an uns zum Teil direkt in unsere Briefkästen eingeworfen und sie eine Woche rückdatiert. Dadurch konnte man die Fristen fast gar nicht einhalten", erzählt Ronny. Vor jedem Antwortschreiben habe er erstmal zum Anwalt gehen müssen, um keinen juristischen Fehler zu machen. Er war gerade erst Vater geworden. "Meine Tochter war in den ersten sechs Monaten ihres Lebens vier Mal beim Anwalt", sagt der 32-Jährige.

Den Gemeinschaftsgarten des Hauses im Hinterhof habe der neue Besitzer direkt platt gemacht. Eine WG habe außerdem zehn Monate warten müssen, bevor eine kaputte Badewanne ersetzt wurde: "Die mussten fast ein Jahr lang bei Nachbarn duschen." Außerdem sei ein Hauswart eingezogen, der die Mieter ausspioniert habe. Dass der Hausbesitzer eine Überwachungskamera im Hausflur installiert, konnten sie durch eine gerichtliche Verfügung verhindern. Einer WG sei gekündigt worden, weil der Hausbesitzer die Wohnung angeblich für seine Eltern brauchte. Kurze Zeit später habe die Wohnung jedoch zum doppelten Mietpreis bei Immobilienscout gestanden. Ronny spricht von "Psychomethoden". Letztendlich seien fast alle alten Mieter ausgezogen. "Wir hätten noch weiter kämpfen können, aber wir hatten einfach nicht mehr die Kraft dazu."

Traumatisierte Mieter

Auf der Kampagnenseite "Haunted Landlord" stellen die Peng!-Aktivisten sechs Häuser in Berlin, Frankfurt und Leipzig vor, deren Mietern Ähnliches passiert ist. Ehemalige Mieter eines Hauses in Frankfurt berichten in den Audio-Statements, wie sie schikaniert wurden. Ein Mieter sei sogar auf seiner Arbeitsstelle von der Hausverwaltung besucht worden. Ein anderer habe durch den Stress der "Entmietung" seinen Job verloren. Die Mieter des Hauses hatten im Sommer bereits zu einer Demo gegen die "Entmietung" aufgerufen. Etwa hundert Menschen gingen vor der Privatwohnung des Vermieter-Ehepaars auf die Straße.

"Eigentlich wollten wir noch mehr als die sechs Häuser mit reinnehmen", sagt Ronny. "Viele der Entmieteten, mit denen wir gesprochen haben, haben sich aber nicht getraut, in die Öffentlichkeit zu gehen." Einige seien regelrecht traumatisiert und wollten sich überhaupt nicht daran zurückerinnern. Um sie vor rechtlichen Schritten der "Entmieter" zu schützen, bleiben sie anonym. Ihre Statements wurden im Tonstudio von Schauspielern nachgesprochen. Auch Ronny heißt eigentlich anders. "Ich möchte diesen cholerischen Hausbesitzer in meinem Fall nämlich auch nicht unbedingt nochmal vor Gericht wieder treffen", erklärt er.

Berliner Mieterverein sieht die Aktion kritisch

"Wir vertreten in Berlin 160.000 Mieter und haben öfter mit Fällen von gezielter Entmietung zu tun", sagt Sebastian Bartels, Stellvertretender Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, gegenüber VICE. Gerade Modernisierungen seien ein "Brandbeschleuniger" für Entmietungen. "Aktuell vertreten wir einen Fall in der Lützowstraße. Vor einem Jahr war das sozialer Wohnungsbau, dann wurde es Privatbesitz und schon begann das Ganze. Die Immobilienfirma unterbreitete den Mietern vor einer geplanten Modernisierung Abfindungsangebote, ohne eine genaue Höhe zu nennen. Dann wurde im Haus nicht mehr geputzt und es verwahrloste. Nach den Modernisierungsarbeiten soll sich die Miete fast verdoppeln", sagt Bartels.

Auch beim Thema Eigenbedarf gebe es Vermieter, die Begründungen erfinden, um Mieter aus der Wohnung zu kriegen. "In einem aktuellen Fall wollte ein Vermieter seine Eltern, die nicht mehr ganz fit waren, in der Ein-Zimmer-Studentenbude eines unserer Mitglieder unterbringen. Sie hätten es dann näher zu den Museen, die Innenstadt tue ihnen gut", sagt Bartels. Der Richter habe nur den Kopf geschüttelt und dem Mieter recht gegeben.

Die Aktion des Peng!-Kollektivs sieht Bartels trotzdem kritisch. "Unsere Arbeit auf politischer und rechtlicher Ebene schließt Kunstaktionen nicht grundsätzlich aus. Aber wenn es in den Bereich der Nötigung fällt, bin ich skeptisch. Das Problem ist, dass wir oft nur vermuten können, dass ein Vermieter Leute gezielt vor die Türe setzen will. Es gibt Indizien, aber keine Beweise", sagt Bartels. Aufgrund dessen Vermieter – und deren Familienangehörige – in ihrer Nachtruhe zu stören, halte er für problematisch.

Skrupellose Vermieter

Dem Peng!-Kollektiv geht es mit ihrer Anruf-Aktion nicht nur darum, verhassten Vermietern eine Lektion zu erteilen, sagt Ronny. Sie wollen auf das Problem aufmerksam machen, das auch Bartels täglich beschäftigt. "Solche Entmietungen finden in vielen Städten statt. Vor allem in Vierteln, die lange vernachlässigt wurden und plötzlich attraktiv werden, wo jetzt viele Menschen hinziehen. Da gibt es oft eine große Lücke zwischen der aktuellen Miete und der Miete, die bei einer Neuvermietung möglich ist", sagt Ronny.

Der Künstler sieht dabei vor allem Fehler im System, die es Hausbesitzern ermöglichen, ihre Mieter auf die Straße zu setzen. "Trotzdem braucht es dazu aber immer auch skrupellose Vermieter, die das durchziehen", sagt er. "Die Vermieter, die von uns angerufen werden, scheuen wirklich vor keinen Maßnahmen zurück." Ronny spricht davon, dass Mietern Strom und Wasser abgestellt wurden, von Überwachung und Drohungen. "Leute, die solchen Psychoterror betreiben, sollten auch selber mal damit konfrontiert werden", findet er.

Manchen "Entmieteten" verschafft dieser Telefonterror, der ihren ehemaligen Vermietern den Schlaf raubt, sicher Genugtuung. Aber ist die Racheaktion gerechtfertigt? Das Peng!-Kollektiv verweist auf die kurze Dauer der Kampagne. Nach einer Woche werde der Anruf-Bot wieder abgeschaltet. Im Vergleich zum Vorgehen der einzelnen Vermieter finden die Aktivisten ihre Aktion "ziemlich harmlos".

Es gehe dabei auch nicht darum, jemanden öffentlich an den Pranger zu stellen. "Wir nennen bewusst keine Namen. Aber wir wollen den Betroffenen die Möglichkeit geben, der Öffentlichkeit zu erzählen, was ihnen passiert ist", so Ronny Sommer. Dennoch: Ob die Aktion aus rechtlicher Sicht in Ordnung ist, werden im Zweifelsfall wohl Gerichte entscheiden.

"Wir brauchen eine Mietpreisbremse ohne Schlupflöcher"

Das Peng!-Kollektiv ist besonders für kurze virale Aktionen bekannt. Die Kampagnenseite "Haunted Landlord" soll aber länger als nur die eine Woche bestehen bleiben. Die Aktivisten rufen dort Betroffene von "Entmietungen" auf, sich bei ihnen zu melden. Deren Statements wollen sie dann ebenfalls sammeln, vertonen und die Website um weitere Häuser ergänzen.

"Vor allem aber wollen wir auf die Arbeit von langfristig arbeitenden Bündnissen wie ‘Mietenwahnsinn verhindern’ hinweisen und uns für politische Veränderungen stark machen", erklärt Ronny Sommer. "Wir fordern höhere Steuern für den Verkauf von Grundboden und eine Mietpreisbremse, die ohne Schlupflöcher ist und von den Behörden auch geprüft wird", sagt er. Die bisherige Mietpreisbremse soll verhindern, dass Wohnungen bei Neuvermietungen auf einmal deutlich teurer werden. Dabei gibt es jedoch eine ganze Reihe an Ausnahmen und Schlupflöchern. Kritiker aus verschiedenen politischen Lagern sind sich deshalb einig, dass sie in ihrer jetzigen Form kaum etwas bewirkt.

Dass die Peng!-Aktion daran so schnell etwas ändert, ist allerdings eher unwahrscheinlich. Denn das wird in erster Linie vom Ausgang der Koalitions-Sondierungen und -Verhandlungen abhängen. Die CDU ist eher gegen eine Weiterführung der Mietpreisbremse. Die FDP hätte sie sofort abschaffen wollen. Wie es in der Bundespolitik in den kommenden Jahren um Mieterrechte bestellt sein wird, ist noch völlig unklar.

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