In dieser Wrestling-Schule liegen Erfolg und Scheitern ganz nah beieinander

Zwischen Kunstblut, Schweiß und Tränen haben wir im New Yorker "House of Glory" junge Menschen getroffen, die im Sport einen Ausweg aus ihrem schwierigen Leben suchen.

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12 Januar 2019, 4:45am

Alle Fotos: José Alvarado, Jr.

Warum Wrestling? Warum schafft es gerade dieser Sport, das Publikum so zu begeistern? Blutrünstigkeit? Wohl kaum, das Getue und die Schmerzen im Ring sind ja nicht echt. Im Grunde könnte man dafür auch ins Theater gehen, nur dass beim Wrestling die Dramen, die Rachepläne und die Eifersuchtsszenarien eben mit Schlägen, Tritten und Würfen ausgehandelt werden.

Während Wrestling für das Publikum eine unterhaltsame Ablenkung darstellt, ist es für die Sportler und Sportlerinnen so viel mehr. Sie wachsen darin über sich selbst hinaus. Der Wrestler Matthew Travis, zum Beispiel, der in der "House of Glory"-Wrestling-Schule im New Yorker Stadtteil Queens trainiert und an Turnieren teilnimmt. Am Morgen vor einem Match sitzt Travis, 24, auf der Couch in seiner beengten Wohnung und lässt sich von seiner Mutter die hüftlangen Haare flechten.

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Travis' Mutter macht ihrem Sohn am Morgen vor einem Match die Frisur

"Wrestling ist für mich wie ein rettender Anker", sagt Travis. "Jeden Abend erfahre ich, dass wieder jemand erschossen wurde. Was, wenn es mich als nächstes erwischt? Beim Wrestling habe ich hingegen das Gefühl, es bis ganz nach oben schaffen zu können."

Zwölf Stunden später steigt Travis auf das oberste Seil der Ringecke, während ihn 2.000 Menschen anstarren. Nur mit einem Spandex-Slip und kniehohen Stiefeln bekleidet, thront der Wrestler über seinem Gegner. Schweiß tropft an seinen Zöpfen herunter. Um ihn herum jubeln die Zuschauer und Zuschauerinnen. Sie wissen, dass sie da gerade einem kommenden Star zuschauen.


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House of Glory ist eines der vielen unabhängigen Wrestling-Unternehmen in New York. Mit kleinem Budget werden dort Shows auf die Beine gestellt, bei denen sowohl Talente aus der eigenen Schmiede als auch alteingesessene Wrestling-Profis am Ende ihrer Karriere antreten. Was House of Glory aber so besonders macht: Dort verbindet man die Shows mit einer hauseigenen Wrestling-Schule, in der die Schüler und Schülerinnen die richtigen Techniken lernen und bei guten Leistungen direkt für die Matches rekrutiert werden. So ermöglicht das Unternehmen Travis und anderen jungen Leuten eine Art Doppelleben. Fast jeden Nachmittag kommen sie aus der gesamten Stadt im kleinen Sportbereich von House of Glory zusammen. Sie wollen sich dort in einem Handwerk üben, das zu gleichen Teilen aus Athletik und Schauspiel besteht. Ihren Alltag können sie dabei hinter sich lassen.

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Matthew Travis und andere Wrestling-Schüler bleiben oft bis lange nach Trainingsende im Studio, um weiter zu trainieren oder alte Wrestling-Matches zu studieren

Gegründet wurde House of Glory von den beiden ehemaligen Wrestlern Jonathan "Amazing Red" Figueroa und Brian XL. Beide sind in Brooklyn aufgewachsen und haben schon als Teenager an absurden Orten wie leerstehenden Kirchen gekämpft. Während Brian XL nie den großen Durchbruch geschafft hat, war Figueroa jahrelang in der Wrestling-Liga TNA Impact aktiv, die nach der WWE eine Zeit lang die zweitgrößte der USA war.

Als ihm nach einer Beinverletzung das Karriereende drohte, kam Figueroa wieder mit Brian XL ins Gespräch. Der hatte vorher schon lange darüber nachgedacht, jungen Menschen aus seinem Umfeld zu ermöglichen, Wrestling von Profis zu lernen. Inzwischen gibt es die Schule fast zehn Jahre. Sie hat sich zu einer beliebten Anlaufstelle für junge Wrestling-Fanatiker und -Fanatikerinnen entwickelt. Schon am Eingang strömt einem der Geruch von Latex und Schweiß in die Nase.

Wenn die Schüler und Schülerinnen ein bestimmtes Level erreicht haben, dürfen sie bei den von House of Glory veranstalteten Shows antreten und sich damit in eine Besetzung von unterschiedlichen Charakteren wie "Bully Ray" oder "The Great Muta" einreihen. Auf diese Momente im Rampenlicht hinzuarbeiten, wird oft zum Dreh- und Angelpunkt im Leben der jungen Wrestler und Wrestlerinnen. Während der acht Minuten im Ring können sie endlich die Menschen sein, die sie wirklich sein wollen – indem sie in eine Rolle schlüpfen. Nach den Shows schreiben sie Autogramme, verkaufen Merchandise und nehmen für die Tausenden Fans bei YouTube unterhaltsame Videos auf.

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Jonathan "Amazing Red" Figueroa, ein ehemaliger Profi-Wrestler und Mitbegründer von House of Glory

Die Aussicht auf die große Bühne sorgt dafür, dass viele junge Menschen immer wieder zu House of Glory kommen – auch wenn sie sich eigentlich um andere Dinge kümmern müssten. Andere aufstrebende House-of-Glory-Wrestler wie Evander James haben es da bedeutend einfacher: Mit Anfang 20 wohnt der junge Mann noch bei seiner Mutter, kann an Match-Tagen schön ausschlafen, sich bei seinem Nebenjob krankmelden, den Reis und die Bohnen für seine vier Mahlzeiten vorbereiten und im Fitnessstudio um die Ecke trainieren gehen.

Manuel ist schon länger bei House of Glory tätig und ist dort vor allem unter seinem Alias "Mantequilla" (Spanisch für "Butter") bekannt. Zu seinem Ringoutfit zählen ein Umhang und eine Luchador-Maske, er liebt Rückwärtssaltos vom obersten Ringseil. Seine Fans bewerfen ihn beim Gang zum Ring mit Luftschlangen. Zwar hat Manuel in den unabhängigen Wrestling-Kreisen schon diverse Erfolge gefeiert. Aber er ist auch schon 25 Jahre alt. Er hat einen Job und sein anstrengendes Leben wird zu einer immer größeren Belastung. So muss er nach einer langen Arbeitswoche am Wochenende oft weit reisen, um an Wrestling-Shows in anderen US-Bundesstaaten teilzunehmen.

"Die Zuschauer wollen eine Geschichte erzählt bekommen. Sie wollen bei etwas mitfiebern, das ihnen etwas bedeutet."

Sonya Strong gehört zu den führenden Wrestlerinnen von House of Glory. Sie ist erst seit fünf Jahren in dem Sport aktiv. Schon als Kind hat sie begeistert WWE-Matches im Fernsehen geschaut. Eine eigene Karriere konnte sie sich nie vorstellen, bis sie eines Nachts davon träumte, als Wrestlerin unter tosendem Jubel in den Ring zu steigen. Heute lebt sie im New Yorker Stadtteil Bronx, wo sie auch aufwuchs, und zieht alleine ihre fünfjährige Tochter groß. Tagsüber arbeitet sie im Einzelhandel, aber niemand aus ihrer Kollegschaft weiß, dass Strong wrestlet.

Was das Tagesgeschäft bei House of Glory noch komplizierter macht: Die Schüler und Schülerinnen arbeiten sich nicht nur auf Grundlage ihres Wrestling-Talents nach oben, sondern auch basierend darauf, wie ihre Charaktere gerade in die fortlaufenden Erzählstränge bei den Shows passen. Brian XL, der eine Gründer von House of Glory, legt das Programm und die Storys für jede Veranstaltung fest. Er ist es, der dabei die Gewinner der Matches auswählt – auch basierend darauf, wer bei den Zuschauern am beliebtesten ist.

"Eigentlich ist das Ganze wie eine Telenovela", sagt er. "Die Zuschauer wollen eine Geschichte erzählt bekommen. Sie wollen bei etwas mitfiebern, das ihnen etwas bedeutet."

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Das Publikum schaut gebannt dabei zu, wie die Wrestler der Duos "Latin American Xchange" und "Hollywood's Top Models" von den Ringecken auf ihre Gegner springen

Wenn Brian XL in den Shows keinen Platz für bestimmte Wrestler oder Wrestlerinnen findet, ist deren tagelanges, schweißtreibendes Training umsonst. Für viele Schüler stehen die Anstrengungen im Fitnessstudio deswegen oft in keinem Verhältnis zu ihrer tatsächlichen Zeit im Ring. "Eigentlich sollte ich heute Abend wrestlen" ist ein Satz, der backstage immer wieder zu hören ist. Die Frage, die dann im Raum hängt: Wann sollte man aufgeben, die Spandex-Shorts wegwerfen und sich wieder ganz dem Leben außerhalb von House of Glory widmen?

Die Freude, die die wenigen Minuten im Rampenlicht bringen, macht aber süchtig. Sie kann gar Leben verändern. Aufgrund der unbarmherzigen Realität – fast niemand von House of Glory wird es bis nach ganz oben schaffen – müssen selbst talentierte Wrestler wie Travis, der sich von seiner Mutter die Zöpfe flechten lässt, einsehen, wie klein ihre Chance eigentlich ist. Dennoch wird diese Chance für immer da sein, genauso wie Wrestling selbst – zumindest solange sich alle Involvierten und Zuschauer auf die Illusion einlassen und sich ganz den adrenalingetriebenen Momenten im Ring hingeben.

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