Ich war 9 Jahre später noch einmal bei Hollister und bin endlich erwachsen geworden

Eine dunkle Holzhütte, zu laute Musik, überteuerte Klamotten. Warum wollte ich damals unbedingt ein Hollistergirl sein?

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Dez. 6 2018, 1:46pm

Alle Fotos: Viktoria Grünwald

Mein Teenager-Ich war komisch. Es hatte anstrengende Stimmungsschwankungen, Sechsen in Mathe und jede Woche neuen Liebeskummer. Und, es hatte diese eine unerklärliche Obsession: Kleidung von Hollister.

Wahrscheinlich weiß jeder, der zwischen 2009 und 2014 ein Teenager war, was ich meine. Die Modekette Hollister, die vor neun Jahren nach Deutschland kam und fünf Jahre lang einen absurden Hype ausgelöst hat. Sie hat uns dazu gebracht, gnadenlos jeden Euro unseres mühsam gesparten Taschengeldes in "Kleidung im Surferlook" zu investieren, quer durch Deutschland zum nächsten, seltenen Hollisterladen zu fahren, um zwei Stunden in der Schlange vor dem Store zu stehen. Ich war einer von euch und ganz vorne in der Schlange.

Wir ließen Polaroidbilder mit einem der oberkörperfreien Männermodels vor dem Eingang machen. Wir kamen raus mit zahlreichen Tüten, auf denen ein Surfertyp mit Sixpack abgebildet war. Wir kleideten uns von Kopf bis Fuß in Hollister. Wir sprühten uns täglich mit dem süßen Duft des Ladens ein. Wir waren unglaublich cool.


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Es ist kein wirkliches Wunder, dass Tausende Teenager damals dem Hollisterhype verfallen sind. Vorher gab es 'George, Gina and Lucy', Juicy Couture oder Buffalo. Dann war es Hollister. Das Konzept ist eigentlich sehr einfach: eine junge Zielgruppe, die man gut beeinflussen kann. Attraktive Verkäufer, die man gut anhimmeln kann. Ein fancy Laden, in dem man gut alles verkaufen kann, wenn man es hübsch präsentiert.

"Neun Jahre später und ich trage kein einziges Teil mehr von Hollister. Ich war seit fünf Jahren nicht mehr in einem ihrer Läden. Ich bin nicht die Einzige."

Ich erinnere mich an diese Hollister-Erlebnisse besser als an meine Abiturprüfung. Den Laden, eine geheimnisvolle Holzhütte, riecht man schon aus hundert Metern Entfernung. Davor eine Schlange aus uniformierten Teenagern und genervten Eltern. Wird man nach ewiger Wartezeit in den Store gelassen, kann man ein Polaroidbild mit einem der hübschen Models machen, als wären sie Prominente. Sie begrüßen einen lässig auf Englisch. Der Laden ist abgedunkelt, kaum Licht. Die Farbe der Klamotten erkennt man oft erst richtig, wenn man wieder draußen ist. Gute-Laune-Indie-Musik dröhnt durch Lautsprecher. Surfer-Boy-Bands singen vom Strand und dem Meer und der großen Liebe. Vor den Umkleiden wird man behandelt wie eine Prinzessin. Alles macht Spaß.

Neun Jahre später und ich trage kein einziges Teil mehr von Hollister. Ich war seit fünf Jahren nicht mehr in einem ihrer Läden. Ich bin nicht die Einzige. Wie bei jedem Markenhype folgt irgendwann der bittere Abstieg. Trotzdem bin ich neugierig, was aus dieser Community geworden ist, zu der ich so unbedingt gehören wollte und die meine Teenagerjahre so stark geprägt hat.

Hollister Tüten

Neun Jahre später und ich stehe wieder vor einem Hollister-Store. Wie gewohnt ist er in irgendeiner Mall, die gleiche Surferhütte mit der Hollistercouch vor der Tür. Aber irgendetwas fehlt. Keine nackten Models begrüßen mich – oder sonst irgendwen, weil niemand in einer Schlange steht. Erwartungsvoll schreite ich die Stufen hoch, fühle die Nostalgie. Dann der erste Schock: Es ist hell. So hell, dass es viel zu sehen gibt. Die Klamotten verwirren mich. Ich finde sie langweilig, auf den meisten haben sie sogar das Logo vergessen. Basic Shirts und Jeans.

Ich frage den Verkäufer, der mich übrigens nicht mit "Hey, what's up?!" begrüßt hat, wieso es so hell ist. Seit ein paar Jahren gebe es neue Lampen, sagt er. Es gibt jetzt auch XL statt L als größte Größe, zumindest im Onlineshop. Und, es gibt einen Onlineshop. Der Verkäufer, er heißt nicht mehr "Model" sondern "Sales Associate". Er zwinkert und sagt: "Du warst lange nicht mehr hier, oder?" Er hat mich enttarnt.

Betrübt laufe ich durch den Store, bis ich endlich die nostalgische Vertrautheit finde, nach der ich gesucht habe. Eine marineblaue Jogginghose mit dem Hollister-Schriftzug über dem kompletten Bein. Geil. Dazu ein passender marineblauer Pullover mit dem Möven-Logo. Ich sehe Tumblr-Bilder und Starbucks-Frappuccinos vor mir und klemme die zwei Teile unter meinen Arm.

Während ich an karierten Hemden und eintönigen Cardigans vorbeilaufe, frage ich mich, wie ich damals übersehen konnte, wie uninspiriert die ganzen Kollektionen waren. Und wie habe ich es geschafft, die ganzen Skandale von Hollister vollkommen auszublenden? Dass CEO Mike Jeffries gesagt hat, er will keine dicken Menschen in seinen Shops einkaufen sehen? Dass sein ganzes Konzept unglaublich diskriminierend war? Sexistisch? Rassistisch? Ich wollte so sehr ein Teil dieser coolen Surfer-Community sein.

Ich war damals eines dieser Mädchen, die es tatsächlich toll fanden, stundenlang vor den Umkleidekabinen in der Schlange zu stehen. Im Lärm, im Dunkeln. Dann zu warten, bis ein schönes "Model" meine Kleidungsstücke abnimmt, mich in eine Kabine eskortiert und mich darin einschließt. Ich habe mich selten so besonders gefühlt.

"Die Jogginghose und der Pullover sehen an mir aus wie damals. Nur ich sehe mit ihnen fremd aus."

Jetzt stehe ich seit zehn Minuten vor den kaum besetzten Umkleiden und warte auf meinen Prinzessinnenmoment. Hinter mir hat sich eine kleine Schlange gebildet. Irgendwann frage ich die "Sales Associate", ob sie mir eine Kabine aufschließen kann. Sie schaut mich verwirrt an. Ob ich schon länger nicht mehr hier war?

Hollister Klamotten und eine springende Frau

Die Jogginghose und der Pullover sehen an mir aus wie damals. Nur ich sehe mit ihnen fremd aus. Ich komme mir wahnsinnig bescheuert vor, mit diesen riesigen Logos an meinem Körper. Wie die Mutter von Regina George aus Mean Girls, die um jeden Preis wieder jung sein möchte. Meine Begleitung lacht laut auf, als ich in meinem Hollister-Look aus der Kabine trete.

Auch an der Kasse ist es leer. Ich kaufe die Sachen trotzdem, aus Nostalgie, oder mehr: aus dem Wunsch, Nostalgie zu spüren. Mein "Sales Associate" von eben fragt mich, ob ich in den "Club Cali" eintreten möchte. Ein verzweifelter Versuch von Hollister, noch einmal eine Community aufzubauen. Nein, danke. Man reicht mir eine Tüte, auf der natürlich kein Sixpack drauf ist. Die Zeiten sind vorbei. Und ich spüre: nichts.

"Der Glanz ist weg. Was auch immer mich und viele andere Teenager damals begeistert hat, es ist nicht mehr da."

Wer geht heute noch zu Hollister? So, wie es an diesem Tag aussieht: eher wenige. Die Besucher sind gemischt, jung und alt, aber irgendwie sehen sie alle verloren aus. Als hätten sie sich nur hierhin verlaufen, trotten sie durch den Laden. Nirgends streiten sich 13-Jährige um das letzte XS-Poloshirt. Ich suche vergeblich nach meinem Teenager-Ich. Jemand, der mit leuchtenden Augen durch den Store rennt und seine letzten Euro Taschengeld zusammenkratzt. Zeit zu gehen.

Ernüchtert sitze ich auf der Hollister-Couch vor dem Store, während sich der Mann neben mir eine Zigarette dreht. Damals hatte ich das Glück, großzügige und verständnisvolle Eltern zu haben, die mir jahrelang diese Jogginghosen und Pullover spendiert haben. Wahrscheinlich dachten sie, ihre Tochter würde es irgendwann von selbst einsehen. Es hat neun Jahre gedauert, aber die Erkenntnis ist definitiv da. Der Glanz ist weg. Was auch immer mich und viele andere Teenager damals begeistert hat, es ist nicht mehr da. Alles ist anders. So muss sich Erwachsenwerden anfühlen.

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