Rosa Rave sind Berliner Clubaktivisten
Raven für den Klimaschutz | Fotos: Henry Giggenbach
Politik

Klimakrise: Diese Clubaktivisten rufen zum Rave-Aufstand auf

"Unsere Räume zum Feiern sind durch Rechtsruck, Klimawandel und Gentrifizierung bedroht."
19 September 2019, 10:49am

Wir feiern gerne exzessiv, betreten dabei andere Sphären. Wenn wir im Club sind, werden wir zu Hedonisten, blenden nicht nur den anstehenden Kater aus, sondern auch Themen wie Klimawandel und Umweltschutz.

Doch der Club ist längst auch politischer Raum, sagen Rosa Rave vom Bündnis Reclaim Club Culture, das sich seit 2016 für die Politisierung der Berliner Clubkultur einsetzt. Und Clubgängerinnen und Clubgängern ist das Klima nicht egal. Das zeigen sogar Umfragen.

Wenn am Freitag Menschen weltweit für das Klima auf die Straße gehen, darf daher auch die Berliner Clubszene nicht fehlen. Rosa Rave rufen zum Rave-Aufstand auf. VICE hat mit den "antifaschistischen Club-Kultur-AktivistInnen aus der Zukunft", wie sie sich selbst bezeichnen, über den vermeintlichen Gegensatz von Klimaschutz und Clubkultur diskutiert.

VICE: Wieso können wir den Klimawandel wegtanzen?
Rosa Rave: Weil uns keiner ignorieren kann. Wir haben den lautesten Bass.

Ihr ruft am Freitag zum Rave-Aufstand auf, wie soll das zum Klimaschutz beitragen?
Es gibt einige Beispiele aus der Vergangenheit, die gezeigt haben, dass gezielte Regelbrüche und kollektiver Ungehorsam – auch in Form von Raves und Raves sind hier Möglichkeitsräume – oft notwendig waren, um tatsächlich Gesetzesänderungen zu bewirken.


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Es ist noch immer notwendig, laut zu sein, um etwas zu bewegen. Und sich mit Bewegungen wie Fridays for Future zu solidarisieren, um gemeinsam so viel Druck aufzubauen, dass Menschen in Regierungsverantwortung gar nicht anders können, als jetzt endlich zu handeln.

Wie passen Umweltbewusstsein und ausgelassenes Feiern zusammen?
Wir verstehen uns als kritische Konsumenten und Konsumentinnen. Wir feiern viel, gern und verschwenderisch, dafür machen wir aber auch aus dem letzten Schrott noch was. Aber: Wir wollen nicht, dass der einzelne Strohhalm als Paradebeispiel für Verschwendung genommen wird. Beim Klimawandel geht es um die globale Ausbeutung, den Kapitalismus, der Lebensgrundlagen zerstört. Das können Einzelne nicht mehr abwenden.

Beim Feiern geht es außerdem darum, alle dabei zu haben. Da soll es keine Grenzen geben, die für eine bestimmte Gruppe von Menschen dicht gemacht werden, was ja Seehofer und die CSU ständig forcieren und nun gleichzeitig "trittbrettfahrend" in der Klimabewegung mitspielen wollen. Das ist scheinheilig. Uns geht es darum, diesen rassistischen Unsinn konsequent zurückzuweisen. In Clubs vergesellschaften sich Menschen zusammen, organisieren sich und reißen Mauern ein. Deswegen werden manche Clubs, in denen genau das passiert, auch selbst Zielscheibe von Rechten und Polizei.

"Leute, die in einen Club gehen, legen an der Tür nicht ihren Kopf mit ab."

Hat sich das Feiern verändert? Ist man heute nicht mehr so gedankenlos, blendet alles aus, wenn man den Club betritt?
Leute, die in einen Club gehen, geben ihren Kopf nicht an der Tür ab. Natürlich wollen wir mal exzessiv feiern. Aber das bedeutet nicht, dass wir so verblendet und verballert sind, dass wir nicht mehr checken, dass die Welt gerade zu Grunde geht. Dafür verantwortlich sind aber nicht die Menschen, die sich mal kurz dem hedonisitischen Ausnahmezustand hingeben wollen.

Rosa Rave diskutieren vor einem Berliner Späti

Die Leute sollen weiterhin abschalten und Spannungen im Club loswerden. Auch das muss passieren. Gleichzeitig sollten sich Leute über ihre privilegierte Position und die damit einhergehenden Möglichkeiten bewusst sein. Wir gehen nicht nur als Konsumenten und Konsumentinnen in den Club. Nein, das reicht nicht. Wir müssen aktiv werden. Denn auch unsere Räume zum Feiern sind durch Rechtsruck, Klimawandel und Gentrifizierung bedroht.

Spielt die Clubszene da eine besondere Rolle?
In Clubs kann es passieren, dass du wie in einer Zeitmaschine Lichtjahre in die Zukunft geschickt wirst, was Geschlechtergleichheit und Zugehörigkeiten angeht. Weil dort etwas akzeptiert und gelebt wird, was so draußen und im Alltag noch nicht gelebt wird. Weil sich Communitys wie die LGBTIQ-Community in diesen Schutzräumen frei bewegen können. Und wenn du dich in diese Schutzräume begibst, triffst du halt auf etwas, das du noch nicht kennst, mit dem du dich auseinandersetzen musst und woran du dann wachsen kannst.

Im Club müssen alle zusammenhalten. Und deswegen müssen sich Menschen aus der Clubkultur mit anderen zusammentun, die seit Jahrzehnten versuchen, etwas im Klimaschutz zu bewegen, aber einfach nicht gehört werden. Wir sind ein Bindeglied und können eine Brücke zwischen Menschen sein.

Welche anderen Möglichkeiten habt ihr, Leute zu bewegen, die sich sonst nicht Fridays for Future angeschlossen hätten?
Leute, die gerne in Clubs gehen, verbinden sich auch gerne mit anderen Menschen. Auch aus anderen Generationen. Das Fusion Festival ist da das beste Beispiel, weil dort über Jahrzehnte hinweg Menschen Verbindungsmomente hatten.

Fridays for Future ist eine sehr junge Bewegung, die auch ein Interesse hat zu feiern und weiß: Mit der Berliner Clubszene kann man eben auch reden und bekommt eine Rückmeldung, weil die teilweise eben dieselben politischen Anliegen mit sich tragen.

Was tun Clubs gerade schon, um ihren Energieverbrauch zu senken?
Das ist von Club zu Club unterschiedlich. Es gibt Clubs, die versuchen, Energieeinsparungspotentiale zu nutzen, zum Beispiel was Kühlschränke angeht. Es gibt Initiativen wie die Waste-Watchers, die sich bei Open Airs dafür einsetzen, dass nach den Partys die Flächen sauberer verlassen werden. Es gibt solarbetriebene Soundsysteme, auch für große Bühnen, die entwickelt werden.

Und es gibt viele Menschen, die motiviert sind, nachhaltiger zu denken. Aber: Das wird alles nicht ausreichen, individuelle Verhaltensänderungen können nicht das Problem für alle Menschen lösen. Es gilt, dass sich Menschen zusammenschließen und ihr Anliegen, den Klimawandel aufzuhalten, an alle Verantwortlichen gemeinsam zu adressieren.

Was sagt ihr den Leuten, die in eurem Rave-Aufstand nur betrunkene Jugendliche sehen, die einfach feiern wollen?
Dass sie zu uns in den Club kommen sollen. Dass wir sie einladen. Weil wir andere Lebensstile akzeptieren. Weil unsere Gesellschaft aus verschiedenen Lebensweisen besteht und das aushalten kann, aushalten muss. Wenn dabei aber klare Grenzen wie Rassismus oder Sexismus überschritten werden, dann werden wir das auch in unseren Räumen nicht dulden.

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