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Menschen

Wir haben mit der Frau gesprochen, die Tampons günstiger macht

Nanna-Josephine Roloff und ihre Mitstreiterinnen haben den erhöhten Steuersatz auf Perioden-Produkte gekippt.

von Marlene Halser
08 November 2019, 3:22pm

Foto: imago images | Westend61 ||Pixabay

 || Bearbeitung: Sabrina Schrödl 

Gute Nachrichten – vor allem für den monatlich blutenden Teil der Bevölkerung: Die Abgeordneten des Bundestags haben beschlossen, die Mehrwertsteuer auf Periodenartikel wie Tampons, Binden, Menstruationstassen und Panties zu senken.

Ab dem 1. Januar soll der ermäßigte Steuersatz von 7 Prozent gelten. Er ist für "wichtige Güter des täglichen Bedarfs" vorgesehen. Bislang gehörten Menstruationsprodukte nicht dazu und wurden mit 19 Prozent versteuert.

Zuvor hatten mehr als 190.000 Menschen eine entsprechende Online-Petition unterschrieben. Damit die Steuersenkung in Kraft tritt, muss der Bundesrat noch zustimmen. Tut er das, steht Periodenartikeln damit derselbe steuerliche Status zu wie Schnittblumen, Kaviar, Hundefutter, Münzsammlungen und Maultieren – und sie gelten damit endlich nicht mehr als Luxusgut.

Nanna-Josephine Roloff, 28, ist PR-Beraterin und engagiert sich in der SPD als Co-Vorsitzende eines Digitalen Districts in Hamburg. Zusammen mit Yasemin Kotra hat sie die erste Unterschriftenkampagne initiiert. Wir haben mit Nanna gesprochen.

VICE: Nanna, wie es aussieht, ist Bluten ab dem 1. Januar kein Luxus mehr. Ist das euer Erfolg?
Nanna-Josephine Roloff: Yasemin und ich haben das Thema im März 2018 mit unserer Petition nach Deutschland gebracht. Aber natürlich ist das vor allem ein Erfolg der vielen Menschen, die sich dafür eingesetzt haben.

Woher stammt die Idee?
In den USA gibt es zu dem Thema seit ein paar Jahren eine riesige Bewegung und ein Bundesstaat nach dem anderen kippt gerade diese Steuer, zuletzt Ohio. Dort tritt das entsprechende Gesetz in neunzig Tagen in Kraft. Auch in Großbritannien gab es vor ein paar Jahren eine große Kampagne. In anderen Ländern passiert auch unglaublich viel.


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Die Regelung, wie viel Mehrwertsteuer in Deutschland auf welches Produkt erhoben wird, stammt aus den 60er Jahren. Warum kommt die Gesetzesänderung erst jetzt?
In Australien hat der Kampf um die Abschaffung der Steuer 18 Jahre gedauert. Dass unsere Kampagne in zwei Jahren zum Erfolg geführt hat, ist eigentlich sehr schnell. Ich vermute, dass hier vorher nie großartig über das Thema diskutiert wurde. Das liegt auch an unserem Sozialstaat. Wenn du in Deutschland den Job verlierst, dann bekommst du finanzielle Unterstützung. In anderen Ländern bist du dann völlig auf dich gestellt. In Großbritannien kann sich deshalb jede zehnte Frau keine Menstruationsprodukte leisten und bleibt entsprechend zu Hause, wenn sie ihre Tage hat. Oder sie nutzt Socken oder alte Lappen. In England spricht man von "Period Poverty", also "Perioden-Armut".

In Deutschland war das Thema also nicht so dringend?
Doch! Es geht bei der Frage ja nicht nur ums Geld. Die wichtigere Frage ist: Wie gleichberechtigt ist eigentlich unsere Gesetzgebung? Und wie gleichberechtigt werden Entscheidungen über Gesetze getroffen?

Die Periode ist nichts, was man sich aussucht. Man bekommt sie, ob man will oder nicht. Wie kann man da auf die Idee kommen, dass Periodenprodukte nicht als "wichtige Güter des täglichen Bedarfs" gelten?
Das ist einfach eine Frage von Lobbyarbeit. In den 60ern, als das Gesetz entstand, ging es darum, die Wirtschaft anzukurbeln. Die Überlegung war: Umso weniger die Leute bezahlen, umso mehr kaufen sie. Das hat auch funktioniert. Von den Politikerinnen und Politiker von damals – ungefähr 30 von 400 Abgeordneten waren Frauen – wurden vorher bestimmte Gruppen angehört: Händler, Unternehmen, Bauern. Wie das eben heute auch noch ist: Wer die größte Lobby hat, bekommt die besten Gesetze. Frauen hatten damals eine noch kleinere Lobby als heute. Und wer keine Stimme hat, dem wir auch nicht zugehört und der bekommt auch keinen Platz im Gesetz.

Ihr wart bei eurer Kampagne nicht allein. Prominente Unterstützerinnen wie Charlotte Roche, Jan Böhmermann und Lena Meyer-Landrut stiegen in die Kampagne ein. Es gab #keinluxus und eine Petition mit gleichem Inhalt vom Berliner Start-up Einhorn. Ist es OK, dass private Unternehmen die Kampagne zu Werbezwecken pushen?
Sagen wir so: Die Werbekampagne hat auf jeden Fall funktioniert. Denn du sprichst von Periodenprodukten. Das ist ein Begriff, den Einhorn geprägt hat. Das Gute daran ist, dass er eine Alternative zu "Damenhygiene" bietet. Das sollte man auf keinen Fall sagen.

Warum?
Damenhygieneprodukte klingt so, als sei die Menstruation schmutzig. Aber der Intimbereich hat nichts mit Schmutz zu tun. Der ist natürlich. Wenn ich mich nicht wasche, dann ist das Dreck. Wenn ich blute, dann ist das Leben.

OK, aber zurück zur Frage: Ist es OK, wenn Firmen eine Kampagne kapern?
Wenn wir die Welt ändern wollen, dann müssen auch Unternehmen mitziehen. Natürlich machen sie das am Ende, um Gewinn zu machen. Das ist aber auch in Ordnung. Wir werden die Welt nur besser machen, wenn wir anfangen, mit guten Dingen Geld zu verdienen. Nicht so toll war, dass Einhorn komplett ihr eigenes Ding durchgezogen haben. Sie hätten uns auch pushen können mit ihrer Kampagne.

"Und was ändern wir als Nächstes?", fragt Charlotte Roche in einem Insta-Video, in dem der Erfolg der Initiative gefeiert wird. Also: Was kommt jetzt?
Wir wollen, dass alle öffentlichen Einrichtungen Menstruationsprodukte genauso zur Verfügung stellen wie Toilettenpapier. Ich renne ja auch nicht mit einer Toilettenpapierrolle rum, weil ich Angst haben muss, dass es das beim Amt nicht gibt. Die Menstruation ist einfach etwas, was mehr als 50 Prozent der Bevölkerung zu irgendeinem Zeitpunkt in ihrem Alltag erleben. Und es kann nicht sein, dass wir als Frauen selbstständig dafür zuständig sind, uns darum zu kümmern, dass wir diese Produkte immer bei uns haben. Die Periode ist nichts Privates. Und sie wird aber dadurch zu etwas Privatem gemacht.

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