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Menschen

Das Elend der Welt ist mir egal

Dass auf der anderen Seite der Welt Menschen sterben, macht mittlerweile nichts mehr mit mir.

von Johanna Senn
05 September 2019, 7:35am

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Dieser Tage fand in den USA die x-te Schießerei statt. Während Greta Thunberg in den USA für das Klima streikt und im Amazonas der Regenwald brennt, legt in Ostdeutschland die AfD zu. In der Zwischenzeit plant Boris Johnson in England den Brexit. Und was war da nochmal mit der Sea-Watch?

Die Welt da draußen geht also vor die Hunde und ich liege in meinem Bett, ziehe an meinem CBD-Joint und greife in die M&Ms-Tüte. Müsste ich jetzt nicht auch irgendeinen Kommentar zu all diesen himmelschreienden Tragödien abgeben? Meine 2 Cent dazu in die Bubble furzen.

Ich zerkaue eine Schokokugel und merke: Wenn ich ganz ehrlich bin mit mir selbst, dann lässt es mich kalt, dass auf der anderen Seite der Welt Menschen sterben. Das macht nichts mehr mit mir. Trotz dem Wissen, dass sich die Welt weiterhin aufheizt, werde ich heute gut schlafen können. Dabei ist es mir zuweilen nicht egal, ob gerade ganz viele Menschen ihr Leben lassen oder ob wir in fünfzig Jahren tatsächlich noch einen bewohnbaren Planeten haben werden. Lediglich da, wo ich in meinem Körper etwas fühlen sollte, weil es mich ehrlich berührt, passiert nichts.

Weiße privilegierte Kackscheiße oder? Schließlich habe ich es ja verdammt gemütlich in meiner Altbauwohnung in Zürich.

Das erste Mal, dass mich ein Ereignis, das Tausende Kilometer weit weg passierte, wirklich betroffen machte, war am 11. September 2001. Ich war mit meiner Mutter einkaufen, als über die Lautsprecher des Einkaufszentrums eine Schweigeminute für die Opfer ausgerufen wurde und der Alltag für sechzig Sekunden stillstand. Ich weiß noch, wie ich nach der Hand meiner Mama griff und mich wirklich traurig fühlte für all die Menschen, die gestorben waren. Es war lange bevor jeder von uns ständig so informiert war wie heute. Jetzt habe ich das Leid der Welt immer in der Hosentasche und mein Mitleid hat sich erschöpft.

Weiße, privilegierte Kackscheiße, oder? Schließlich habe ich es ja verdammt gemütlich in meiner Altbauwohnung in Zürich. Niemand bedroht mein Leib, Leben oder meine Freiheit. Bis auf die Tatsache, dass ich eine Frau bin, gehöre ich zu keiner marginalisierten Gruppe. Genau darum kann ich es mir leisten, mich nicht zu kümmern. Privilegien und Ignoranz in Action.

Aber ganz ehrlich: Würde es auch nur irgendwas ändern, wenn ich Mitleid und Betroffenheit in ein Story-Update packen würde, um es meinen paar hundert Followern in ihre Story zu schwämmen? Fuck, nein. Das bringt weder die abgefackelten Bäume noch die Toten zurück. Das einzige, was es macht: Wir versichern uns in unserer linken Bubble mit dieser Bekenntniskultur immer wieder, dass wir zu den Guten gehören.

Obwohl die meisten von uns Weiße, privilegierte Menschen sind, die ein verdammt sicheres Leben führen, können wir so ein Mindestmaß an vermeintlichem Aktivismus an den Tag legen.

Dann müssen wir uns doch auch fragen: Für wen machen wir das eigentlich?

Denn wir folgen auf Social Media selten denen, die unsere Werte nicht teilen. Der Algorithmus wirkt unterstützend mit, wenn es darum geht, an wen unser privater Content ausgespielt wird.

Wir signalisieren damit unseren Mitmenschen, welche Haltung wir zu einem Thema haben. Obwohl die meisten von uns Weiße, privilegierte Menschen sind, die ein verdammt sicheres Leben führen, können wir so ein Mindestmaß an vermeintlichem Aktivismus an den Tag legen.

Es braucht keinen Mut, "Nazis raus" als Caption zu einem Post zu schreiben. Eine Farçe im Vergleich zum Kampf, den die Antifa von Montag bis Sonntag austrägt.

Würden wir gegenüber all den Themen, die unsere Betroffenheit verdient hätten, ehrliche Betroffenheit empfinden, dann würde sich nicht nur Greta Thunberg fürchten.

"Nachrichten entstammt etymologisch dem Wort 'Nachrichtung', also etwas, nach dem man sich zu richten hat", heißt es auf Wikipedia. Nachrichten deuten in eine Richtung, in die wir unsere Aufmerksamkeit lenken können.

Es ist aber unmöglich, allen schrecklichen Dingen, die auf der Welt passieren, gleich viel Wertschätzung zu geben. Man kann seine Aufmerksamkeit nicht in jede Himmelsrichtung versprühen. Und wenn man das versuchen möchte, kann man niemals alle Themen mit der Sensibilität behandeln, die sie verdient hätten.

Würden wir gegenüber all den Themen, die unsere Betroffenheit verdient hätten, ehrliche Betroffenheit empfinden, dann würde sich nicht nur Greta Thunberg fürchten.

Wenn eines der Opfer von Hurricane Dorian davon berichtet, wie er zuschauen musste, als seine Frau verstarb, dann ist das eine unglaubliche Tragödie. Aber meine Gedanken und Gebete auf Instagram helfen den Opfern herzlich wenig.

Das heißt nicht, dass das der Startschuss meiner allgemeinen Resignation der Welt und ihren Problemen gegenüber ist. Vielmehr ist es ein Bekenntnis dazu, dass meine ehrliche Betroffenheit nicht unbedingt zwischen Titel und Oberzeile liegt, sondern eher in Themen verankert ist, die mich in meinem Innersten tatsächlich berühren.

Wenn eine Freundin von mir an Depressionen leidet, will ich alles tun, was in meiner Macht steht, um ihr zu helfen. Wenn ich mit meiner Kleiderspende den Menschen im Flüchtlingsheim über den Winter helfen kann, ist es gar keine Frage, dass ich meine alten Klamotten nicht auf dem Flohmarkt verticke. Wenn ich mit meinem Kaufverhalten mitbestimmen kann, wie viel Leid mein Einkaufskorb auslöst, dann will ich so wenig wie möglich Verursacher sein. Und wenn es einmal wirklich jemandem helfen soll, wenn ich meiner Betroffenheit öffentlich Ausdruck verleihe, will ich es tun. Aber bis dann lass ich das politische Story-Update aus.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE CH.

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