Ein Liebesbrief an ...

Ein Liebesbrief von Dissy an die 'Fruity Loops'-Musiksoftware

"Ich war 15 Jahre alt, als man mir eine gebrannte CD mit 'Fruity Loops 3' überreichte. Ich liege bestimmt nicht falsch, wenn ich sage, dass sich auf der CD noch 'Counterstrike 1.6', ein Album von 50 Cent und diverse Videos befanden."

von Dissy
28 September 2018, 2:47pm

Foto: Dissy

Sagen wir, wie es ist: Im Internet überwiegt der Hass. Ein Blick in die Kommentarfelder von YouTube oder Facebook reicht da meist schon, um den Glauben an das Gute auf dieser Welt täglich aufs Neue zu verlieren. Das ist doch scheiße. Also konzentrieren wir uns lieber auf die schönen Seiten im Leben, die absolut wunderbaren Dinge, die unseren Alltag bereichern, uns zum Lächeln bringen. Dinge, die wir verdammt nochmal lieben.

Wer aufmerksam die Liebeserklärung Dissys an die Producer-Software Fruity Loops liest, wird bemerken: Der Typ hat sein düsteres Soundbild eigentlich schon mit 15 gefunden. Wofür andere viele Experimente und Fehlschläge brauchen, hat sich bei dem Rapper scheinbar ganz natürlich ergeben.

Mit Playlist 01 hat Dissy (ehemals Dissythekid) jetzt sein Debütalbum veröffentlicht. Elf Tracks, die vom Grau der Gesellschaft und Tiefschwarz des eigenen Kopfes erzählen, mal kalt elektronische Beats durch die Boxen ballern, mal wärmende Singer/Songwriter-Vibes versprühen, mal straight den Kopf zum Mitnicken nach unten drücken.

Mitproduziert hat das Ganze kein Geringerer als Fynn, Dissys tastendrückender Alter Ego. Als wir den Rapper fragten, ob er einen Liebesbrief an jemanden oder etwas seiner Wahl schreiben möchte, war es sicher Fynn, der sich aufgeregt nach vorne drängelte, um von Fruity Loops zu schwärmen. Schließlich haben die beiden der Software verdammt viel von dem zu verdanken, was zu Playlist 01 geführt hat.

Ich hörte zum ersten mal von Dir in einem schäbigen kleinen Videospielgeschäft. In der Hand hielt ich Music Maker Deluxe für die Playstation 2. Hip Hop Ejay machte keinen Spaß mehr. Der Verkäufer meinte, ich solle mir mal einen richtigen Sequenzer besorgen und erzählte von Dir. Ich schob dann lieber Bausteine mit dem Music Maker hin und her. Als ich etliche Versionen aus Songs von den Gorillaz, Sean Paul und den anderen in dem Programm gefeatureten Artists gebastelt hatte, war aber irgendwann die Luft raus. Ich brauchte etwas Härteres.

Ich war 15 Jahre alt, als mir ein Freund in einem Computerkurs eine gebrannte CD mit dem Programm Fruity Loops 3 überreichte. Ich liege bestimmt nicht falsch, wenn ich sage, dass sich auf der CD noch Counterstrike 1.6, ein Album von 50 Cent und diverse Videos befanden. Er selbst meinte, dass Fruity Loops viel zu kompliziert sei, aber ich solle mal mein Glück versuchen. Ab dann war ich abhängig.

Für mich war es Magie, dass ich mit Mausklicks Melodien basteln konnte. Bevor ich wusste, dass man auch externe Samples importieren kann, baute ich alles nur aus den im Programm vorhandenen Elementen. Inspiriert vom Ostberliner Techno und der klassischen Musik meiner Mutter bastelte ich elektronische und epische Instrumentals und legte irgendwelche im Programm enthaltenen Vocal-Samples drüber.

Ich arrangierte ein paar Songs, um sie zu verschenken und gestaltete ein Artwork dazu. Schon damals waren Sound und Bild sehr düster. Meine Mutter hörte sie nur einmal höflich an und ließ sie ab dann liegen. Nachvollziehbar, denn dadurch, dass es zum Beispiel nur einen Streicher-Sound gab, klang der Sound schon recht eintönig.

Auch meine Freunde waren von meinen ersten Songs eher irritiert als angetan. Durch den Einfluss von Kool Savas, Bushido und Aggro Berlin fingen jedoch immer mehr Leute in der Gegend an, Rap-Musik zu machen, also kamen immer mehr mitunter auch zwielichtige Menschen zu mir, um dilettantische Rap-Songs aufzunehmen.

Manchmal schien meine Mutter über den Umgang besorgt zu sein, den ich pflegte, aber das interessierte mich nicht. Denn durch Dich lernte ich viele neue Freunde kennen, in einer neuen Stadt. Durch Dich erlebte ich Dinge, die mich sehr geprägt haben und mein Leben in eine bestimmte Richtung bewegten.

Während andere ihre Freizeit mit Videospielen verbrachten, saß ich wie ein Freak im dunklen Zimmer und bastelte mit Dir herum. Die Kophörer so laut, dass es die Nachbarn hörten. Andere Musiker belächelten Dich nur, weil Dein Name wie ein Gimmick aus einer Kellogg's-Packung klingt, aber ich war verliebt in Dich. Ich baute Melodien, zerhackte diese wieder, brachte mit dem Tool "Grossbeat" alles durcheinander und klickte mich durch die Synthies von "Sytrus".

Als ich 16 war, nahm ich mit einem billigen Mikrofon ein Album mit dem Titel "Kleinstadtkrimineller" auf. Dieses kleine Album war nicht abgemischt, kam aber meinem heutigen Sound am nächsten. Der Sound war sehr roh. Ich brach mit Erwartungen und probierte mich aus.

Als ich herausfand, wie man Samples importiert, missbrauchte ich alles, was ich im Schrank meiner Mutter finden konnte. Zum Beispiel Jazz, Western-Soundtracks und Klavierstücke aus Die fabelhafte Welt der Amelie. Manchmal spielte ich mit den integrierten Klaviersounds auch selber Melodien ein. Die klangen aber so, als hätte jemand seine Hände mit voller Wucht auf das Klavier gehauen.

Auf dem Heimweg aus der Schule hatte ich Melodien im Kopf, spielte sie ein und brannte auf mein Album am Ende einfach noch ein paar Instrumentals mit drauf. Da es kaum Rapper in meiner Gegend gab, verbreitete sich die Musik gut in der kleinen Stadt.

Kleine Anekdote:

Ein Rapper aus der Stadt spittete seine Handynummer auf ein Instrumental von mir und brachte das in Umlauf. Als mich sein Song erreichte, rief ich ihn an und wir bildeten kurz darauf eine Zwei-Mann-Crew mit dem Namen "Killerkommando". Wir rappten auf meine Sägebass-Beats und erlebten einige wilde Sachen. Aktuell ist er im Gefängnis.

Als Dipset aktuell war, kamen immer wieder ein paar junge Kleinkriminelle bei mir vorbei und wir machten unter dem Crew-Namen "Juvenile Mafia" Songs mit vielen Kollegah-ähnlichen Vergleichen auf Beats, die ich mit Dir gebaut hatte. Mittlerweile hatte ich mehrere Plug-ins und konnte heroische Trompeten auf Drums programmieren und clubbige Banger bauen.

Nach einer Weile hatten wir Beef mit einer anderen Crew in der Stadt, der in Schlägereien gipfelte. Ich erinnere mich daran, wie ich bei einem Freestyle-Battle Pfefferspray ins Gesicht bekam. Auch das wäre ohne Dich wahrscheinlich nicht passiert.

Nächste Anekdote:

Ich sampelte den Technosong "Robert Miles - Children", baute einen kitschigen Beat und machte einen Song mit der Hook-Zeile "Deine Augen machen mich so Sentimental". Drei verschiedenen Mädchen erzählte ich, dass ich den Song für sie gemacht hätte. Ich weiß aber nicht mehr, ob sie davon geschmeichelt oder verstört waren.

Ich baute später einen Beat, auf dem ich mit einem Typen namens Dekzter Fro einen Song namens "Ich feier mich selbst" aufnahm. Kurz darauf drehten wir mit meinem Camcorder, den ich zur Jugendweihe bekommen hatte, ein Musikvideo zwischen Plattenbauten und Kleinstadt – mit allen HipHop-affinen und kriminellen Leuten in der Hood, die wir finden konnten. Aus Dekzter Fro wurde später mein bester Freund und das Video-Machen meine neue Leidenschaft, mit der ich mein Studium finanzierte. Auch das wäre ohne Dich nicht passiert.

Während des Studiums setzte ich mich nachts immer noch an meinen alten Laptop und experimentierte mit Dir herum. Immer noch so verspult wie am Anfang. Ich dachte, dass dieser rohe Sound, den ich schon mit 15 gemacht hatte, vielleicht genau das ist, was zu mir passt und mich eigen macht.

Mittlerweile waren Tyler The Creator und Earl Sweatshirt angesagt und ich hatte das Gefühl, dass der Sound vielleicht doch verstanden wird. Das Soundbild kam bei mir ursprünglich durch Deinen Aufbau und die integrierten Instrumente zustande – durch die elektronischen Drums, Synthies und die Möglichkeiten, alles zu verwursten und durcheinander zu bringen.

In meiner Kleinstadt hatten die Leute erstmal ihre Schwierigkeiten mit dem Sound, aber deutschlandweit gab es gute Resonanzen auf meine Songs bei SoundCloud. Ich knüpfte daraufhin Kontakte mit Leuten, die mich verstanden und nach vorne bringen wollten. Das hat mein Leben entscheidend verändert.

Du machtest mich beliebter, selbstbewusster und ja, auch ein bisschen böser.

Du bist Fynn. Ich liebe dich.

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