Festival Guide

Wichtige Dinge, die ihr beachten solltet, wenn ihr euer eigenes Festival veranstalten wollt

Wir haben die Veranstalter des Schweizer HipHop-Festivals Openair Frauenfeld und des Maifeld Derbys in Mannheim um Rat gefragt.

von Julius Wußmann und Noisey Staff
26 September 2018, 9:33am

Foto: imago | UIG

Dieser Artikel wird präsentiert von SEAT Sounds. Er ist Teil des VICE Guides für Festivals , alle Texte findet ihr hier.

Euer eigenes Festival zu veranstalten hat ein paar Vorteile. Es spielen nur die Acts, die ihr selbst sehen wollt, es gibt Handbrot-Stände in Massen, mehr WCs als Dixi-Klos, ihr könnt selbst bestimmen, ob ihr lieber ein Riesenrad oder eine Achterbahn neben den idyllischen See pflanzt und ihr verdient damit auch noch einen Haufen Kohle. Klingt alles wie ein Traum – ist es auch.

Denn bis ihr all diese Komponenten zusammenbekommt, ohne euch HART zu verschulden, ist es oft ein steiniger Weg. Damit wir euch zumindest einen Gehstock in die Hand drücken können, haben wir etablierten Festival-Veranstaltern ein paar grundlegende Fragen gestellt.

Zum einen hat uns Joachim Bodmer vom Openair Frauenfeld ein paar Tipps gegeben. Das Schweizer Festival besteht seit 2006 und ist das größte HipHop-Openair Europas. Dieses Jahr zogen Acts wie Eminem, Migos, J. Cole, Haftbefehl, IAMDDB oder Junglepussy etwa 180.000 Besucher an. Neben Bodmer haben wir mit Timo Kumpf vom Maifeld Derby in Mannheim gesprochen. Seit 2011 lockt das Indie-Festival jährlich mehr Besucher an, 2017 waren es 15.000. Dieses Jahr spielten Acts wie Nils Frahm, Wolves In The Throne Room, Tristan Brusch, Leyya oder Kat Frankie. Wenn also jemand das Festival-Handwerk versteht, dann diese beiden.

Das Line-up

Kommen wir gleich zum Herzstück eines Festivals: dem Line-up. Falls ihr den Impuls habt, doch einfach die Acts zu buchen, die ihr und eure Freunde schon seit Kindestagen geil finden, gebt euch selbst eine saftige Ohrfeige. Bodmer und seine Kollegen vom Frauenfeld haben diesen Fehler schließlich schon für euch gemacht: "Auf die Helden aus unserer Jugendzeit haben wir uns immer am meisten gefreut. Mit wenigen Ausnahmen waren sie Enttäuschungen." Man habe außerdem immer wieder zu teure Acts gebucht, die dann aber nicht die erhoffte Anzahl von Gästen angelockt hätten.

Kumpf vom Maifeld Derby betont zudem, dass er natürlich ein abwechslungsreiches Line-up mit möglichst hohem Niveau präsentieren möchte, aber trotzdem darauf achtet, genügend Acts zu buchen, die Leute ziehen: "Ich habe den Anspruch eines Kurators, aber es muss auch wirtschaftlich ausgewogen sein."

Ähnlich läuft es auch beim Frauenfeld. Die Mischung aus "kommerziellen Headlinern, guten Co-Headlinern, die als gute Live-Acts bekannt sind, sowie den neuen, oft noch unentdeckten Perlen" muss stimmen. Die Schwierigkeit bestehe dabei darin, dass man besonders bei den internationalen Acts oft darauf achten müsse, ob sie überhaupt auf Tour sind.

Dieses Problem haben natürlich alle Festivals, sehr zum Leidwesen der kleineren wie dem Maifeld Derby: "Bei den Headliner-Slots, die unsere Tickets verkaufen, konkurrieren wir mit den großen Festivals, die einen weniger kuratierten Anspruch haben", erläutert Kumpf. Am Telefon gibt er zu, dass er gerade eine "fette" Absage erhalten hätte und eigentlich gefrustet sein müsste. Er sei jedoch daran gewöhnt und wisse, dass am Ende alles gut wird. Mittlerweile würden die Acts sogar von sich aus fragen, ob sie beim Derby spielen können. Das sei der Vorteil, wenn man sich erstmal einen Namen gemacht hat.

Anreize für Gäste finden, damit sie wiederkommen

Da beide Veranstalter immer wieder hervorheben, dass sich viele Dinge erst über die Jahre zum Positiven entwickeln, sollte euer Festival natürlich nicht nach der ersten Ausgabe verschwinden. Also wie schafft ihr es, dass die Besucher nach ihrer Abreise noch Lust auf ein Wiederkommen haben? Bodmer verrät uns das Rezept des Frauenfelds:

"Das letzte Festival muss das beste Festival gewesen sein"

Irgendwie logisch. Wenn ihr das Gefühl habt, dass das Festival, zu dem ihr Jahr für Jahr pilgert nicht mehr so gut wie früher ist, sucht ihr nach Alternativen.

"Ein Programm mit zwei bis drei guten Headlinern"

Wenn ihr an nur einem Wochenende Eminem, Migos und J. Cole sehen könnt, fällt die Wahl des Festivals ein bisschen leichter, oder?

"Ein Programm, das täglich Acts bietet, die beste Live-Stimmung garantieren"

Wie Bodmer schon zuvor erwähnte, setzt das Frauenfeld außerdem auf für ihre Live-Qualitäten bekannte Acts. Ergibt ja auch Sinn. Ein großer Name wie Migos sieht gut auf dem Flyer aus, aber wenn die Jungs auf der Bühne keine Energie versprühen, sorgt das nicht gerade für nachhaltige Endorphinstöße beim Publikum. Deswegen also lieber zusätzlich auf Live-Granaten wie beispielsweise Skepta, Savas & Sido oder Ahzumjot bauen.

"Neuerungen, die der Gast zwar nicht kennt, aber durch gezielte Kommunikation vermutet"

Das Frauenfeld hat laut Bodmer in den letzten Jahren stark in eine riesige, für Gäste begehbare Bühne, eine bessere Infrastruktur, Duschen, Toiletten, Sitzgelegenheiten, Schattenplätze und so weiter investiert. Denn: "Der Gast spürt, ob ein Festival einfach mit dem Minimum hingeknallt wird, oder mit Liebe zum Detail und Herzblut gestaltet." Überhaut seien die positiven Erinnerungen ans Drumherum viel wichtiger als die eigentlichen Konzerte.

Ein wichtiger Tipp für euch, ihr Anfänger

"Ein Kumpel meinte mal: Festivals sind das dümmste Hobby, das es gibt", warnt Timo Kumpf. Denn ein Festival zu veranstalten, das sei immer ein immenses Risiko. Deswegen gäbe es viele Festivals auch nur ein, zwei Jahre, bevor sie wieder eingestampft werden.

Ihr müsst nämlich das ganze Jahr für ein einziges Wochenende funktionieren, viel Geld verdienen aber nur die Wenigsten. Timos Tipp deshalb: "Geht es locker an und versucht nicht, euer ganzes Leben reinzustecken."

Fazit für alle, die eh nur durchscrollen, um die Zusammenfassung zu suchen

Fahrt eure Ambitionen, das neue Woodstock zu veranstalten, runter und fangt klein an. Ein neues Festival zu etablieren und ein eigenes Netzwerk aufzubauen dauert Jahre. Vertraut beim Booking nicht nur auf große Namen, sondern achtet auf eine gute Mischung aus bekannten Headlinern, Live-Acts, die immer abliefern und junge Künstler. Steckt Liebe und Details in euer Festival, spart nicht an einer funktionierenden Infrastruktur. Bei all dem gilt: locker bleiben.

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