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Uri Geller vs. Kadabra: Die bizarre Geschichte hinter der verschwundenen Pokémon-Karte

Seit Jahren rätseln Fans, warum Kadabra aus dem Pokémon-Kartenspiel verschwunden ist. Dahinter steckt wohl ein Rechtsstreit mit Uri Geller. Motherboard hat alte Gerichtsakten durchwühlt und mit dem Mentalisten gesprochen.

von Dennis Kogel
19 Oktober 2018, 10:11am

Bild: Kadabra | KissPNG | Nintendo | The Pokémon Company || Uri Geller | imago | ZUMA Press || Hintergrund | pokemonbattlecreator.com || Collage: Motherboard

Warum verschwand Kadabra? Bis heute fragen sich Pokémon-Fans, was mit ihrem geliebten Psycho-Monster passiert ist. Zwar taucht die Kreatur immer wieder in Videospielen auf, doch aus dem beliebten Sammelkartenspiel ist sie seit fast 15 Jahren verschwunden. Die Karte wird nicht mehr gedruckt. Immerhin zwölf Jahre lang liegt der letzte Auftritt Kadabras im Pokémon-Anime zurück. Was hat Kadabra in Ungnade fallen lassen? Wer ist Schuld am Verschwinden? Für viele Fans ist die Antwort klar: Es war Uri Geller, der weltbekannte israelische Mentalist und Löffelverbieger.

Immer wieder erscheinen Videos und Artikel, in denen Journalisten und Fans versuchen, die wahre Geschichte hinter dieser Pokémon-Legende zu ergründen. Bisher scheiterten sie an fehlenden Informationen. Zwar dokumentieren Presseberichte aus der Zeit einen Rechtsstreit zwischen Geller und Nintendo, doch wie er wirklich ausgegangen ist und wie Geller heute darüber denkt, war nicht bekannt.

Motherboard konnte nun die Gerichtsakten einsehen und mit Geller und seinem damaligen Anwalt bestimmte Ereignisse verifizieren. Wir haben Nintendo und die Pokémon Company seit dem 10. Oktober über ihre Pressestellen via E-Mail und Telefon Fragen zum Fall gestellt. Wir wollten ihre Seite der Geschichte hören, die Folgen des Rechtsstreits für die Firmen erfahren – und wissen, ob es vielleicht eine außergerichtliche Einigung gab. Unsere Fragen beantworteten diese Firmen bis heute nicht. Doch die Informationen, die wir aus Gerichtsakten und Gesprächen mit Beteiligten erfahren haben, helfen, einen Teil der Pokémon-Geschichte zu rekonstruieren – und geben Hoffnung auf eine Rückkehr Kadabras.

Als Uri Geller ein Pokémon entdeckte, das ihm ähnelte

Mann zeigt Kadabra-Pokemon-Karte
Unter Fans genießt "die letzte Kadabra-Karte" inzwischen so etwas wie Legendenstatus | Bild: Screenshot | YouTube | Javin M

Es muss kurz vor der Jahrtausendwende sein, als Uri Geller bemerkt, dass er nicht der einzige Geller in Tokyo ist. Die anderen Gellers, die Uri Geller bei seinen Weihnachtseinkäufen 1999 in Tokyo findet, sind Pokémon. Auf einer Pokémon-Sammelkarte sieht Geller ein merkwürdiges Wesen: Gelber Körper, buschiger Schnurrbart, intensiver Blick, in der Hand hält das Monster einen verbogenen Löffel. Es ist das Pokémon Kadabra, doch die japanischen Katakana-Schriftzeichen auf der Karte ergeben nicht "Kadabra", sondern etwas, das an Uri Gellers Namen erinnert: Un-Geller. In diesem Moment entscheidet Geller: Er muss den Kampf gegen die Pokémon aufnehmen bevor es zu spät ist, bevor Un-Geller ihn als den bekanntesten Geller der Welt verdrängt.

Es gibt wohl kaum Fantasiefiguren, die so schnell bekannt und kulturell einflussreich wurden, wie Pokémon. Seitdem die knuffigen Kampfmonster 1996 in zwei Gameboy-Spielen erschienen, sind sie aus Pop- und Nerdkultur nicht mehr wegzudenken. Mit einem geschätzten Umsatz von laut eigenen Angaben umgerechnet fast 70 Milliarden Euro seit 1996 ist Pokémon als Medienmarke stärker als Hello Kitty, Winnie Puuh und Star Wars. Um die Spiele, Cartoons, Sammelkarten und Spielzeuge des Medienimperiums ranken sich zahlreiche Mythen: Von der Anime-Folge, die epileptische Anfälle auslöste; oder von einer gruseligen Musik, die Suizide verursachen sollte. Viele dieser Geheimnisse sind inzwischen gelöst, so ist heute etwa klar, dass die Geschichte um die Suizid-Musik nur von Fans ausgedacht wurde. Doch ein Geheimnis beschäftigt Pokémon-Liebhaber bis heute: Uri Gellers Kampf gegen Pokémon.

"Ich war so wütend", das erzählt der 71-jährige Uri Geller im Motherboard-Interview – jetzt, fast 20 Jahre später. Mit uns spricht er am Telefon, während er in einem Flughafen auf den Anruf eines US-Radiosenders wartet. "Ruf mich unter dieser Nummer an", das steht in der Mail, die Geller an die Redaktion schickt, kurz nachdem die Anfrage an ihn gegangen ist. "Ich war so wütend, dass ich Nintendo verklagt habe", sagt Geller am Flughafen.

Was das Psycho-Pokémon Kadabra mit Uri Geller zu tun hat

Geller erzählt: Er habe im Jahr 1999 die Karte des Pokémons gesehen, das auf Deutsch und Englisch Kadabra heißt. Kadabra, ein "Psycho"-Pokémon, das einen verbogenen Löffel schwingt und Gegner mit übersinnlichen Attacken besiegt, existiert schon seit den ersten Pokémon-Spielen. Aufmerksam wurde Geller aber erst, als der Hype um Pokémon kurz vor der Jahrtausendwende mit Sammelkarten ein neues Level erreichte. Die Löffel-Parallele ist sofort klar: Uri Geller wurde ein weltberühmter TV-Star, als er vor laufenden Kameras – scheinbar nur mit der Kraft seiner Gedanken – Löffel verbog. Doch das Äußere des Pyscho-Pokémons mit dem Löffel war nicht, was ihn stutzig machen sollte. Es war der Name.

Alle Pokémon haben im japanischen Original andere Namen, so auch Kadabra. In Japan wird es "Yungerer" oder "Un-Geller" ausgesprochen, doch es ist vor allem die Schreibweise, die interessant ist. Die japanischen Schriftzeichen, die "Yungerer" buchstabieren (ユンゲラー), sehen fast so aus wie die Schriftzeichen für Uri Gellers Namen auf Japanisch: ユリゲラー. Besonders gut sichtbar macht das der YouTuber Chris Chapman, der ein ausführlich recherchiertes Video zu den öffentlich bekannten Hintergründen des Falls gemacht hat.

Screenshot aus einem Video von Chris Chapman, der Ähnlichkeiten zwischen Uri Geller und dem Pokémon Kadabra aufzeigt.
Bild: Screenshot | YouTube | Chris Chapman

Und dieses Wortspiel, so argumentiert Chapman, kann kein Zufall sein. Denn auch die anderen Evolutionsstufen des gelben Löffelverbiegemonsters spielen im Japanischen mit den Namen real existierender Personen. So heißt die dritte Evolutionsstufe des Pokémons im Deutschen zwar Simsala, im Japanischen aber "Foodin" – und zwar mit Schriftzeichen, die fast genauso aussehen wie die eines anderen, weltberühmten Bühnenmagiers: Entfesslungskünstler Harry Houdini.

"Nintendo hat mich in eine böse, okkulte Figur verwandelt", zitiert die L.A. Times Geller in einem Artikel aus dem November 2000. "Nintendo hat meine Identität gestohlen, indem sie meinen Namen und meine Erkennungsmarke, den verbogenen Löffel, gestohlen haben."

Völlig unüblich dürfte die Promi-Referenz dabei nicht gewesen sein. Kadabra ist nicht das einzige Pokémon, dessen Namen wohl auf berühmten Persönlichkeiten basiert. Am bekanntesten dürften die beiden Kampf-Monster Kicklee und Nockchan sein. Ihre Namen sind klare Verweise auf die Kampfkünstler und Schauspieler Jackie Chan und Bruce Lee. Im japanischen Original bezieht sich der Name von Nockchan übrigens auf den japanischen Boxer Hiroyuki Ebihara, so das Fan-Wiki Bulbapedia. Vor Gericht gezogen sind die betroffenen Kampfkünstler oder ihre Familienangehörigen aber offenbar nicht.

Vor allem eine spezielle "böse" Kadabra-Variante sei ein Problem für Uri Geller und seinen Anwalt, so die L.A. Times. Und antisemitisch sei das Pokémon möglicherweise auch, heißt es in dem kurzen Bericht der Zeitung. Auf der Stirn des Monsters prange schließlich ein Stern und auf dem Bauch Schlangenlinien, die man als SS-Runen interpretieren könne, so Geller und sein damaliger Anwalt gegenüber der Presse. Für diese Vorwürfe braucht es aber viel Fantasie: Der Stern erinnert allenfalls entfernt an einen Davidstern, die Schlangenlinien auf Kadabras Bauch haben eine andere Form als SS-Runen. Auf Blogs und Fan-Seiten machen Pokémon-Fans immer wieder Witze über Gellers Vorwürfe.

Inzwischen beschreibt Geller sein Problem anders: "Nintendo hat mich einfach nicht gefragt", sagt der Mentalist im Gespräch mit Motherboard. "Sie hätten mich nur fragen müssen. Ich hätte gesagt, 'na klar, warum nicht?' Aber niemand hat gefragt."

Wie Uri Geller für seine Kadabra-Kritik Spott erntete

Links: Pokémon Kadabra Rechts: Uri Geller
Bild: Kadabra | pokemon.com | Nintendo || Uri Geller 2014 | Imago | FutureImage

Abra, Kadabra und Simsala gehören zu den bekannteren der 151 Pokémon der "ersten Generation" der GameBoy-Spiele. Für die meisten Spielerinnen von Pokémon Rot/Blau dürfte Abra das erste Monster der "Psycho"-Kategorie sein, das ihnen im Spiel begegnete. Unter Fans galten die übersinnlich begabten Pokémon damals als besonders mächtig. Bis heute versuchen Fans in langen YouTube-Videos mit komplexen Berechnungen zu beweisen, ob das wirklich stimmt. Doch die Macht der Psycho-Monster hatte ihren Preis: Das Pokémon zu fangen war schwer. Beim ersten Anzeichen von Gefahr konnte sich das kleine Abra aus dem Kampf teleportieren. Wer es doch schaffte, es zu fangen, wurde nach Abras Verwandlung zu Kadabra und Simsala mit einem der stärksten Monster im Spiel belohnt. Mit Attacken wie Psychokinese und Psystrahl konnten diese Monster ganze Gegner-Teams auseinandernehmen.

Und über dieses unter Fans schon damals heiß geliebte Monster beschwerte sich nun ein weltbekannter Mentalist. Angeblich, weil es ihm zu ähnlich sei. Für einige wirkten Gellers Aussagen damals wohl wie ein abstruser Versuch, sich wieder zum Gesprächsthema zu machen. Das zeigt sich etwa in der Berichterstattung aus dieser Zeit, als nicht Kadabra oder Nintendo kritisiert wurden, sondern vor allem Geller selbst. Als "Irren" bezeichnet das Spielemagazin IGN Geller für seine Aussagen und witzelt über das Psychomonster und den israelischen Mentalisten: "Die Ähnlichkeit ist wirklich frappierend." Auch Nintendo versucht Geller offenbar klein zu reden: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Uri Geller so viele Fans in Japan hätte, dass sie eine Pokémon-Karte nach ihm benennen", sagt ein Nintendo-Sprecher dem britischen Guardian in einem der ausführlichsten Berichte zum Fall.

Doch Geller ist nicht nur ein bekannter Name in Deutschland, den USA und vielen anderen Ländern, sondern auch in Japan. Zum Land habe er sogar eine besondere Verbindung. "Ich habe in Japan gelebt, für ein Jahr", sagt Geller im Motherboard-Interview. "Ich war auf einem Egotrip, mir war alles egal, ich war völlig skrupellos. Dann hat mich John Lennon überzeugt, meine Spiritualität in Japan zu suchen." Ende der 70er zieht Geller mit seiner Familie nach Japan. Er sagt, er hätte von der Außenwelt abgeschottet in einem Wald gelebt. Im japanischen Fernsehen war er aber auch zu sehen. "Die Japaner kennen mich seit 1973. Es vergeht keine Woche, dass ich nicht in Japan erwähnt werde", sagt Geller am Telefon. Ein Google Alert würde ihn über jede Erwähnung seines Namens in japanischen Medien informieren.

Von den abschätzigen Kommentaren lässt er sich damals nicht vom Kurs bringen. Geller ist 1999 überzeugt: Nintendo hat seinen Namen gestohlen, sein Markenzeichen, ihn unerlaubt als zwielichtiges Monster karikiert. Geller verklagt Nintendo. Die Forderung, so der Guardian, 100 Millionen Dollar Schadensersatz.

Als Uri Geller die Pokémon-Rechteinhaber zum Kampf herausforderte

Gerichtsakten des Rechtsstreits zwischen Geller und Nintendo
Am 17. August 2001 gibt es eine Verhandlung zwischen Geller und Nintendo | Bild: Screenshot | United States District Court Central District of California

An die 100-Millionen-Dollar-Forderung kann sich der Mentalist heute nicht mehr erinnern. "In meinem Leben passieren Hunderte Dinge, jeden Tag", sagt Geller am Telefon. Gerade arbeite er etwa an der Eröffnung seines Museums in Jaffa, hier soll später "der größte verbogene Löffel der Welt" zu sehen sein. "Es fällt mir sehr schwer, mich an gerichtliche Sachen zu erinnern", sagt Geller.

Dem Guardian sagt Geller 1999, er habe Nintendo in Japan verklagt, sein Anwalt Yoichi Kitamura würde eine Klage vorbereiten. Wir haben versucht, Hinweise auf diese Klage zu finden – was weder uns, noch unseren japanischen VICE-Kollegen gelang. Auch ein Kontakt zu Yoichi Kitamura ließ sich im Netz nicht finden. Einen Rechtsstreit gab es aber auf jeden Fall, und zwar in den USA. Geller und sein Anwalt, Jeffrey C. Briggs, reichen eine Klage im kalifornischen Bundesgericht ein, dem Central District Court of California in Los Angeles. Motherboard liegen die Gerichtsakten vor, die den Fall zwischen 2001 und 2003 dokumentieren.

Aus den Gerichtsakten geht hervor, dass es Geller um gleich mehrere Punkte geht: Nintendo verletze mit der Pokémon-Karte seine Privatsphäre, indem das Unternehmen seinen Namen und sein Bild für seine Zwecke einsetze. Außerdem würde Nintendo Uri Gellers "Marke" verwässern. Dahinter steht die Befürchtung, dass das Löffel-Pokémon dem Löffelverbieger Geller auf seine Kosten Konkurrenz macht.

Geller klagt gemeinsam mit der Liechtensteiner Firma Sambracal AG, die ihn als Angestellten beschäftigte, sowie die Rechte an seinem Namen und seinem Bild inne halte, wie aus den Akten hervorgeht. Die Klage richtet sich gegen Nintendo und Nintendo of America, 2001 beginnt der Rechtsstreit. Doch für Geller nimmt die Gerichtsverhandlung eine enttäuschende Wendung.

"In diesem Fall geht es um eine japanische Pokémon-Karte, sie trägt die Nummer 64", heißt es in den Gerichtsakten vom 17. August 2001, die zum ersten Mal die Einzelheiten des Rechtsstreits erklären. "Der Name der Figur auf der Karte ist in japanischen Katakana-Schriftzeichen geschrieben, die eine verblüffende Ähnlichkeit zu Uri Gellers Namen aufweisen. Die Ähnlichkeit des Namens, sowie die Darstellung der Figur mit dem gebogenen Löffel, führte zur aktuellen Verhandlung."

Warum nie ein Richter feststellte, ob Kadabra wirklich Geller ähnelt

Doch verhandelt wird diese "verblüffende" Ähnlichkeit nie. Im Rechtsstreit geht es um etwas anderes. Nämlich um Gellers Staatsangehörigkeit. Aufgrund der kalifornischen Rechtslage dieser Zeit ist die Staatsangehörigkeit entscheidend darüber, welche Rechtsprechung angewandt wird. Geller möchte, dass die kalifornischen Persönlichkeitsrechte gelten. Aber das ist kompliziert, denn "Geller ist ein Bürger Israels und des Vereinigten Königreichs (UK)", so die Gerichtsdokumente. "Weil Geller in Großbritannien lebt, muss das Gericht berücksichtigen, ob es dort ähnliche Persönlichkeitsrechte gibt. Es gibt sie nicht." Das Gericht gibt Nintendo Recht. Ein Teil der Klage, die Verletzung von Uri Gellers Persönlichkeitsrechten, wird am 16. August 2001 abgelehnt.


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"Das hat den Rest des Falls schwierig gemacht", schreibt Gellers damaliger Anwalt Jeffrey C. Briggs in einer E-Mail an Motherboard und bestätigt die damaligen Vorgänge. Doch Geller und sein Anwalt geben an dieser Stelle nicht auf. Noch fast zwei Jahre geht der Rechtsstreit weiter. Die Frage, die sie klären wollen: Verletzt Pokémon die Markenrechte von Uri Geller? Könnte also die Existenz von Kadabra dazu führen, dass mehr Menschen ein Psycho-Monster mit dem Namen "Geller" assoziieren als einen israelischen Löffelverbieger? Auch hier wird es kompliziert.

Keiner will für die Kababra-Pokémon-Karte verantwortlich sein

Denn es lässt sich gar nicht so einfach klären, wer für Kadabra wirklich zuständig ist. Da gibt es natürlich Nintendo, das die Pokémon-Spiele vertreibt. Aber für die Sammelkarten, um die es im Rechtsstreit ja geht, ist ein Geflecht aus japanischen und amerikanischen Firmen zuständig.

"Es gibt nicht genügend Beweise, dass Nintendo of America am Import, der Herstellung und dem Verkauf japanischer Pokémon-Karten beteiligt ist", lautet das Urteil der Richterin Florence-Marie Cooper im November 2002, nachdem Geller und Briggs eine Reihe von Erklärungen vorstellen, warum doch Nintendo belangt werden sollte: Es gäbe offizielle Pokémon-Magazine, in denen die japanischen Sammelkarten gezeigt werden; die Karten seien auch außerhalb Japans in eBay-Auktionen erhältlich. Aber das Gericht erklärt: Der Großteil japanischer Pokémon-Sammelkarten würde in Japan verkauft werden. Und diese Einschätzung ist es, die Gellers Ansprüche auf Schadensersatz nichtig macht. Denn jetzt müsse japanisches Markenrecht angewendet werden, um festzustellen, ob ein Pokémon an Gellers Ruhm kratzen könnte, also seine Marke "verwässern" könnte. Aber in Japan hat Geller den Gerichtsakten zufolge kein Markenrecht angemeldet.

Screenshot der Gerichtsakten im Rechtsstreit zwischen Geller und Nintendo
Geller könne nicht nachweisen, dass er in Japan berühmt sei. Das mache seine Forderungen schwächer, so das Gericht | Bild: Screenshot | United States District Court Central District of California

"Geller muss darstellen, dass seine Marke bekannt oder berühmt ist, um nach japanischem Recht Schadensersatz zu fordern", heißt es in den Akten. Geller gilt als weltberühmt, doch das Gericht sieht das offenbar anders. Also verliert Geller den Kampf gegen Kadabra. Das Gericht entscheidet zugunsten von Nintendo. Am 3. März 2003 wird Gellers Klage abgewiesen. Anwalts- und Gerichtskosten muss jede Partei selbst tragen.

Wie es für Geller und Nintendo heute weitergeht

Im Spiel beherrscht Kadabra die "Teleport"-Attacke. Wenn es brenzlig wird, kann es sich einfach aus dem Kampf teleportieren. Doch Kadabra verschwand nach dem Prozess nicht nur aus den Gerichtsakten, es verschwand auch aus dem Kartenspiel. Zuletzt gedruckt wurde eine Kadabra-Karte laut dem Fan-Wiki Bulbapedia 2003, in der offiziellen Liste aller Pokémon-Karten ist Kadabra nicht mehr gelistet. Im Pokémon-Anime sah man Kadabra zuletzt in einem kurzen Gastauftritt in einer Folge aus dem Jahr 2006, so Bulbapedia.

War es Gellers größter Trick, ein Pokémon verschwinden zu lassen? Viele Fans mutmaßen bis heute, dass Geller die Schuld an Kadabras Schicksal trägt. Dass er vielleicht in einer außergerichtlichen Einigung seine Forderungen durchsetzen konnte. Befeuert wird das von einem zehn Jahre alten Interview mit einem Regisseur der Pokémon-Serie, Masamitsu Hidaka: "Wir haben Kadabra im Moment beiseite gelegt", so der Regisseur, es liege an einem Rechtsstreit. Ob das wirklich stimmt, lässt sich heute nicht klären. "Keine Ahnung", sagt Geller am Telefon. Und sein damaliger Anwalt Jeffrey C. Briggs schreibt in einer E-Mail an Motherboard: "Die Klage wurde abgewiesen. Was darüber hinaus passiert ist, kann ich nicht sagen". Nintendo antwortet nicht auf wiederholte E-Mails zur Frage, wie der Fall genau zu Ende ging.

Heute sieht Uri Geller vieles anders: "Vielleicht habe ich damals einen Fehler gemacht", sagt Geller im Gespräch mit Motherboard. "Ich hatte einfach keinerlei Zweifel, dass der Mensch, der das Pokémon entwickelt hat, mich im japanischen Fernsehen gesehen hat. Wenn ich in der Zeit zurückreisen könnte… wahrscheinlich hätte ich einfach mit Nintendo reden sollen."

Uri Geller erzählt in Interviews, er habe mal ein Fußballspiel beeinflusst, indem er den Ball mit seiner Gedankenkraft bewegt hat. Er habe auch schon mal ägyptische Schätze auf einer schottischen Insel gespürt, sagt er Zeitungen. Doch Zeitreisen übersteigen seine Fähigkeiten.

Geller würde sich heute wohl mit Nintendo versöhnen

Bis heute verfolgt Geller der fast 20 Jahre alte Rechtsstreit. Erst vor zwei Jahren erschien ein Post auf der verifizierten Facebook-Fan-Page von Uri Geller: "Freunde, glaubt ihr Kadabra basiert auf mir? Schicke euch Liebe und positive Energie, Uri xxx". Und nicht nur Geller lässt die Geschichte nicht los: "Jede Woche kriege ich zwischen fünf und zehn E-Mails von jungen Menschen deswegen. Viele sind gemein", so Geller. "Sie sagen: 'Du hast mir meinen geliebten Kadabra weggenommen!' Andere Nachrichten dagegen sind sehr philosophisch. Ich antworte immer."

Mit Nintendo habe Geller bis heute keinen Kontakt mehr. Doch er möchte. "Wenn Nintendo mich heute kontaktieren würde und mich fragen würde, ob sie diese Karte wieder drucken können, ich hätte nichts dagegen, ich würde mein OK geben", sagt Geller im Gespräch mit Motherboard. Auf dem Spiel steht nun nicht mehr Gellers Marke, sondern das Schicksal eines Pokémon.

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