The Power and Privilege Issue

Der Preis der Gentrifizierung: Wie junge People of Color in den USA unter der Wohnungskrise leiden

Vom Eigenheim können sie nur träumen. Stattdessen bleibt vielen nur der Kampf mit Slumlords, Obdachlosigkeit und korrupter Wohnungspolitik.

von Tara Raghuveer
09 Dezember 2018, 9:00am

Menschen demonstrieren im Chicagoer Viertel Logan Square gegen ungerechte Wohnungspolitik, Ende Oktober 2018 | Foto: Imago / ZUMA Press

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Als Levi acht Jahre alt war, erlebte seine Familie eine Bettwanzenplage. Überall in der Mietwohnung wimmelte es vor Tierchen. Levi heißt eigentlich Leviticus und ist mit nur einem Elternteil in Buffalo, der zweitgrößten Stadt des US-Staats New York, aufgewachsen. Irgendwann verschwanden die Bettwanzen wieder und Levi vergaß die Sache.

Inzwischen ist Levi 19 und hat viele ähnliche Dinge erlebt, die ihn bis heute belasten. "Die Heizung war kaputt, oder es kamen Ratten aus den Wänden, oder wir hatten überall Kakerlaken", erzählt er VICE. "Unsere Vermieter waren Slumlords." Andere Kinder aus seiner Schule und aus seinem Viertel – niemand davon Weiß, die meisten Schwarz oder Latino – hätten gemerkt, dass ihn etwas bedrückte. "Als ich erzählte, was zu Hause los war, sagten sie: ‚Bei uns ist es genauso.‘"

Levis Familie ist Schwarz und stammt aus Panama. Seine Großmutter floh in den 1970ern vor der Diskriminierung, die sie dort erlebte. An ihrem ersten Abend in Buffalo weinte sie, es war kalt und einsam. Und die Diskriminierung war noch schlimmer: Schwarz und spanischsprachig, gehörte sie nun zu einer doppelten Minderheit.


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Im Westen von Buffalo sind die Mieten gestiegen. Levis Schwester musste neulich mit ihrem Sohn in ein gefährlicheres Viertel ziehen. Sein Onkel hat bei den Marines gedient und wollte vor Kurzem ein Haus kaufen. Die Bank gewährte ihm keinen Kredit – seiner Weißen, rational betrachtet weniger kreditwürdigen Frau allerdings schon.

Levi musste früh erkennen, dass das Persönliche politisch ist. Er engagiert sich in einer Graswurzel-Organisation in Buffalo, um gegen ein rassistisch-kapitalistisches System vorzugehen, das Menschen wie ihm den wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg versperrt. In den Problemen seiner Angehörigen und Nachbarinnen sieht Levi ein Muster: Die Profiteure des Systems sind Bauunternehmer, Vermieter und die Immobilienlobby. Dann sind da die Politiker, die ihnen in die Hände spielen. Wirtschaftlich schwache Bevölkerungsgruppen haben keine Chance, bei Bedarf werden sie auf die Straße gesetzt. Wohlhabende können bestimmen, wer wo leben darf.

"Ich bin wütend und traurig zugleich", sagt Levi. "Reiche Menschen haben diese Zustände herbeigeführt und ziehen ihren Nutzen daraus. Den Mächtigen gehört alles."

ELEND ENTSTEHT NICHT VON ALLEIN

Die Wohnungskrise in den USA hat einen Höhepunkt erreicht. Nirgends im Land reicht ein Vollzeitjob zum Mindestlohn für eine Dreizimmerwohnung. Aktuell schreibt die Regierung einen Mindestlohn von 7,25 Dollar (etwa 6,40 Euro) vor. Fast die Hälfte aller Mieterinnen und Mieter in den USA gibt mehr als 30 Prozent ihres Einkommens für ihre Unterkunft aus, mehr als 12 Millionen von ihnen sogar mindestens die Hälfte. Millionen Menschen sind obdachlos, darunter immer mehr Kinder und junge Erwachsene. Viele andere, vor allem People of Color, trennt nur ein finanzieller Notfall davon, ihre Wohnung zu verlieren.

Derweil sinkt die Zahl der öffentlichen Sozialwohnungen stetig, sodass arme Menschen immer häufiger auf Privatvermieter angewiesen sind. Der private Wohnungsmarkt ist unzureichend reguliert, die Nachfrage übersteigt das Angebot.

Eine Unterkunft gehört zu den Grundbedürfnissen jedes Menschen. Doch in vielen Gegenden der Welt geht man mit diesem Bedürfnis um, als wäre es optional. Den Reichen und Mächtigen bietet das eine Grundlage, um arme Menschen und People of Color auszubeuten.

Ein Eigenheim kommt seit der Finanzkrise für viele nicht mehr infrage. So ist ein Großteil derer, die zur Miete wohnen, jünger als 35. Einige von ihnen entscheiden sich freiwillig dafür, weil es trendy ist, in den Großstädten zu leben. Doch stagnierende Löhne, hohe Gesundheitskosten und schwindende Karrierechancen lassen vielen anderen keine Wahl. Die Mietpreise lösen eine Kettenreaktion aus, denn häufig müssen junge Menschen allein aufgrund ihrer Wohnsituation Studienkredite aufnehmen – insgesamt belaufen sich die Studienschulden in den USA heute auf 1,52 Billionen Dollar.

Eine Unterkunft gehört zu den Grundbedürfnissen jedes Menschen. Doch in vielen Gegenden der Welt geht man mit diesem Bedürfnis um, als wäre es optional. Den Reichen und Mächtigen bietet das eine Grundlage, um arme Menschen und People of Color auszubeuten. Sichere, bezahlbare Wohnungen werden in den USA zu einem Luxus, der wenigen Privilegierten vorbehalten ist.

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Ein leer stehendes Haus im Osten von Buffalo im US-Staat New York | Foto: Bernice Radle

Christian Diaz ist in Logan Square aufgewachsen, einem Viertel im Norden Chicagos. Seine Eltern kauften dort in den 90ern ein Haus für 150.000 Dollar. Er bekam seinen ersten Eindruck von der Ungerechtigkeit in seiner Stadt, als seine Familie anfing, Zeitungen auszutragen. Die Arbeit führte Diaz in die wohlhabende Gegend Lincoln Park. "Ich sah, wie gepflegt die Straßen und wie groß die Häuser waren. Und alle Menschen dort waren Weiß", sagt Diaz gegenüber VICE. "Ich fragte mich: ‚Was stimmt mit meiner Familie nicht?‘ Lange habe ich mich für uns geschämt."

Heute, 20 Jahre später, sehen Teile von Diaz’ ehemaligem Arbeiterviertel aus wie Lincoln Park. Die Welt der Weißen und Reichen ist in seine Heimat vorgedrungen und hat im vergangenen Jahrzehnt mehr als 20.000 Menschen mit Latino-Abstammung aus dem Viertel verdrängt. Diaz engagiert sich im Nachbarschaftsverband Logan Square Neighborhood Association (LSNA) gegen die Gentrifizierung.

Grundstücksentwickler formen Gegenden wie Logan Square mit ihrer wirtschaftlichen Macht. Vergangenes Jahr unterstützte die LSNA einen Antrag auf eine Schutzzone im zentralen Korridor des Viertels, demzufolge neue Bauvorhaben zuerst öffentlich geprüft werden müssten. Als die Anführerinnen der Aktivisten vor dem Stadtrat aussagen wollten, hieß es, die Entscheidung über den Antrag sei vertagt worden. Man erlaubte ihnen nicht, ihre Argumente vorzubringen – während sich Mark Fishman, ein Bauentwickler mit mehr als 80 Grundstücken in Logan Square, zu dem Antrag äußern durfte. Fishman spendet regelmäßig an Politiker; den amtierenden Bürgermeister von Chicago, Rahm Emanuel, unterstützte er im Wahlkampf 2011 mit mindestens 75.000 Dollar. Seither hat er von der Stadt Millionen für seine Projekte bekommen. Der Antrag auf die Schutzzone wurde abgelehnt.

"Es ist Bullshit zu glauben, dass Entwicklungen wie in diesem Viertel organisch und unausweichlich sind", sagt Diaz. "Das Gegenteil ist der Fall. Logan Square entwickelt sich so, wie es der Stadtrat entschieden hat."

WOHNUNGSKRISE HEISST LEBENSKRISE

Die Debatte um die Mietpreise bekommt im aktuellen politischen Klima der USA kaum Aufmerksamkeit. Dafür sind die Medien zu sehr mit den Skandalen um den US-Präsidenten – einem Immobilienmogul – beschäftigt. Dabei hängt die Zukunft junger Menschen von diesem Thema ab.

Thảo Lê lebt im kalifornischen Santa Cruz und engagiert sich dort für bezahlbaren Wohnraum. Lês Eltern, Geflüchtete aus Vietnam, hatten ihr Haus abbezahlt, ehe ihr Kind in die siebte Klasse kam. Trotz der geregelten Wohnsituation verließ Lê die Familie zum Studienbeginn. "Für mich ist ein Zuhause ein Ort, an dem man ohne Probleme man selbst sein kann", sagt Lê im Gespräch mit VICE. "Ich ordne mich keinem Geschlecht zu. Meine Identität führte zu ständigen Konflikten mit meiner Familie."

Keine Chancen auf dem Wohnungsmarkt zu haben, bedeutet festzustecken: in Missbrauchsverhältnissen oder schlecht bezahlten Jobs. Vermieter haben somit große Macht über die Leben anderer.

Da erschien selbst eine von Missbrauch geprägte Beziehung für einige Zeit als die bessere Wohnalternative. Heute wohnt Lê zur Miete in einer überfüllten Haus-WG. Mehrere von Lês Freunde seien auf der Straße gelandet und hätten in ihren Autos oder in Zelten hausen müssen. Die University of California, Santa Cruz, nimmt zu viele Studierende auf, das treibt die Mieten in die Höhe. "Wie soll man leben, wenn man gleichzeitig um einen Platz zum Wohnen kämpft?", fragt Lê.

Auch Levi sorgt sich um seine Zukunft. In seinem problemgeplagten Zuhause suchte er früher Trost in seinem liebsten Hobby, dem Kochen. Er träumte davon, nach der Highschool Kochkunst zu studieren. Doch seine Mutter und Schwester konnten mit ihren Jobs die Miete nicht bezahlen. Statt zu studieren, musste Levi sofort Geld verdienen. Bis heute hat er keine Aussichten auf ein Studium. "Ich habe Angst, dass ich hier feststecke wie alle anderen auch", sagt er – und meint damit nicht Buffalo, sondern ein Leben ohne Perspektiven. "Buffalo ist mein Geburtsort, und hier werde ich auch sterben. Ich kämpfe für meine Stadt." Er kenne viele, die aufgeben, erzählt Levi. Nur wer schon Geld habe, könne sich ein gutes Leben in Buffalo aufbauen.

Keine Chancen auf dem Wohnungsmarkt zu haben, bedeutet festzustecken: in Missbrauchsverhältnissen oder schlecht bezahlten Jobs. Vermieter haben somit große Macht über die Leben anderer. Der private Wohnungsmarkt wird dieses Problem nicht lösen können. Doch es gibt einen Ausweg.

WOHNUNGEN FÜR ALLE

Levi, Diaz und Lê sehen konkrete Ansätze für eine gerechtere Gesellschaft: Die USA seien reich genug, um allen Einwohnern ein Zuhause zu garantieren. Politiker sollten dafür sorgen, dass Wohnungen für Menschen gebaut werden und nicht für Profite. Die Regierung müsse in zusätzliche Sozialwohnungen investieren und ein Moratorium verhängen: Öffentliche Wohnungen sollten nicht mehr an Privatleute verkauft werden. Man müsse dafür sorgen, dass Menschen in jeder Wohngegend Zugang zu Schulen, Jobs und Lebensmitteln haben.

"Die Lösungen sind doch längst bekannt", sagt Diaz. "Sie werden bisher aber nur für Weiße Menschen angewendet." Dass Banken selbst ehemaligen Staatsdienern wie Levis Onkel, dem Ex-Marine, Darlehen vorenthalten, sie aber weniger kreditwürdigen Weißen Menschen gewähren, gibt Diaz recht.

Doch wie können Menschen in den USA etwas bewegen? Levi, Diaz und Lê versuchen, als Community Organizer den Weg für Veränderung zu ebnen. Sie stellen vorherrschende Ansichten über Hautfarbe und soziale Herkunft infrage und machen deutlich, wer vom Status quo profitiert. Politische Organisation ist eine Triebfeder der Demokratie, vor allem wenn sie von Menschen ausgeht, denen die aktuellen Verhältnisse schaden.

Diaz und Lê finden, dass auch Privilegierte ihren Platz im Aktivismus haben – nur nicht als Wortführer. "Niemand muss sich für Privilegien schuldig fühlen", sagt Lê. "Aber die Menschen sollten Benachteiligten zuhören und ihr Privileg nutzen, um andere zu beschützen und sich für sie einzusetzen."

Unsere Entscheidungsfreiheit und unsere Chancen im Leben hängen eng mit unserer Wohnsituation zusammen. In den USA wie auch vielen anderen Ländern gibt es kein ausreichendes Sicherheitsnetz für Menschen, die nicht wohlhabend sind. Es ist Zeit, eines zu spannen.

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