Anzeige
Interviews

"Mir scheißegal, ob Rapper unseren Kram klauen" – Slipknots Clown im Interview

Anlässlich des neuen Slipknot-Films ‘Day Of The Gusano’ haben wir Shawn Crahan gefragt, wie ihre Aftershows mittlerweile ablaufen und bei welchen drei Horrorfilmen er am meisten Angst hatte.

von Julius Wußmann
20 Juli 2017, 4:48pm

Foto: Imago

Wenn Fans ihr Auto verkaufen, nur um an Tickets für dein Konzert zu kommen, bist du nicht irgendeine Band – dann bist du Slipknot. Die neun maskierten Typen in Overalls, prügelten sich während des Nu-Metal-Hype der Jahrtausendwende in den alternativen Mainstream und blieben dort. Das ist eben doch keine Gimmick-Band, die durch ihr Auftreten derart mit abgegriffenen 00er-Klischees um sich schmeißt. Da kann man nur respektvoll mit der Faust gegen die nächste Wand boxen. Spätestens, wenn man die neun Männer aus Iowa dann live auf der Bühne sieht und in die ekstatischen Gesichter der Fans blickt, versteht man vollends, warum das alles auch 2017 noch funktioniert und kein bisschen mit verklärter Nostalgie zu tun hat.

Am 06. September kommt die neue Dokumentation Day Of The Gusano für einen Tag in die Kinos. Darin wird der erste Auftritt der Band in Mexiko gezeigt und die vielen Fans, die diesen Tag mehr als alles andere herbeigesehnt haben, kommen in emotionalen Geschichten auch zu Wort. Weil Perkussionist Shawn "Clown" Crahan die Regie dafür übernommen hat, haben wir ihn angerufen und ihn gefragt, wie denn Aftershow-Partys bei Slipknot mittlerweile aussehen, welche Fan-Geschichte ihn am meisten berührt hat und bei welchen drei Horrorfilmen er die größte Angst hatte.

Noisey: Erinnerst du dich noch an die ersten Worte, die du gesagt hast, nachdem du die Bühne in Mexiko Stadt verlassen hast?

Shawn Crahan: Als ich von der Bühne kam, habe ich meine Frau an die Hand genommen und wir sind zu unserem Van gelaufen. Sie hat zu mir gesagt, dass sie durch das Beben der Erde gespürt habe, als die Leute rumgesprungen sind. Das zeigt dir erstmal richtig die Dimension dessen, was da abging.

Gab es eine große Aftershowparty nach dem Konzert?
Rock'n'Roll ist Rock'n'Roll – es ist überall das Gleiche. Manchmal gehen wir danach einfach zum Schlafen ins Hotel. Warum? Weil wir in den Flieger müssen, zum nächsten Konzert. Wir sind die Künstler, die Performer und müssen unsere Zeit voll und ganz den Shows widmen. Klar wäre es nett, ein großes Festgelage zu veranstalten, aber so läuft das nicht. Nicht, wenn du den Fans geben willst, wofür du lebst: Konzerte.

Zwischen den Konzertaufnahmen gibt es immer wieder Szenen, in denen Fans darüber reden, welchen Einfluss deine Band auf ihr Leben hatte. Welche Geschichte hat dich da am meisten berührt?
Wir haben jede Menge surrealen Kram gehört. Beispielsweise Fans, die ihre Autos verkauft haben, um sich die Tickets zu kaufen. Bei solchen Dingen steht dir echt der Mund offen. Einer war so von unserer Bildsprache und den Texten beeindruckt, dass er Gerichtsmediziner wurde! Ich habe schon mit Soldaten geredet, die unsere Musik hören, wenn sie in den Kampf fahren. Ich habe mit Kids von der Make a Wish Foundation geredet, die wussten, dass sie bald sterben. Und dann ist da dieser Typ, der wegen unserer Musik Morde aufklären will. Faszinierend, wie unsere Kunst Leute zu solchen Dingen inspirieren kann.


Noisey-Video: "Guitar Moves mit Motörheads Bassist Lemmy Kilmister"


Schon beeindruckend, wie Menschen auf der ganzen Welt die gleiche Band hören und daraus dann unterschiedliche Inspirationen für ihr Leben ziehen.
Das ist es. Ich habe das letztens einem Familienmitglied erzählt: Ich war in einem Land, das ein anderes bombardiert. Da guckte ich dann bis um vier Uhr früh auf die Häuser, die bombardiert wurden. Später auf dem Konzert sehe ich all die Fans, die gemeinsam unsere Texte singen und eine tolle Zeit haben. Und später hat dann das andere Land zurückgebombt, obwohl die Leute doch die gleichen Sachen lieben. Gott, was ist bloß falsch mit dieser Welt?

Besonders beeindruckend fand ich die Stelle, als ihr diese Zehntausenden Leute sich hinsetzen und wieder aufspringen lassen habt. Vor allem, da diesen Move über die Jahre alle möglichen Acts kopiert haben – selbst deutsche Rapper machen das zurzeit. Habt ihr je darüber gesprochen, mal was Neues zu probieren?
Warum sollten wir etwas aufgeben, was wir erfunden haben? Wen schert es, wenn es ein paar Rapper kopieren wollen? Sie machen keinen Metal und werden es nie. Corey Taylor kann Wörter so schnell wie sie ausstoßen, sie schreien, sie singen. Mir sind Vergleiche total egal, ich bin in der ausgeglichensten Band der Welt. Mir scheißegal, ob Rapper unseren Kram klauen. Unsere Fans sind eine Armee und wollen für die Band aufspringen, die das erfunden hat. Alles cool, Mann.

Du warst der Regisseur von Day of the Gusano. Was soll der Film für dich darstellen?

Das Problem ist, dass ich während des Drehs auf der Bühne bin. Also muss ich mit Co-Producern arbeiten, was durch die Sprachbarriere erschwert wird. Alles, was ich von jedem einzelnen aus der Band und dem Publikum sehen will, muss ich ihnen vorher vermitteln. Dabei gibt es immer Probleme und ich habe noch nie genau das bekommen, was ich wollte. Beim nächsten Mal werde ich aber ein Headset tragen und den Motherfuckern zuschreien, was sie tun sollen.

Wenn du eine Band via Blue-ray oder so guckst, siehst du ja nicht, was die Fans vor Ort gesehen haben. Du siehst die Edits von irgendwelchen Leuten. Ich muss vom vorhandenen Filmmaterial auswählen, was gezeigt werden soll, was die Essenz der Band einfängt. Wenn Corey Taylor auf den Boden springt und jemand verpeilt, das zu filmen, muss ich die nächstbeste Einstellung nehmen. Für jedes Bandmitglied ist jeweils ein Kameramann zugeteilt und trotzdem geht so viel verloren. Aber der Scheiß wird aufhören, wenn das nächste Album rauskommt. Ich werde ein Monopol für meine Vorstellungen errichten.

Ich will mit dir noch ein bisschen über Filme sprechen. Was hast du zuletzt im Kino gesehen?
Der letzte war Alien Covenant, der neue Ridley Scott-Film. Den hab ich zwei Mal hintereinander mit meinem Sohn und meiner Familie geguckt.

Mochtest du ihn?
Yeah, ich fand ihn gut. Ich war zehn Jahre alt, als Alien rauskam. Ich hab mir damals in die Hosen gemacht und es hat mein Leben verändert. Ich weiß noch, wie ich meinen Dad gefragt habe, ob Aliens wirklich existieren. Der Film war so verfickt gruselig, weil es nur ein Alien war. Mit jedem Film wurden es dann immer mehr, was aber auch die Story vorantreibt. Woher kommen die, warum machen die das und so weiter. Also ja, ich mochte ihn.

Da du gerade angesprochen hast, wie gruselig damals der erste Alien war: Was muss ein Film deiner Meinung nach haben, um bei den Zuschauern Horror hervorzurufen?
Wenn er dich mit deinen eigenen Ängsten konfrontiert, dafür ist Horror wichtig. Ansonsten vergisst du, wie schrecklich das Leben eigentlich sein kann. Wir alle wollen vergessen, dass wir Tiere sind – weil wir eigentlich Killer sind, von Natur aus aggressiv. Deswegen ist es wichtig, durch Filme Ängste zu schüren. Das wappnet dich gegen diese Welt, denn die ist unerbittlich. Denk an das Grausamste, was du dir vorstellen kannst: Es ist jemandem schon passiert.

Welche drei Horrorfilme haben dir denn so richtig Angst eingejagt?
Ich kann The Texas Chainsaw Massacre nicht ausstehen und habe es nie geschafft, ihn bis zum Ende zu gucken. Wegen einer Szene am Anfang – als die Frau an einem Haken aufgehängt wird. Wie das gespielt wird … Weißt du, wie hart es ist, jemanden dazu zu bringen, auf eine bestimmte Weise zu spielen und das auch noch auf Film zu bannen? Die Art, wie sie sich vom Fleischerhaken befreien will, während ihr eigenes Gewicht sie runterzieht … Das hat sich so krass in mein Hirn eingebrannt.

Dann gibt es diesen uralten Film namens It's Alive [ Anm.: im Deutschen Die Wiege des Bösen]. Es geht um ein dämonisches, manipulierendes, komplett widerliches Baby mit Adern und Fangzähnen. Es hat mich so fertig gemacht, weil es immer so schnell auf dem Boden krabbelt und alles ist so dunkel, alles ist so bizarr.

Der dritte Film ist … Ich fand immer Freitag, der 13. gruselig, obwohl das ein bisschen abgedroschen ist. Aber ich habe als Kind viel Zeit mit meinen Freunden in den Wäldern verbracht. Deswegen beunruhigten mich Wälder mehr als Typen, die zu Halloween um die Häuser ziehen. Vor allem, weil Jason, der Killer des Films, extrem gruselig ist, da er nie etwas sagt. Allein die Idee, dass mich irgendjemand durch die Wälder jagt, die ich liebe, ist eine schreckliche Vorstellung.

Ich weiß, diese Antworten sind ziemlich standardmäßig, aber sie haben mir als Kind nun mal Angst gemacht. Heute guck ich die nicht mehr.

Bei dem Szenario "Horror im Wald" denke ich sofort an Blairwitch Project. Der Film hat mich wirklich fertig gemacht.
Ja, da haben sie es durch die Filmtechnik geschafft. Sie ziehen dich rein, weil du denkst, das sind dein Puls, dein Atmen, deine Bewegungen. Man denkt nur: Fuck, was zur Hölle passiert hier!?

Alles klar, danke, Mann!
Dank dir, eine Sache noch: Genießt den Film! Gerade ist jeder von uns für sich unterwegs, aber wir treffen uns alle vier Monaten zu Schreib-Sessions. Gerade schwirren 27 Sachen rum, so viele wie noch nie in unserer Karriere. Die sind noch nicht fertig oder so, aber wir werden bald zurück sein!

Folge Noisey auf Facebook, Instagram und Snapchat.