Illustration: Amit Barnea

So schwierig ist dein Leben als Veranstaltungstechniker

Kaum abgesichert, mickrige Rente und Stress nicht nur mit dem Finanzamt, sondern auch mit dem Publikum: Als Selbstständiger im Clubbetrieb ist es alles andere als einfach, wie uns Martin erzählt.

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Juni 30 2017, 8:30am

Illustration: Amit Barnea

In unserer neuen Rubrik "Nachtschicht – Arbeiten im Club" erkunden wir, wie es wirklich ist, hinter den und vor den Kulissen eines Clubs oder Festivals zu arbeiten. Den Anfang macht dieses Protokoll.

Ich bin Quereinsteiger in der Branche. Nach meinem Schulabschluss hab ich eine Ausbildung zum Offsetdrucker gemacht und zwei Jahre in dem Job gearbeitet. Dann merkte ich aber, dass ich keinen Bock habe, für den Rest meines Lebens von 8 bis 16 Uhr an der Maschine zu stehen und immer dicker zu werden. Obwohl ich mit Anfang 20 jeden Monat 1.800 Euro auf dem Konto hatte.

Früher habe ich noch aufgelegt und auch mal Partys veranstaltet, und dabei Blut geleckt. Also machte ich mich mit meinen Kontakten als Veranstaltungstechniker selbstständig. Das war vor zehn Jahren. Um die Zukunft, meine Rente und das Finanzamt habe ich mir damals keine Gedanken gemacht. Auch nicht darum, was passieren sollte, wenn ich in diesem Geschäft zwischen Schwarzarbeit und Lohndumping krank würde oder eine Familie gründen wollte.

Doch schon am Anfang meiner Selbstständigkeit gab es Phasen der Angst: Wie sieht der nächste Monat aus? Kommen genug Jobs rein? Kann ich meine Miete und meine Krankenkasse zahlen? In der Regel hatte ich noch ein paar Backups und konnte in einer Bar ein paar Getränke verkaufen.

Einmal saß ich allerdings bei meiner Mama zu Hause und hab ihr gesagt: "Mama, ich kann die Miete nicht zahlen." Sie ist dann eingesprungen. Irgendwann hatte ich aber genug Jobs und habe kaum noch eigene Technopartys organisiert. Stattdessen konzentrierte ich mich auf meinen Beruf, arbeitete für diverse Festivals und Clubs.

Bevor DJs wie Richie Hawtin auflegen können, ist einiges an Vorbereitung nötig. Foto: Imago/Christian Schroth

Morgens um sieben Uhr kam bei mir immer der Punkt, an dem ich alle Menschen nur noch gehasst habe. Dann bettelte ich den Verantwortlichen an, dass er doch mal den ein oder anderen Floor zumacht, damit ich mit dem Rückbau anfangen kann.

In einem bekannten Berliner Club hab ich fünf Jahre lang regelmäßig geackert. Eine typische Woche ging von Donnerstag bis Sonntagmittag. Wir waren drei Tonleute, ich kümmerte mich vor allem um Konzerte, Lesungen und Poetry Slams. Das war eine schöne Zeit, ich war jung und motiviert, auch wenn das ein bisschen abgedroschen klingt. In dieser Phase konnte ich Feiern und Arbeiten miteinander verbinden, denn letztlich war alles Technische nicht so aufwendig, dass ich 100 Prozent nüchtern sein musste. Die langen Arbeitszeiten führten aber dazu, dass ich hin und wieder mal eine Stunde an der Bar rumhing oder mit den Kollegen ein stilles Örtchen aufsuchte, um dort zu verweilen – wenn du verstehst, was ich meine.

Dieser Arbeitsrhythmus hatte einen Nachteil: Montags und dienstags war ich komplett im Arsch.

Bei längeren Raves kam ich bereits mittags in den Club, um aufzubauen und den Soundcheck zu machen. Als sich die Clubtüren öffneten, hatte ich bereits acht Stunden Maloche hinter und eine 12-Stunden-Party vor mir. Wenn du Glück hast, gibt es bei solchen Events ein Zwei-Schichten-System. Oder du ziehst durch und hast dann locker 16 Stunden auf dem Zettel.

Morgens um sieben Uhr kam bei mir immer der Punkt, an dem ich alle Menschen nur noch gehasst und den Verantwortlichen angebettelt habe, dass er doch mal den ein oder anderen Floor zumacht, damit ich mit dem Rückbau anfangen kann.

Aber damals war das für mich trotzdem völlig OK. Durch die vielen Stunden bin ich bei einem damaligen Stundensatz von 15 Euro pro Stunde auf 200-300 Euro gekommen – mit einer Schicht.

Heute denke ich: Im Verhältnis zum nächsten Tag war das eigentlich zu wenig. Ich bin Sonntagmittag nach Hause gekommen, hab dann nur gepennt. Aber am Montag war ich immer noch so zerstört, dass ich da auch keinen Job machen konnte.


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Was mich damals aber wirklich angekotzt hat, war das Finanzamt. Da hast du mal endlich 5.000 Euro auf dem Konto und dann musst du 4.400 davon für Steuern ausgeben. Als Selbstständiger musst du Umsatz- und Einkommenssteuer zahlen. Diese Doppelbesteuerung kann dir das Genick brechen. Viele Kollegen von mir haben dieses Problem, dass sie im Sommer einen Haufen Knete bei einer längeren Tour machen, aber im Winter halt nichts haben. Das Finanzamt denkt jedoch, dass es im Winter wie im Sommer läuft und will dementsprechend eine Vorauszahlung.

Fatal ist bei vielen auch, dass sie Ende des Jahres ihre Steuererklärung machen und erst dann Umsatzsteuer zahlen. Ich würde jedem freien Techniker empfehlen, das monatlich oder quartalsweise zu machen und sich einen Steuerberater zu holen, wie ich es gemacht habe. Der kostet mich zwar Geld, aber wenn er gut ist, holt er mehr als das auch wieder rein.

Es gibt keine Sicherheiten, außer neue Jobs anzunehmen und in dieser Rotation zu verharren.

Mit der Geburt meiner Tochter merkte ich, dass ich zwei komplett verschiedene Lebensrhythmen habe. Tagsüber mit Kind und nachts die Arbeit. Das hat einfach nicht hingehauen. Es war nicht geil. Am Anfang machte ich noch diese brutalen DJ-Betreuungen, bei denen ich dann morgens um elf Uhr DJs aus der Booth werfen musste, die nicht aufhören wollen. Für das Publikum war ich dann der Buhmann. Heute, mit Anfang 30, mache ich diese Clubschichten nicht mehr.

Außerdem musst du auch an die Zukunft denken, besonders mit einer Familie. Als Selbstständiger hast du einfach kein Back-up. Wenn du krank wirst, kannst du nicht arbeiten und kriegst kein Geld. Nach 30 Tagen kriegst du Krankenkassenzuschuss. Aber dann bist du schon verhungert. Die meisten in dieser Branche leben von der Hand in den Mund. Du hast keine Möglichkeit, dir bei Banken einen Kredit zu holen. Es gibt keine Sicherheiten, außer neue Jobs anzunehmen und in dieser Rotation zu verharren.

Ich hatte immerhin das Glück, dass mein Vater mich dazu zwang, in eine private Rentenversicherung einzuzahlen. Da war ich 18 Jahre und dachte: "Ey, lass mich doch mal mit dieser Scheiße in Ruhe." Mittlerweile bin ich froh darüber. Wenn ich mir andere Kollegen angucke, die Anfang 40 sind und langsam anfangen zu überlegen, was sie im Alter machen … Die haben schon die Arschkarte gezogen. Wenn ich meinen gesetzlichen Rentenbescheid bekomme und dann lese, dass ich 70 Euro kriege, bekomme ich auch Muffensausen.

Mittlerweile ist das Risiko, das ich früher als Selbstständiger hatte, nicht mehr so groß. Das liegt aber vor allem daran, dass ich mit ein paar anderen Leuten vor ein paar Jahren ein Festival gegründet habe und wir uns mittlerweile dort selbst anstellen können. Dadurch bin ich aus der privaten Krankenkasse raus, was wirklich geil ist. Das ist ein Doppelgewinn, erstens bekomme ich ein Mini-Gehalt und zweitens bin ich krankenversichert. Grad die Krankenkasse ist für Selbstständige eine extreme finanzielle Belastung. Am Ende meiner Selbstständigkeit war ich bei 350 Euro Monatsbeitrag.

Als ich damals angefangen habe, gab es große Raves, bei denen alle schwarzgearbeitet haben. Da war alles entspannter, weil es viele Off-Locations gab, in die hat man einfach ein paar Boxen und eine Bar gestellt und dann Party gemacht.

Natürlich wäre es für die freien Techniker ein Luxus, in einem Angestelltenverhältnis zu sein. Aber die meisten Clubs können sich das gar nicht leisten. Wer einen Club betreibt, braucht Leute, die da mit Idealismus rangehen und auch mal eine Stunde länger bleiben, ohne das aufzuschreiben. Anders lässt sich sowas gar nicht durchziehen, sonst hast du keine Chance. Jeder Club hat so angefangen, gleiches gilt für nicht-kommerzielle Festivals. Geld wird dabei immer erst später generiert und dann wollen die Leute natürlich zu Recht was vom Kuchen ab. Und dadurch wirst du in die Professionalität gezwungen.

Wenn Clubs dann Leute fest anstellen, dann in anderen Bereichen. Zum Beispiel diejenigen, die die Getränkedispo, Buchhaltung oder das Personal koordinieren, weil die auch unter der Woche da rumhängen und genug zu tun haben. Techniker oder Barkeeper stehen in dieser Reihe am Ende, denn die kommen nur zur Veranstaltung und gehen danach wieder.

Als ich damals anfing, gab es große Raves, bei denen alle schwarzgearbeitet haben. Da war alles entspannter, weil es viele Off-Locations gab, in die hat man einfach ein paar Boxen und eine Bar gestellt und dann Party gemacht. Heutzutage musst dich in Clubs einmieten, weil es kaum noch Locations gibt, wo man geheim was machen kann. Die Behörden sind da viel mehr hinterher, die wissen ganz genau, dass besonders die Clubs in Berlin viel Umsatz machen.

Lange kannst du in diesem Veranstaltungsbereich nicht arbeiten, zumindest wenn es um Clubs geht.

Es ist trotz allem ein angenehmer Job. Du kannst dir aussuchen, wie lange du arbeitest. Wenn du ein einigermaßen festes Einkommen hast, kannst du auch mal eine Woche nicht arbeiten. Ich hab beide Seiten erlebt, das Angestelltenverhältnis und das freiberufliche. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, in ein klassisches Angestelltenverhältnis zurückzugehen. Klar hat man immer pünktlich Feierabend, im Krankheitsfalls trotzdem Geld auf dem Konto und man kann sich dann nach dem Feierabend ein Bier aufmachen und den Arbeitstag einfach vergessen und chillen. Auf der anderen Seite musst du tun, was dir gesagt wird und dich an Schichten halten. Als Freier hast du halt diese Freiheiten. Das will ich nicht missen.

Ob ich meinen Kindern dazu raten würde, später diesen Job zu machen, weiß ich nicht. Sie sollen ihre Erfahrungen natürlich selbst machen. Vielleicht würde ich ihnen von der Branche abraten, weil die Konkurrenz zu groß und hart ist. Die Berufsschulen in Berlin spucken jedes Jahr 200 neue Techniker aus, die alle auf den Markt drängen und versuchen, irgendwo ihren Fuß reinzubekommen.

Manche Leute machen dann Jobs für einen Lohn, für den ich nicht arbeiten gehen würde. Ich hatte zum Beispiel mal eine Anfrage von einer Firma. Es ging um Aufbau, Betreuung und Transport einer Anlage für eine Veranstaltung. Mit eigenem PKW. Das hat einer dann für 150 Euro gemacht. Einfach nur um den Job zu bekommen. Die Techniker dumpen sich gegenseitig weg.

Außerdem muss man körperlich viel buckeln. Der Umgang mit Drogen und Alkohol ist auch stark vertreten in dem Beruf. Davon will man seine eigenen Kinder ja möglichst fern halten.

Lange kannst du in diesem Veranstaltungsbereich auch nicht arbeiten, zumindest wenn es um Clubs geht. Guck dir die Leute mal an, es gibt sehr wenige, die über 40 sind und im Club arbeiten. Und wenn du die siehst, haben sie Zucker, sind schlecht gelaunt und kurz vor dem Burnout.

*Martin heißt im wahren Leben anders.

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