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Sex

Warum wir Menschen beim Sex beim falschen Namen nennen

Ein Neurowissenschaftler erklärt, warum es nicht zwingend das Ende der Liebe bedeuten muss, wenn man seinen aktuellen Partner mit dem Namen des oder der Ex anspricht.

von Sophie Saint Thomas
03 Januar 2017, 8:00am

Photo by Alexey Kuzma via Stocksy

Nach dem Ende seiner sechsjährigen Beziehung begann Steve* schließlich, sich mit einer anderen Frau zu treffen. Sie waren gerade ein paar Wochen zusammen, als es passierte: „Ich habe meine aktuelle Freundin Nicole mit ‚Laura', dem Namen meiner Ex, angesprochen", erzählt der 28-Jährige. „Plötzlich ist es im kompletten Raum totenstill geworden."

Ein derartig peinlicher Fehltritt ist wahrscheinlich schon ziemlich vielen von uns passiert. Laut Dr. Jim Pfau, Professor der Neurowisschenschaften und Psychologie an der Concordia University, sollten wir uns deswegen allerdings nicht schlecht fühlen—und er muss es wissen, denn er beschäftigt sich wissenschaftlich mit unserer Wahrnehmung während des Geschlechtsverkehrs auseinander. Unser Gehirn funktioniert einfach so, sagt er und bezieht sich dabei auf den Pawlowschen Reflex. „Wenn wir euphorisch sind, beschwören wir Erinnerungen an Situationen hervor, in denen wir ähnlich euphorisch waren", erklärt er.

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Studien legen nahe, dass unsere Aktivitäten während des Geschlechtsverkehrs in einem bestimmten Teil des Gehirns stattfinden. „Während des Orgasmus empfinden Frauen keine romantischen Gefühle", sagte Gert Holstege von der Universität Groningen in einem Interview mit New Scientist. (Im selben Artikel wird auch erklärt, warum diesbezügliche Untersuchungen bei Männern schwieriger sind. Die Gehirn-Scanner, die in dem Experiment verwendet wurden, untersuchten die Hirnaktivitäten nämlich über den Zeitraum von zwei Minuten und bei „Männern ist alles innerhalb weniger Sekunden vorbei.")

Was unser Gehirn tut, wenn wir einen Orgasmus haben, ist insofern interessant, als dass es Menschen gibt, denen die Namensverwechslungen beim Höhepunkt besonders häufig unterkommen. Beca zum Beispiel. Die 29-jährige Autorin erzählt, dass es ihr „inmitten eines besonders heftigen Orgasmus, wenn sich mein Verstand quasi ausschaltet", passiert.

Die Erektion kann warten. Macht eine Pause und redet darüber, damit ihr das Ganze doch noch zu einem guten Ende bringen könnt.

So schrecklich es einem vielleicht auch vorkommen mag, seinen Partner oder seine Partnerin im Bett beim falschen Namen zu nennen—es muss nicht zwingend etwas Schlechtes sein, sagt zumindest Pfaus. Oft bedeutet es lediglich, dass die besondere Nähe und Intimität, die man mit der Person hat, einen an frühere intensive Partnerschaften erinnert. „Lassen wir uns mal annehmen, dass es für die Person einen Liebhaber gab, der sie ganz besondere Dinge hat fühlen lassen. Diese intensiven Gefühle, die Qualität der Orgasmen und die Nähe, die man zueinander hat, werden dann mit dieser einen Person und ihrem Namen assoziiert", erklärt er.

Eine Studie der Duke University hat in diesem Jahr herausgefunden, dass Namensdreher bei den Leuten, die uns nahe stehen, ein „weitverbreitetes Phänomen" ist. Ein Phänomen, dass oftmals Personen aus derselben semantischen Kategorie zusammenwirft—sprich: Wir verwechseln Geschwister miteinander, vertauschen die Namen von verschiedenen Freunden oder werfen aktuelle Partner und verflossene Liebschaften durcheinander. Auch der Klang der jeweiligen Namen kann eine Rolle spielen (weswegen man sich nach einem Ken nicht unbedingt mit einem Kevin einlassen sollte), allerdings eine eher untergeordnete. Die Studie hat herausgefunden, dass „das falsch Benennen von Bekannten vor allem davon abhängt, wie die Beziehung zwischen falsch Benenner, falsch Benanntem und Benanntem ist".

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Diese Ergebnisse erklären also auch, warum es wahrscheinlicher ist, sein Tinder-Date mit dem Namen eines Exfreundes anzusprechen als mit dem des Vaters.

Egal was einen nun dazu bringt, im falschen Moment den falschen Namen zu rufen—sei es die Tatsache, dass ein Orgasmus den Kopf leerfegt oder allgemeine Verwirrung innerhalb einer semantischen Kategorie: Ungleich wichtiger ist, wie man mit diesem Fauxpas umgeht. Laut Pfaus seien die einzigen Menschen, die sich über Namensverwechslungen aufregen, die, die „eifersüchtig sind und glauben, ihren Partner zu besitzen". Seiner Meinung nach sei das Wichtigste in solchen Situationen, offen miteinander zu reden. „Die Erektion kann warten. Macht eine Pause und redet darüber, damit ihr das Ganze doch noch zu einem guten Ende bringen könnt."

Bei Steve hat genau das dazu geführt, dass seine frischgebackene Beziehung kein vorzeitiges Ende gefunden hat. „Nicole war absurderweise sehr verständnisvoll", erzählt er. „Außerdem hat sie zugegeben, dass ihr das kürzlich beinahe selbst passiert wäre, weswegen ich mich um einiges besser gefühlt habe."

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Für alle unter uns, die noch nie sonderlich eifersüchtig waren, kann eine solche Situation sogar richtig lustig sein. Als Raul* im Bett einmal aus Versehen den Namen seiner Ex-Freundin gesagt hat, fand seine neue Flamme das ziemlich heiß. „Ich wusste damals gar nicht, dass meine Partnerin die ganze Zeit darüber fantasiert hat, wie ich es mit meinen Ex-Freundinnen getrieben habe", sagt er. „Sie dachte, dass ich absichtlich den falschen Namen gesagt habe und meinte: ‚Ja, erzähl mir, wie du sie gefickt hast!'"

Wenn alle Stricke reißen, kann man sich immer noch einreden, das es bedeutend schlimmer kommen könnte. Im Rahmen der Duke-Studie gaben 42 Prozent der Befragten an, den Namen eines geliebten Menschen mit dem eines Haustieres verwechselt zu haben—meistens dem eines Hundes.


*Name geändert

Titelfoto: imago | Ikon Images

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