Feminisme

Warum Frauen leichter blaue Flecken bekommen als Männer

Wir haben versucht, eines der größten Rätsel der Menschheitsgeschichte zu lösen und Experten gefragt, woher die ganzen blauen Flecken auf unseren Beinen kommen.
22.9.16
Image by Nadya Peek via Flickr

Hast du auch schon mal einen riesigen blauen Fleck auf deinem Bein entdeckt und dir gedacht: „Wo zur Hölle kommt der denn her?" Ich persönlich kann ehrlich sagen, dass es mir und jeder anderen Frau, die ich in meinem Leben getroffen habe, schon öfter so ging.

„Ich habe ständig blaue Flecken", sagt auch Melinda Kashner aus Los Angeles, die als Comedian arbeitet. „Mein Chef hatte deswegen sogar schon mal ein ‚Ist bei Ihnen zu Hause alles in Ordnung?'-Gespräch mit mir."

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Kashner findet fast immer mindestens einen blauen Fleck unbekannter Herkunft auf ihrem Körper. „Sowohl auf den Beinen als auch auf den Armen—fast ausschließlich auf den Extremitäten", sagt sie. Kashner ist aber bei Weitem nicht die Einzige.

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Auf Tumblr findet man einen Post, der allein aus dem Beitragstitel „Team mysteriöse blaue Flecken auf den Beinen" besteht und mehr als 350.000-mal kommentiert wurde. Der Großteil der Leute, die diesen Beitrag teilen, identifizieren sich selbst als weiblich. Als ich auf Facebook bekannt gegeben habe, dass ich auf der Suche nach Personen bin, die dasselbe Problem haben, kamen die Antworten, die ich bekommen habe, ausschließlich von Frauen. Eine Frau hat mir sogar ein Foto von ihrer Sammlung an blauen Flecken geschickt, die sie derzeit auf dem Bein hat und die aussehen wie ein trauriger Smilie. Der einzige Mann, der auf meinen Post reagiert hat, hat in seinem Kommentar eine Frau getaggt, die er kannte.

„Ich kann mich noch ziemlich genau daran erinnern, wie ich als Kind in der vierten Klasse ein Kleid tragen musste und von den anderen Kinder ständig gefragt wurde, wo die ganzen blauen Flecken an meinen Beinen herkamen", sagt Jackie mit dem traurigen Smilie aus blauen Flecken auf dem Bein, „aber ich hatte keine Ahnung."

Jackie hat bis heute keine Ahnung. „Vermutlich bin ich einfach nur tollpatschiger als andere? Ich habe aber nicht den Eindruck, dass ich mich andauernd an irgendwas stoße."

Jackies trauriger Smilie aus blauen Flecken

Unsere Haut besteht aus drei Schichten: der Epidermis (der Oberhaut, die man sehen kann), der Dermis (in der sich die Kapillargefäße, Schweißdrüsen und Haarfollikel befinden) und der Subcutis (die größtenteils aus Fett, einigen Blutgefäßen und anderen Stützstrukturen besteht). Ein blauer Fleck entsteht dann, wenn Blutgefäße in der Dermis oder der Subcutis verletzt werden, was dazu führt, dass Blut in das umliegende Gewebe austritt. Ein blauer Fleck wird aber nicht sofort sichtbar: In der Regel dauert es ein oder zwei Tage. Die Farbe des Flecks hängt dabei von der Tiefe der Verletzung ab.

„Es gibt den sogenannten Tyndall-Effekt", erklärt Dr. Dawn Davis, Dermatologin an der Mayo Clinic in Minnesota. „Danach können die Farben anders aussehen, je nachdem in welcher Hautschicht sie sich befinden. Je tiefer die Verletzung in die Haut geht, desto dunkler sehen die blauen Flecken aus." Derselbe blaue Fleck, der an der Hautoberfläche braun oder rötlich aussieht, würde lila oder sogar schwarz aussehen, wenn die Verletzung in der Subcutis sitzen würde.

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Gibt es etwas, das die Haut von Frauen anfälliger für blaue Flecken macht? Der Dermatologe Jeffrey Benabio schreibt in seinem Blog, dass Frauen im Vergleich zu Männern leichter blaue Flecken bekommen, weil ihre Haut mehr Fett und weniger Kollagen besitzt. „Die dichte Kollagenschicht ist bei Männern dicker und die Blutgefäße sind besser geschützt", schreibt er. „Genauso kann man die strukturellen Unterschiede zwischen der Haut von Männern und Frauen in Dingen wie Cellulite sehen."

Laut Dr. Joel Cohen von AboutSkin Dermatology ist Kollagen „der strukturelle Hauptbaustein der Haut." In der Dermis bildet das Kollagen ein Geflecht aus Fasern, das den Rest der Haut zusammenhält wie ein Netz. Kollagen stützt die Blutgefäße, sodass diese vor stumpfer Gewalteinwirkung besser geschützt sind. Unterhautfettgewebe bietet dagegen keine stützende Struktur für die Blutgefäße—es polstert lediglich. „Es ist Teil unseres Puffers, bevor es auf den Knochen geht", sagt Cohen. „Es schützt unsere Knochen und Muskeln vor der Außenwelt."

Stell dir vor, deine Haut wäre ein LKW voller Pfirsiche.

Stell dir vor, deine Haut wäre ein LKW voller Pfirsiche. Wenn die Haut viel Kollagen enthält, sind die Pfirsiche in Kisten verpackt. Sie haben einen festen Platz und bekommen während dem Transport nicht so leicht Flecken. In fettreicherer Haut schwimmen die Pfirsiche in Pudding. Sie rumpeln leichter hin und her und sind allgemein beweglicher. Wenn die beiden LKWs voller Pfirsiche dieselbe Straße entlang fahren, dann ist es wahrscheinlicher, dass die Pfirsiche im Pudding-LKW mehr Flecken bekommen, als die im LKW ohne Pudding.

Es gibt nur ein Problem bei dieser Theorie: Nicht alle Frauen haben mehr subkutanes Fettgewebe als alle Männer. Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass Frauen eine Extraschicht Fett haben—was immer wieder in Abnehm- oder Bodybuilderblogs zur Sprache kommt.

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Wie so oft sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern äußerst kompliziert. „Es ist schwierig, eine pauschale Verallgemeinerung zu finden", sagt Cohen. „Das hängt stark vom BMI des jeweiligen Menschen ab." BMI steht für Body Mass Index—eine Zahl, die davon abgeleitet wird, wie viel du wiegst und wie groß du bist. Ähnlich wie bei den Geschlechtern gibt es auch beim BMI eines Menschen eine extrem weite Spanne an Möglichkeiten.

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„Was wir sicher sagen können, ist, dass Männer und Frauen unterschiedliche BMI-Spannen haben", sagt Davis, „und wo sie Fett einlagern, hängt vom Östrogen- und Testosteronspiegel ab. Folglich können Männer und Frauen an unterschiedlichen Stellen blaue Flecken bekommen." Männer neigen dazu Fett „über dem Gürtel" anzusetzen, wohingegen Frauen eher an den „Schenkeln, Hüften und am Hintern" einlagern.

Davis weist auf einen weiteren Grund hin, warum Frauen leichter und öfter blaue Flecken bekommen als Männer. „Östrogen schwächt die Wände der Blutgefäße", sagt er. Wissenschaftler sind sich noch immer nicht sicher, wie das Ganze funktioniert, aber Östrogen verlangsamt die Bildung von Blutgefäßwänden. Östrogen ist darüber hinaus auch ein Vasodilatator. Das heißt, es weitet die Blutgefäße, wodurch auch mehr Blut austreten kann, bevor es gerinnt. „Deswegen bekommen Frauen auch Krampfadern", sagt Davis, „und deswegen verändern sich die Blutgefäße von Frauen nach der Menopause."

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Titelfoto: Nadya Peek | Flickr | CC BY 2.0