Psychologie

Münchhausen by Internet: Warum Menschen online krankhaft lügen

Wenn Menschen im Netz falsche Identitäten mit tragischen Schicksalen erfinden, um die Aufmerksamkeit und das Mitgefühl anderer zu ernten, verbirgt sich dahinter oft eine ernste psychische Störung.

von Jessica Machado
26 Juli 2016, 7:15am

Illustration by Katherine Killeffer

Casey Bowmans Sohn starb an plötzlichem Kindstod. Der andere an Leukämie. Später erlitt sie eine Fehlgeburt mit Zwillingen. Brittany „Brett" Schmidt erkrankte dreimal an Brustkrebs. Im Alter von 21 Jahren bekam sie mehrere Gehirntumore gleichzeitig. Und John „J.S." Dirrs Frau starb am Muttertag bei einem Autounfall, woraufhin er die gemeinsamen 11 Kinder—darunter auch ein krebskranker 5-Jähriger—allein großziehen musste.

All diese Geschichten klingen zu tragisch, um wahr zu sein. Was daran liegen könnte, dass sie es auch nicht sind. Casey, Brett und J.S. sind falsche Identitäten, die von Leuten erschaffen wurden, die im Netz auf der Suche nach Mitgefühl sind und ihre Follower sowie neugewonnen Freunde in Blogs und entsprechenden Unterstützerforen deshalb bewusst täuschen. Es gibt viele Menschen—insbesondere Frauen—, die diese spezielle Form der Täuschung einsetzen. Tatsächlich steckt hinter den ausufernden Lügenmärchen meist keine böse Absicht, sondern die Manifestation einer ernstzunehmenden psychischen Erkrankung.

Mehr lesen: Die Leute, die sich auf Social Media für Prominente ausgeben

Das Münchhausen-Syndrom ist eine artifizielle Störung, bei der die Betroffenen gesundheitliche Probleme vortäuschen, übertreiben oder selbst verursachen—was zum Teil so weit geht, dass sie sich selbst verletzen oder vergiften, indem sie sich beispielsweise Fäkalien oder Benzin spritzen—, um sich das Mitgefühl ihrer Mitmenschen zu sichern. Ähnlich äußert sich auch das Münchausen-Stellvertretersyndrom, bei dem die Betreuer (meist die Eltern) ihren Schutzbefohlenen (den Kindern) Verletzungen zufügen. Das Münchhausen-by-Internet-Syndrom (MBI) ist dagegen eine nach wie vor eher unbekannte Variante der Störung. Statt vor einem Arzt inszenieren die Betroffenen ihre Krankheit beziehungsweise ihr Schicksal online, vor einer leicht erreichbaren Zielgruppe, die ihre eigenen Verluste zu verkraften versucht. „Betroffen" bedeutet in diesem Zusammenhang aber nicht zwingend, dass sie selbst die Hauptfigur der erfundenen Schicksalsschläge sind.

Dr. Marc Feldmann, ein Psychiater und führender Experte für das Münchhausen-Syndrom, war der erste, der1998 MBI definierte. Im Laufe seiner langjährigen Forschungsarbeit stellte er fest, dass Münchhausen-Patienten meist einem bestimmten Profil entsprechen.

„Natürlich gibt es Ausnahmen und einige der eklatanteren und sadistischeren Fälle wurden auch von Männern ausgeführt, aber bei dem Großteil der Fälle—dem gewöhnlichen MBI-Patient, wenn man so will—handelt es sich um eine Frau", erklärt er. Laut ihm sind diese Frauen in der Regel weiß, zwischen Anfang 20 und Anfang 30, leben in eher abgelegenen Regionen und leiden zusätzlich an einer weiteren psychischen Krankheit.

Einer der bekannteren und aktuelleren Fälle von Münchausen by Internet ist der von J.S. Dirr. Er unterhielt eine Facebook-Seite namens „Warrior Eli", auf der er von der angeblichen Nierenkrebserkrankung seines Sohnes berichtete. Als er am Muttertag schrieb, dass seine Frau gestorben sei, meldeten sich über Nacht mehr als 6.000 Menschen auf seinen Post. Skeptiker entlarvten J.S. jedoch irgendwann und stellten fest, dass sich dahinter eigentlich Emily Dirr, eine 22-jährige ehemalige Medizinstudentin aus Ohio, verbarg, die seit mehr als 11 Jahren unter falschen Identitäten im Internet unterwegs war.

Dirrs Hingabe für ihre Lügenmärchen war—gelinde gesagt—beeindruckend: Wie berichtet wurde, hatte sie mehr als 71 Facebook-Profile, auch bekannt als „Sockenpuppen", um die Identität von J.S. mithilfe von Kommentaren und Markierungen auf Fotos zu verifizieren. Zuvor hatte sie mehrere Blogeinträge als J.S. geschrieben, in denen sie von seinem Leben als Polizist in Kanada und ehemaligen Liebschaften berichtete. Als J.S. soll sie sich angeblich auch in mehrere Online-Affären gestürzt und sich eine Zeit lang Nachrichten mit einer Teenagerin geschrieben haben.

Obwohl die ganze Warrior-Eli-Saga überall im Netz zu finden ist, wäre es nicht schwer für Dirr, einfach im Schatten des Internets zu verschwinden und unter einem anderen Pseudonym wieder aufzutauchen—was die meisten Betroffenen auch machen. Es hat keine strafrechtlichen Konsequenzen, mit den Gefühlen von Leuten im Netz Schindluder zu treiben. Das Internet ist zu einer Art Safe-Space für Menschen geworden, die nach Aufmerksamkeit suchen und dabei oft unter nicht diagnostizierten psychischen Erkrankungen leiden.

Anscheinend fühlen sich Frauen im Umgang mit sozialen Medien freier und können ihre Bedürfnisse auf diesem Weg befriedigen, ohne offenkundig soziopathisch zu wirken.

„Wenn Männer ihre Fantasien ausleben, tun sie das meist öffentlich durch irgendeine Straftat und landen danach im Gefängnis", sagt Feldman. „Frauen leben sich dagegen meist innerhalb des Systems aus. Anscheinend fühlen sich Frauen im Umgang mit sozialen Medien zudem auch freier und können ihre Bedürfnisse auf diesem Weg befriedigen, ohne offenkundig soziopathisch zu wirken."

In den meisten Fällen gehen MBI-Betroffene nicht ganz so weit wie Dirr. Viele Fälle bleiben deshalb unerkannt. Doch es gibt auch Fälle, in denen die Lügen unvorstellbar vielschichtig sind und ernste Konsequenzen nach sich ziehen. Taryn Harper Wright, eine der Schlüsselfiguren bei der Enthüllung des Warrior-Eli-Schwindels, schreibt mittlerweile einen Blog, auf dem sie die komplizierten Geschichten von Leuten, die falsche Tragödien inszenieren, um im Netz Mitgefühl zu ernten, aufdeckt. Hierzu nutzt sie Hinweise und Belege, die ihr von Freiwilligen und Lesern zugeschickt werden. Mittlerweile hat sie fast 20 weitere solcher Betrugsgeschichten enthüllt, darunter auch die Geschichte von Iraland Ramano, hinter der sich die 18-jährige Brianna Johnson aus dem US-Bundesstaat Ohio verbarg.

Als Iraland hat es Johnson geschafft, hunderte junge Menschen im Netz davon zu überzeugen, dass sie an verschiedenen Formen von Krebs litt. Ihre neuen Freunde verkauften „Hope for Iree"-Armbänder an ihren Schulen und bastelten Kerzentüten, um das Bewusstsein der Leute zu schärfen. Manche von ihnen tauschten mehrmals am Tag Nachrichten mit ihr aus. Iralands Zustand schien sich immer dann zu verschlechtern, wenn sie nicht die ungeteilte Aufmerksamkeit ihrer Freunde hatte. Irgendwann kam zu ihrem anhaltenden, schweren Schicksal dann auch noch hinzu, dass ihr Freund und sein Vater starben. Ein weiterer Fall, über den vielfach berichtet wurde, war der einer Frau namens Joanie Faircloth. Sie beschuldigte den Musiker Conor Oberst, sie missbraucht zu haben. Später widerrief sie ihre Aussage. Während des Prozesses, der inzwischen eingestellt wurde, behauptete der Anwalt von Oberst, Faircloth hätte schon des Öfteren gelogen und wäre zuvor bereits als Krebspatient und als Junge namens Zac, der irgendwann Selbstmord beging, aufgetreten.

Obwohl nie bekannt wurde, ob bei Johnson, Faircloth und all den anderen „Schwindlern" eine Störung festgestellt werden konnte oder nicht, lässt sich ein Muster hinter den Betrugsfällen erkennen: Sie alle haben das Bedürfnis nach stetiger Aufmerksamkeit und tun das auf einem in ihren Augen sicheren, vergleichsweise konsequenzarmen Weg. Feldman sagt, dass Münchhausen sich nicht nur über das Vortäuschen falscher Krankheiten definiert, sondern auch damit zusammenhängt, dass sich Leute durch falsche Behauptungen zum Opfer machen—sei es durch Vergewaltigungsvorwürfe oder angeblichem Stalking. „Diese Fälle scheinen sich in sich steigernden oder immer wiederkehrenden Krisen zu entfalten", sagt er. „Und ich denke, das ist so beabsichtigt, damit die Leute aufmerksam bleiben."

Warum insbesondere Frauen von diesem Syndrom betroffen sind? Sie stehen einfach mehr auf Geschichten, so sehr das im ersten Moment auch nach einem stereotypen Rollenklischee klingen mag. Frauen sehen sich häufiger Seifenopern, Drama-Serien und Reality-Shows an; Frauen lesen mehr Erotika (wie Fifty Shades of Grey), während Männer in der Regel visueller sind (und sich lieber gleich Pornos im Netz anschauen); und Frauen haben kein Problem damit, auch sehr persönliche, umfangreiche Geschichten in Online-Kommentarspalten zu teilen. „Männer fordern die Aufmerksamkeit und Sympathie anderer aktiv ein", sagt Feldman. „Frauen verhalten sich da passiver und hoffen, dass ihnen [die erhoffte Aufmerksamkeit] entgegengebracht wird. In der Anonymität des Internets erfinden Frauen Geschichten, die unweigerlich dazu führen müssen, dass sie die Aufmerksamkeit und das Mitgefühl der anderen bekommen. Sie suchen sich also einen Vorwand, anstatt es offen zum Ausdruck zu bringen."

In der Anonymität des Internets erschaffen Frauen Geschichten, die unweigerlich dazu führen müssen, dass sie die Aufmerksamkeit und das Mitgefühl der anderen bekommen.

Laut Feldman leiden fast alle Betroffenen des Münchhausen-by-Internet-Syndroms unter einer Persönlichkeitsstörung. In der Vergangenheit haben Studien bereits gezeigt, dass Borderline (unregulierte Gefühlsausbrüche, impulsives Verhalten und instabile Beziehungen) und eine Histrionische Persönlichkeitsstörung (größere dramatische Stimmungsschwankungen und ein extrem verzerrtes Selbstbild) vor allem bei Frauen diagnostiziert werden. Das National Institute on Mental Health hat darüber hinaus festgestellt, dass 85 Prozent der Borderline-Patienten auch die Kriterien für eine weitere psychische Erkrankung erfüllen. Warum Frauen anfälliger für bestimmte Formen von Persönlichkeitsstörungen sind, wird seit Jahrzehnten diskutiert. Vermutlich liegt diesem Umstand eine Kombination aus biologischen und umweltbedingten Faktoren zugrunde, beispielweise auch sexueller Missbrauch in der Kindheit. Doch auch soziale Faktoren könnten dabei eine Rolle spielen: Laut einer 2013 erschienen Studie ist das Risiko, an einer allgemeinen psychischen Störung wie Depressionen oder Angststörungen zu erkranken, bei Frauen 20 bis 40 Prozent höher als bei Männern. Dabei wurde auch festgestellt, dass Frauen mit einem negativen Selbstbild anfälliger für psychische Probleme sind.

Wright, die „Schwindler" entlarvende Bloggerin, glaubt, dass Depressionen in Fällen von Münchhausen by Internet eine wichtige Rolle spielen. „Sie sind so deprimiert, dass sie unbedingt jemand anders sein wollen. Also erschaffen sie sich einfach ihr eigenes Universum, in dem sie neue Freunde finden und mit anderen in einem sozialen Rahmen interagieren können, der ihnen weniger riskant erscheint", sagt sie.

Eine weitere verstörende Feststellung ist, dass viele Frauen, die unter Münchhausen by Internet leiden, im medizinischen Bereich tätig oder in Ausbildung sind. Eine Handvoll Leute, über die Wright bereits geschrieben hat, haben eine medizinische Ausbildung—so auch Dirr. „Sie haben eine natürliche Faszination für medizinische Dinge, die oft auch ihre Berufswahl beeinflusst", sagt Feldman, der anmerkt, dass dieses Interesse oft schon in jungen Jahren beginnt. Wright meint auch, dass einige der harmloseren „Schwindler", die sie konfrontiert hat (über die sie aber nicht zwangsläufig auch in ihrem Blog schreibt), Krankheitsgeschichten zu romantisieren scheinen—wie die Liebesgeschichte der beiden krebskranken Jugendlichen in Das Schicksal ist ein mieser Verräter von John Green. Sie sagt auch, dass diese Blogger nicht wirklich verstehen, dass „da Leute auf der anderen Seite des Bildschirms sitzen, die das lesen, alle ihre Gefühle in das investieren, was sie sagen und mit ihnen trauern."

Das Tragischste an Münchhausen by Internet ist jedoch wahrscheinlich, dass die Krankheit in medizinischen Fachkreisen nicht ausreichend anerkannt ist. Das bedeutet nämlich auch, dass so gut wie keiner der Betroffener die Hilfe bekommt, die er braucht. In der aktuellen Ausgabe der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10) wird Münchhausen nur allgemein als artifizielle Störung klassifiziert. Münchhausen by Internet sowie das Münchhausen-Stellvertretersyndrom werden nicht erwähnt. In der aktuellen Ausgabe des US-amerikanischen Diagnoseklassifikationssystem Diagnostic and Statistic Manual on Mental Disorders (DSM-5) der American Psychiatric Association werden dagegen sowohl das Münchhausen-Syndrom als auch das Münchhausen-Stellvertretersyndrom offiziell als psychische Erkrankung anerkannt. Das Münchhausen-by-Internet-Syndrom findet jedoch auch hier keine Erwähnung.

Im Übrigen findet man dort auch keine andere internetbezogene Störung. Das könnte daran liegen, dass derartige Erkrankungen als zu abstrakt und marginal gelten. Ein weiterer Grund könnte jedoch sein, dass sie mit bekannteren psychischen Erkrankungen wie bipolaren Störungen, Depressionen und Autismus um Aufmerksamkeit und finanzielle Fördermittel konkurrieren müssen. „Ich denke, anders als bei anderen psychischen Störungen, haben Leute wenig Sympathie mit Menschen, die unter dem Münchhausen-by-Internet-Syndrom oder dem Münchhausen-Syndrom leiden", sagt Feldman. „Sie denken, es würde sich dabei um ein freiwilliges Verhalten handeln, mit dem die Leute einfach aufhören müssten."

Foto: Barn Images | Flickr | CC BY 2.0

Obwohl die Handlungen von Münchhausen-by-Internet-Patienten bewusst und gewollt sein können, muss das nicht heißen, dass ihnen klar ist, warum sie das tun. Oftmals haben sie das Gefühl, von ihren Ängsten überwältigt zu werden, bis sie schließlich zusammenbrechen und ihre negativen Gefühle dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie eine Krankheit vortäuschen, sagt Feldman—ähnlich wie bei einer Sucht oder einer Zwangsstörung. Betroffene sind also nicht einfach aufmerksamkeitsgeile Arschlöcher—als die sie oft gedankenlos dargestellt werden—, sondern Menschen, die psychologische Betreuung brauchen. „Sie nehmen die Leute im Netz nicht einfach nur auf den Arm, sie täuschen sie, um Sympathie und Respekt zu bekommen", sagt Wright. „Ich denke nicht, dass sie andere Menschen in ihren Augen zu Opfern machen. Sie erschaffen dieses Universum und versuchen, die Leute mit ihrer Geschichte über eine schreckliche Krebserkrankung zu inspirieren." In anderen Worten: Sie wollen letztendlich einfach nur in der von ihnen erschaffenen Geschichte leben.

Karen gehört einer kleinen Minderheit an: Nicht nur, dass sie eine der Wenigen ist, deren Münchhausen-Syndrom erfolgreich behandelt wurde (nach 15 Jahren bezeichnet sie sich als „geheilt"), sie gehört auch zu der noch kleineren Gruppen von Leuten, die bereit sind, darüber zu sprechen. Allerdings nicht unter ihrem richtigen Namen, weil sie als Betroffene immer wieder auf Vorurteile und Unwissenheit stößt. Als sie ihrem Arzt damals gestand, was sie sich selbst antat, konnte sie in ihrer Heimatstadt keinen einzigen Psychiater finden, der sie begutachten wollte, sagt sie.

Karen litt nicht unter Münchhausen by Internet, aber sie hat regelmäßig Rohreiniger geschluckt, bis ihr irgendwann die Blase entfernt werden musste. Während unseres Telefoninterviews erklärt Karen, dass sie sich aus demselben Grund immer wieder selbst verletzte, wie alle anderen, die auf der Suche nach Aufmerksamkeit sind: um geliebt zu werden. „Ich dachte, ich hätte den idealen Weg gefunden, um geliebt zu werden, ohne etwas Unmoralisches zu tun", sagt sie. „Ich wollte nicht sexuell freizügig sein, trinken oder Drogen nehmen. Ich wollte nichts tun, wovon die Leute dachten, dass es schlecht war."

Karens Wunsch nach Liebe war überaus stark und hatte verheerende Folgen. Als Teenager kam sie in eine Einrichtung, in der überwiegend autistische Kinder lebten. Dort wurde sie misshandelt. Sie lernte schnell, dass ihr ihre selbst zugefügten Verletzungen als eine Art Schutzschild dienten: Wenn sie sich immer wieder selbst verletzte, ließen die anderen von ihr ab—aus Angst, Probleme zu bekommen. Im College hatte sie einen Unfall mit dem Fahrrad und musste ins Krankenhaus. Dort, sagt sie, „dachte ich, ich wäre im Himmel. Die Schwestern setzten sich zu mir und gaben mir die Hilfe, nach der man als Jugendlicher sucht. Sie zeigten mir Bilder von ihren Familien, aßen mit mir zu Mittag." Obwohl der Aufenthalt im Krankenhaus nicht geplant war, dachte sie bei ihrer Entlassung: „‚Ich will nicht gehen.' Ich wusste, dass ich mehr wollte."

In den kommenden 15 Jahren spritzte sie sich Fäkalien, um eine Sepsis zu bekommen oder schluckte Kapseln mit Haushaltsreiniger, bis sie Magengeschwüre hatte—immer dann, wenn sie das Gefühl hatte, dass sie mit ihrem Leben nicht mehr zurechtkam. „Ich wollte einfach nicht allein sein", sagte sie. Sie suchte nicht nach der Aufmerksamkeit eines bestimmten Arztes oder Pflegers, sondern war auf der Suche nach einem Gefühl der Geborgenheit.

Den ersten Versuch aufzuhören, unternahm sie, nachdem sie sich selbst Bakterien injiziert hatte und 42 Grad Fieber bekam. Vollkommen verängstigt erzählte Karen ihrer Ärztin, was sie getan hatte. Ihre Hausärztin sah sich zum ersten Mal mit einem solchen Geständnis konfrontiert und fragte ihre Kollegen um Rat. Die Geschichte, dass sich Karen selbst verletzte, verbreitete sich schnell in der ganzen Stadt, doch kein Arzt schien zu wissen, wie er ihr helfen konnte. Sie fand erst heraus, was das Münchhausen-Syndrom war, als sie Monate später zufällig auf Feldmans Buch Patient or Pretender stieß. In ihrer Verzweiflung nahm sie Kontakt zu Feldman auf, der sie telefonisch beriet. Karen sagt, dass sie sich seit Jahren nicht mehr selbst verletzt hat und in dieser Zeit auch nur einmal einen Rückfall erlitten hat. Bei ihrem zweiten Rückfall merkte sie, dass es ihr nichts mehr gab, also hörte sie auf und hatte seither auch nicht mehr das Bedürfnis danach. Das war vor mehr als 15 Jahren.

Mehr lesen: Von Elfen, Analsex und erotischen Rollenspielen—die Welt der WoW-Sexclubs

Was Karen dabei geholfen hat, sich zu erholen und nicht rückfällig zu werden, verdankt sie ihrer Meinung nach Gott, Feldman und dem Umstand, dass sie eine kleine Gruppe von Leuten gefunden hat, bei denen sie Unterstützung findet. Sie fand Trost im Mitgefühl und Verständnis anderer—etwas, wonach sie schon die ganze Zeit über gesucht hatte.

Doch bevor es Karen schließlich irgendwann besser ging, waren die Gerüchte in ihrer kleinen Heimatstadt zeitweise so schlimm, dass sie in eine andere Stadt ziehen musste, um dort ein neues Leben zu beginnen. (Einmal rief ein Kollege die Polizei, um sie einweisen zu lassen.) Viele Münchhausen-Patienten leben in abgeschiedenen Gegenden und die stark vereinfachte Erklärung für die Internetschwindeleien lautet oftmals, sie hätten „Langeweile". Eine psychische Erkrankung manifestiert sich allerdings nicht in Langeweile und wird dadurch auch nicht verstärkt. Betroffene haben vielmehr das Gefühl, die Krankheit verstecken zu müssen. Außerdem haben sie Angst, nicht akzeptiert zu werden oder von der Gesellschaft als „Weirdo" oder „Psycho" abgestempelt zu werden. Oft fehlt auch die nötige Aufklärung oder entsprechend ausgebildete Mediziner und Psychologen. Laut Feldman muss die Behandlung nicht unbedingt durch einen Münchhausen-Experten erfolgen. Ein guter Psychotherapeut, der Erfahrung mit Persönlichkeitsstörungen hat, ist ebenso qualifiziert.

Momentan hört Feldman kaum etwas von den Betroffenen selbst. Das heißt jedoch nicht, dass es weniger Fälle von Münchhausen by Internet gibt. Wright sagt, das einige der Leute, die von ihr konfrontiert wurden, damit aufgehört haben. Sie ist jedoch nicht sicher, ob sie die professionelle Hilfe bekommen, die sie ihnen nahegelegt hat. Sie gibt ihnen in jedem Fall eine Hilfestellung, ihre Zwänge zu bewältigen und das Stigma zu überwinden: „Eine Zeit lang habe ich immer wieder von einem [den ich geoutet habe] gehört, der meinte: ‚Ich will unbedingt einen neuen Blog anfangen. Ich brauche wirklich Hilfe'", erinnert sie sich. „Ich meinte dann immer: ‚Schreib darüber, dass du ein Münchhausen-Patient bist. Das ist sehr viel interessanter als eine falsche Krebserkrankung und die Leute werden dich unterstützen, wenn du darüber schreibst, was in dir vorgeht."